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Experte warnt vor koreanischer Neureligion „Shinchonji“

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Der evangelische Weltanschauungsexperte Oliver Koch warnt vor der Missionierung durch Mitglieder der koreanischen Neuoffenbarungsreligion „Shinchonji“ („Neuer Himmel und neue Erde“).

Nach dem ersten Kontakt zu Mitgliedern der Sekte Shinchonji folgt meist die Einladung zu Bibelkursen.
Nach dem ersten Kontakt zu Mitgliedern der Sekte Shinchonji folgt meist die Einladung zu Bibelkursen. Quelle: http://www.unsplash.com

„Shinchonji ist die im Moment konfliktträchtigste neue religiöse Gruppierung in Deutschland“, sagte Koch in Frankfurt am Main dem Evangelischen Pressedienst (epd). Sie setze auf ein System von „Intransparenz und Täuschung“ und benutze „die strategisch durchorganisierte Missionsmethode des Sheep Stealing“. Schwerpunktstädte seien Frankfurt und Berlin mit jeweils rund 500 Mitgliedern. Auch in Darmstadt, Marburg, Essen, Stuttgart und Hamburg gebe es Gruppen. Alleine in diesem Jahr habe er 40 bis 50 Anfragen von Angehörigen, Eltern und Aussteigern erhalten.

„Shinchonji“ wurde 1984 von dem südkoreanischen Neuoffenbarer Man-Hee Lee gegründet. Der 88-Jährige stehe nach wie vor an der Spitze der streng hierarchisch aufgebauten Neureligion und bezeichne sich selbst als der „versprochene Pastor der Endzeit“, erläuterte der Referent für Weltanschauungsfragen der kurhessischen und hessen-nassauischen Kirche. Lee wirke nicht durch sein Charisma, sondern durch sein Machtbewusstsein und seinen Einfluss. Die Gemeinschaft bestehe aus zwölf Stämmen, die nach den Aposteln benannt seien. In Deutschland missioniere der Stamm Simon. Internes Erkennungszeichen seien eine gelbe Krawatte oder ein gelbes Halstuch mit dem eingestickten Namenszug des geistlichen Oberhaupts.

Nach den Worten von Koch verfolgt „Shinchonji“ zwei Missionstaktiken. Zum einen sprächen Mitglieder gezielt vor allem junge Leute nach Gottesdiensten, auf der Straße oder im Umfeld von Universitäten an. Familiäre Hintergründe, Vorlieben und Verfehlungen seien zuvor von ihnen „ausspioniert“ und auf sogenannte „Früchte-Informationsblättern“ notiert worden. Nach der persönlichen Kontaktaufnahme etwa über gemeinsame Musik- oder Sportinteressen folge in der Regel die Einladung zu Bibelkursen. Wer dazu einlade, werde bewusst verschleiert. Als Tarnnamen benutzten Shinchonji-Organisationen zurzeit „Bible Center“ (BC), „Open Bible Academy“, „International Peace Forum“ oder „Christliches Abend Zentrum“.

Die Bibelkurse seien „sehr verbindlich und zeitintensiv“, sagte Koch. Sie fänden in der Regel morgens von 6.30 bis 8.30 Uhr statt und abends bis spät in die Nacht. Am Nachmittag stehe ab 15 Uhr die Missionierung auf dem Programm. Dabei würden die Teilnehmer durch die persönliche Ansprache, die sehr hohe Verbindlichkeit, den sozialen Druck, ein dualistisches Weltbild („Wenn du nicht mitziehst, bist du verloren“), und Angstmacherei in die gewünschte Richtung gelenkt. Kritik werde nicht geduldet und andere Kirchen würden als dämonische Werkzeuge angesehen.

Der zweite Missionierungstaktik bestehe darin, kirchliche und freikirchliche Gemeinden und Einrichtungen zu unterwandern und Mitglieder dadurch abzuwerben. „Man-Hee Lee hat diese Taktik 2017 ausgerufen mit dem Slogan ’Gemeinden sind unser Futter’“, berichtete Koch. Dabei operiere die Neureligion mit den Schlagworten „Frieden“, „Jugend“ und „Bibel“. In Frankfurt trete sie beispielsweise unter den Namen „International Peace Youth Group“ (IPYG), „International Womens Peace Group“ (IWPG) oder „Heavenly Culture, Worlds Peace, Restoration of Light“ (HWPL) auf.

Die Beratungsarbeit offenbare, wie massiv „Shinchonji“ die Persönlichkeit der Menschen verändere, fügte der Weltanschauungsreferent hinzu. Beziehungsabbrüche fänden sehr schnell statt. Die Betroffenen fühlten sich oft wie in einem Tunnel und wollten nur noch missionieren. Viele gäben ihren Beruf auf, darunter auch Ärzte, Pädagogen und Psychotherapeuten.


Zur Person: Weltanschauungsreferent Oliver Koch

Pfarrer Oliver Koch (46) ist seit 2013 Referent für Weltanschauungsfragen am Zentrum Oekumene der beiden hessischen evangelischen Landeskirchen in Frankfurt am Main. Er studierte Theologie und Religionswissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen/Nürnberg und an der Philipps-Universität in Marburg. Zudem absolvierte er unter anderem eine zweijährige Langzeitfortbildung an der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin.

Die Beratungsarbeit liege ihm sehr am Herzen, sagte Koch dem Evangelischen Pressdienst (epd). Er investiere die Hälfte bis drei Viertel seiner Arbeitszeit in die Beratung von Privatpersonen, Angehörigen und Einrichtungen „weit über den kirchlichen Bereich hinaus“. Insgesamt komme er auf mehr als 400 Beratungen im Jahr, die sowohl im Frankfurter Zentrum Oekumene als auch im Kasseler „Haus der Kirche“ stattfänden. Die Zahl wachse, auch weil es zunehmend kleinere und Kleinstgruppierungen mit sogenannten „Wohnzimmer-Gurus“ gebe.

Darüber hinaus mache er Öffentlichkeitsarbeit, besuche Veranstaltungen von Neureligionen, christlichen Sondergemeinschaften oder esoterischen Gruppen und führe Gespräche mit deren Mitgliedern sowie mit Aussteigern, sagte Koch. Den Rest seiner Arbeitszeit widme er der „Vernetzungsarbeit“ mit den Kolleginnen und Kollegen aus den evangelischen Landeskirchen und den katholischen Bistümern sowie der Organisation von eigenen Veranstaltungen. So biete er zum Beispiel im kommenden Jahr einen Studientag zu rechter und brauner Esoterik an.


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epd 53 Artikel

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