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Ganz was anderes als „Cancel Culture“ – Gotteshäuser öffnen sich für „Kultur unter der Kanzel“

Eine Reihe von evangelischen Kirchengemeinden in Frankfurt und Offenbach überlassen ihre Gotteshäuser in Corona-Zeiten Kulturschaffenden als Bühne. Der Sprecher, Kabarettist und Musiker Matthias Keller ist einer von ihnen.

Matthias Keller I Foto: Nina Siber
Matthias Keller I Foto: Nina Siber

Matthias Keller, das ist der von den kultigen U-Bahn-Kontrollören in tiefgefroren Frauenkleidern, die es nicht mehr gibt und die doch ab und an in Rhein-Main auftreten. Die „Stationvoice“ des Senders HR 1 gibt Keller seit 2009. Buderus hat ihn für Werbung gebucht, Tommy Hilfiger hat das Timbre des Frankfurters zugesagt, genauso wie Online-Spielproduzenten und dem Städel. Auf der Stalburgbühne haben viele den 50–jährigen schon gesehen – doch mit Bühne ist in Corona-Zeiten erst einmal nichts. Fast nicht. Am Mittwoch, 4. November, tritt er in der Evangelischen Kirchengemeinde Bornheim auf im Rahmen von „Kultur unter der Kanzel“.

Die Gemeinde hat ihren Barockbau an der Turmstraße für eine Reihe an Bühnenschaffenden geöffnet, denen es in der Corona-Zeit an Auftrittsmöglichkeiten mangelt. Die Gemeinde Dreifaltigkeit, gelegen zwischen Kuhwaldsiedlung und Europaviertel, hat mitgezogen und lässt neben ihm Sterne des Varietés oder auch Jo van Nelsen auftreten, in Frieden und Versöhnung im Gallus und in der Offenbacher Friedenskirchengemeinde wird das in Bornheims Johanniskirche gestartete „Tourneeprogramm“ gleichfalls zu sehen sein.

Olaf Lewerenz, Pfarrer für Stadtkirchenarbeit an Sankt Katharinen in der Frankfurter Innenstadt, hat der Dramatischen Bühne das Gotteshaus an der Hauptwache im Herzen Frankfurts dieser Tage überlassen – werben will er nicht – „ausverkauft“. Ganz offensichtlich, das Bedürfnis nach Kultur ist auch in diesen Zeiten nicht erloschen. Kirchen bieten sich an als Veranstaltungsorte, denn hier werden allsonntäglich Abstandsregeln, Desinfizieren, Masketragen geübt.

Matthias Keller war neulich schon mal in der Bornheimer Kirche, hat dort gemerkt, ein wenig muss er seine Modulation verändern, „da ist viel Hall in der Kirche“, ein bisschen langsamer will er sein Solo-Programm vortragen, „das verwäscht sich sonst“. Als „One Man Bigband“ tritt Keller auf. Mit Gitarre, Piano und zwei Mikrofonen im Halfter steht er auf der Bühne. Dazu auf dem Boden eine Batterie von Knöpfchen, Schaltern, Pedalen und Kabeln. Von dieser Loop-Station hat das neue Programm seinen Namen: „Loopinsland“.

Nicht verwässern will Matthias Keller an dem Abend in der Johanniskirche den Inhalt, der auch Bissiges in Richtung Kirche enthält, es werden Spitzen ausgefahren, auch nicht wieder eingeholt, dem folgt ein Gospelsong. Das Aufeinandertreffen sagt Keller zu. Angst vor pfarramtlichem Zorn habe er nicht. Im Übrigen habe neulich der Pfarrer der Bornheimer Gemeinde schon mal im Publikum gesessen und durchaus nicht entsetzt auf die kabarettistischen Spitzen reagiert.

Aufgewachsen in einer katholischen Familie, pflegt Matthias Keller heute Distanz zur Kirche „schon längst ausgetreten“, sei er. Eine zeitlang hat der Sprecher und Bühnenkünstler sich mit Buddhismus befasst, auch da führten die Wege wieder weg, jetzt sieht er sich als „spirituellen Menschen“, in Sachen Glauben institutionell ungebunden.

Und doch taucht Kirchliches bei ihm auf: Bevor Keller unter dem Stichwort „Referenzen“ auf seiner Homepage namhafte Unternehmen, populäre Online-Spiele und Hörspiel-Produktionen auflistet, kommt die Kategorie „Wirklich wichtig“: die Diakonie Katastrophenhilfe, ein Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland, zählt zu den Vieren, genauso wie Pro Asyl, die Welthungerhilfe, für alle drei hat er auch schon sein Talent ehrenamtlich eingesetzt, bei der jüngst hinzu gekommenen „Fridays for Future“-Bewegung ist er „privat“ mit auf die Straße gegangen.

Dank seiner Synchron- und Werbeaufträge sei er in der Corona-Krise recht gut abgefedert, berichtet Matthias Keller, für ihn ist der Auftritt in der Johanniskirche eher eine Gelegenheit, mal wieder das Publikum zu unterhalten und selbst „Bühnenluft“ zu genießen.

Doch Leute, denen es anders geht, sind ihm nicht egal – offenkundig. Auf der Startseite von Kellers Homepage wird das Logo einer Spendenaktion zugunsten von Sprecher*innen eingeblendet, per Klick geht es direkt drauf. Dieses Frühjahr schrieb der Sprecher und Musiker „Umarmen“ – den Song zur Corona-Krise. HR-Moderator Tobi Kämmerer, die Kabarettistin und Grüne-Soße-Festival-Macherin Maja Wolff und andere spielten ihn mit ein. Was an Geld reinkam, ging an „Ärzte ohne Grenzen“.

Von Beginn an hat Keller in diesem Corona-Jahr diverse Aktionen zur Unterstützung von Kulturschaffenden in Rhein-Main begleitet. Es bleibt noch viel zu tun – da ist er sich mit den Kirchengemeinden, die Auftrittsorte schaffen, einig.


Autorin

Bettina Behler 126 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach