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Gottesdienst zum Reformationsfest: Barmherzigkeit und Sanftmut – was steckt hinter diesen Begriffen?

Der evangelische und der katholische Stadtdekan haben am Reformationstag zwei Seligpreisungen in ihrem gemeinsamen Gottesdienst in der Sankt Katharinenkirche aufgegriffen.

Seite an Seite in Sankt Katharinen: Der evangelische Stadtdekan Holger Kamlah und der katholische Stadtdekan Johannes zu Eltz  |  Foto: Sophie Schüler
Seite an Seite in Sankt Katharinen: Der evangelische Stadtdekan Holger Kamlah und der katholische Stadtdekan Johannes zu Eltz | Foto: Sophie Schüler

Der evangelische und der katholische Stadtdekan begehen zusammen in der Sankt Katharinenkirche an der Frankfurter Hauptwache den Reformationstag, ein vertrautes Bild – fast. Erstmals stand gestern Abend der neue evangelische Stadtdekan Holger Kamlah neben seinem katholischen Pendant Johannes zu Eltz in dem evangelischen Gotteshaus vor dem Altar. „Es sind unruhige Zeiten“, sagte Holger Kamlah eingangs. „Vor Dich tragen wir unsere Angst“, äußerte er im Gebet.

Für den 31. Oktober 2023 lagen die Seligpreisungen, Matthäus 5,1-10, als Predigttext vor. Beide Stadtdekane wählten jeweils eine davon aus. Über „Sanftmut“ sprach Kamlah, über „Barmherzigkeit“ zu Eltz. „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen“, heißt es in der Lutherübersetzung. Manchmal sei es in der Not angebracht zu schweigen, auch Hiob habe in seinem Leid Begleitung im Schweigen erlebt. Aber manchmal ermögliche Sprache auch, eine andere Wirklichkeit zu schaffen, sie werde zur Poesie. Die Seligpreisungen zeichne genau das aus, so der evangelische Stadtdekan.

Das Wort „Sanftmut“, das scheinbar Unterschiedliches vereinbart, spreche ihn an – Begriffe wie entschlossen und zärtlich assoziiere er. Sanft und mutig: „In der Regel erlebe ich das eine oder das andere“, sagte Kamlah und fügte hinzu, es sei ein „Segen, sich vorzustellen, Menschen verbinden beides“, Jesus nannte er als Beispiel dafür, aber auch Nelson Mandela und den jungen afghanischen Flüchtling, den seine Familie seit sieben Jahren begleitet. Auch auf die Bedeutung des Begriffs „Erdreich“ in der Seligpreisung ging der evangelische Stadtdekan ein: Sanftmut „ihr Platz ist hier“, in dieser Welt. Er sehne sich nach Menschen, die ihren Einsatz „für das Richtige mit der gebotenen Gottesfurcht verbinden“.

„Selig die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen“, lautet die fünfte Seligpreisung in der Lutherbibel, in der katholischen Einheitsübersetzung ist zu lesen: „Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden.“ Johannes zu Eltz sagte: „Wir sind also sprachlich nahe beieinander, und wir sollten es auch in der Sache sein.“

Das Wort „Barmherzigkeit“ werde im Alltag selten gebraucht, anders als „Demut“, ein Begriff, den die Politik dauernd im Munde führe, befand zu Eltz. Für ihn bedeutet Barmherzigkeit „die Gestalt, die die Liebe annimmt, wenn sie der Not des anderen ansichtig wird“. Für ihn ist Barmherzigkeit nichts Flüchtiges. Zwischen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit bestehe ein Spannungsverhältnis, er sagte, die Barmherzigkeit gehe über die Gerechtigkeit nicht hinweg, sondern über sie hinaus.

In seinen Ausführungen nahm der katholische Stadtdekan Stellung zu dem aktuellen Konflikt in Nahost: Er sei überzeugt, dass die Hamas nur mit massiver Gewalt unschädlich gemacht werden könne, deshalb erscheine ihm das Vorgehen der israelischen Regierung auch richtig. Doch „vom Evangelium her sprechen heißt ,aber‘ sagen dürfen“, auch auf der Gegenseite handele es sich trotz aller grausamen Verbrechen um Menschen. „Das setzt der Gerechtigkeit auf allen Seiten Grenzen.“

Nicht nur für Holger Kamlah war es der erste Reformationstagsgottesdienst in neuer Rolle, Klaus Eldert Müller, der in diesem Jahr das Kantorat in Sankt Katharinen übernommen hat, führte erstmals bei diesem Anlass musikalische Regie. Neben der Kantorei Sankt Katharinen wirkte Markus Bebeck an der Trompete mit. Musik machte einen Großteil des Gottesdienstes aus, von Händel bis Morricone reichte das Spektrum, das Müller auch an der Orgel wiedergab.


Hier finden Sie die Ansprachen der beiden Stadtdekane im Wortlaut.


Autorin

Bettina Behler 269 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach