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Nach mehr als drei Dekaden Abschied von Dreikönig

Propst Oliver Albrecht verabschiedet Pfarrer Jürgen Seidl am 14. April in einem festlichen Kantatengottesdienst in den Ruhestand.

Pfarrer Jürgen Seidl in seiner neuen Sachsenhäuser Wohnung  I Foto: privat
Pfarrer Jürgen Seidl in seiner neuen Sachsenhäuser Wohnung I Foto: privat

„Eine Ära endet“ – diese Formulierung fällt oftmals, wenn jemand in den Ruhestand geht. Aber in diesem Fall passt es: Wann gibt es das schon mal, dass Jugendfreunde mehr als 30 Jahre Seite an Seite eine Tätigkeit ausüben? Am Sonntag, 14. April, 11 Uhr, wird Pfarrer Jürgen Seidl in einem Festgottesdienst in der Dreikönigskirche am Sachsenhäuser Ufer von Propst Oliver Albrecht in den Ruhestand verabschiedet. Sein Jugendfreund Thomas Sinning, die beiden hatten sich in Teenagerzeiten beim Evangelischen Jugendwerk kennengelernt, wurde vor vier Monaten nach 33 Jahren als Pfarrer in Sachsenhausen pensioniert.

So ganz stimmt es nicht mit dem „Seite an Seite“ – denn erst zum 1. Januar 1997 fusionierten Berg-, Süd- und Dreikönigsgemeinde und aus den beiden wurden unmittelbare Kollegen. Im Februar 1990, also vor 34 Jahren, war Seidl von Pröpstin Helga Trösken in der Dreikönigskirche ordiniert worden, nachdem er zu Jahresbeginn seinen Dienst aufgenommen hat. Als Zuständigkeitsbereich erhielt er damals den Nordwesten der Gemeinde, rund um die im städtischen Besitz befindliche Dreikönigs-Dotationskirche. Auch das Umfeld des Schlachthofs gehörte dazu.

„Da hat sich viel geändert in den 30 Jahren“. Wo früher geschlachtet wurde, ist jetzt das Deutschherrenviertel angesiedelt, mit schicken Neubauten am Fluss, günstigerem Wohnraum an der Gerbermühlstraße. Die Brückenstraße, einst eine durchschnittliche Altbaugegend, „steht inzwischen in Reiseführern“, die Leute wollen hier „einen Blick in die Schaufenster der hippen Geschäfte werfen“ erzählt Seidl. Ein paar Straßenzüge weiter, in Altsachsenhausen wohnen weniger Betuchte, „es gibt hier bis heute eine Mischung“, findet der Pfarrer, der betont, „Ich habe meinen Beruf sehr gern ausgeübt“.

Mit Blick auf das Zusammengehen der Gemeinden sagt er: „Die ersten Jahre waren nicht einfach.“ Besonders die Diskussionen um das Gebäudekonzept seien belastend gewesen. Aktuell sind die Oberräder Erlösergemeinde, die Dreikönigsgemeinde und die gleichfalls in Sachsenhausen ansässige Maria-Magdalena-Gemeinde dabei, den neu gebildeten Nachbarschaftsraum auszugestalten, „ich bin ganz froh, mit den Strukturveränderungen, insbesondere den Gebäudefragen, nicht mehr befasst zu sein“, gegen die Mitwirkung in einem größeren Pfarrteam hätte er nichts gehabt, so der angehende Ruheständler, der drei Tage nach seiner Verabschiedung 66 Jahre alt wird.

Jürgen Seidl, geboren in Bockenheim, Abiturient des im Westend angesiedelten Bettina-Gymnasiums, das Studium führte ihn für ein Jahr an die Lutherische Theologische Hochschule Oberursel, dann an die Universität in Heidelberg, ist Sachsenhausen ans Herz gewachsen. Aus der Pfarrwohnung ist er bereits ausgezogen, in der Nachbarschaft hat er sich eine Wohnung gemietet. Alleine ist er dorthin gezogen, 2018 verstarb seine Frau Petra, damals stellvertretende Leiterin der Bahnhofsmission, am Dreikönigstag 2006 hatten die beiden geheiratet.

Vieles hat er beim Umzug einfach in Kisten gepackt, die neue Wohnung ist kleiner, in nächster Zeit geht es erst einmal ums Sortieren. Seidl freut sich aber auch auf mehr Zeit fürs Kulturleben. Schon in den Arbeitsjahren hat er gerne die Museen am Mainufer aufgesucht, jetzt will er, der sich in Jugendjahren auch für Naturwissenschaftliches interessierte, „mal wieder ins Senckenbergmuseum“. Als Interessen zählt er sein langjähriges Opernabonnement auf, im Ruhestand möchte er eine Arbeit zu Goethes Faust und dem biblischen Buch Hiob wieder aufgreifen, die er vor Jahren in einer Studienzeit begonnen hat.

Das Vertiefen von Theologie war ihm nicht Mühe, sondern in der Unizeit und bei den Predigtvorbereitungen „eine Bereicherung für Frömmigkeit und Persönlichkeitsentwicklung“. Gerne hat er auch über die Jahre zwischen erstem Advent und Palmsonntag die meditativen Orgelvespern an den Samstagnachmittagen textlich gestaltet. Das geschliffene Wort, viel Sinn für den Kirchraum brachte Seidl in Gottesdienste ein. „Das Liturgische stammt wahrscheinlich aus der katholischen Kirche“, ihr gehörte der aus einer ökumenischen Familie Stammende bis zum Abitur an.

Jetzt kann Jürgen Seidl alles auch erstmal loslassen – in dem Wissen, dass seine langjährige Kollegin Pfarrerin Silke Alves-Christe und Pfarrerin Johanna Bergner, die Nachfolgerin von Thomas Sinning, die Geschicke der 4.798 Mitglieder zählenden Dreikönigsgemeinde übernehmen. Komplettieren wird das Trio am 1. Mai sein Nachfolger Thomas Reitz, der zuletzt Pfarrer im Dekanat Dreieich-Rodgau war. Die Dreikönigsgemeinde ist nicht nur groß, „sie ist auch eine sehr attraktive Gemeinde“, resümiert Jürgen Seidl.


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Bettina Behler 303 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach