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Neue Generationen bringen sich in die religiöse Debatte ein

Das Refektorium des Frankfurter Dominikanerklosters wurde für vier Tage zur Heimstätte eines interreligiösen digitalen Zelts. Von hier aus wurden Diskussionen, Kulturprogramm und Andachten ins Netz gestellt.

v. li. aus dem Organisationsteam Petra Kunik, Ertugrul Sahin, Susanna Faust Kallenberg, umrahmt von den Musikern Thomas Wächter und Abuseyf Kinik
v. li. aus dem Organisationsteam Petra Kunik, Ertugrul Sahin, Susanna Faust Kallenberg, umrahmt von den Musikern Thomas Wächter und Abuseyf Kinik

Abschlussabend von „Unter einem Zelt“, vier Tage interreligiöses Programm gehen zu Ende. Im Refektorium des Dominikanerklosters leuchten noch mal die Scheinwerfer, die Kameras sind im On-Modus, von den Computern aus wird ins Netz gestreamt: Irith Gabriely, Queen of Klezmer, musiziert, neben ihr an der Saz der Alevit Abuseyf Kinik aus Anatolien, Thomas Wächter, der sonst die beiden an der Orgel begleitet, spielt heute auf dem Akkordeon. Was für ein harmonisches interreligiöses Trio – zum Abschied noch mal ein wahrer Höhepunkt.

Während der Tage lag der Fokus auf Themen, die mit Frankfurt und seiner Umgebung verbunden sind, zum ersten Mal blicken an diesem Abend die Koordinator:innen des Zeltes zusammen mit der in Israel geborenen Jüdin Gabriely auf den aktuellen Raketenbeschuss und die gewalttätigen Ausschreitungen. Die Musikerin erinnert an ein Lied, das 1995 auf der Friedensdemonstration gesungen wurde, auf der der israelische Ministerpräsident Jitzchak Rabin einem Attentat zum Opfer fiel. „Wir dürfen nicht aufhören, für den Frieden zu singen!“ fordert die Klarinettistin im letzten Beitrag des Dialogzeltes auf.

Ein Viererteam, bestehend aus Petra Kunik, Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Frankfurt, Sarah Wohl, Geschäftsführerin des hiesigen Rats der Religionen, Ertugrul Sahin, Universität Heidelberg, bis 2019 Lehrtätigkeit in Religionswissenschaft und Islamisch-Theologischen Studien an der Goethe-Universität, und Susanna Faust Kallenberg koordinierte das Programm im Dialogzelt, das von der Projektinitiative Dialogzelt angeboten wurde.

Anders als 2018 und 2019 wurde coronabedingt nicht zum Dabeisein unter textilem Dach an die Bockenheimer Warte eingeladen, sondern aus dem holzgetäfelten Klosterraum gesendet. Live-Debatten, Live-Zooms, vorproduzierte Videos und Übertragungen von Andachten als Stream machten den Austausch 2021 aus. Sahin hat gefallen, dass beispielsweise zu dem Stream „Humanitäre Hilfe und Interreligiöse Begegnung“ ein Sikh aus London zugeschaltet werden konnte. „Wir sind wesentlich internationaler geworden“, sagt er. Von der Universität Sarajewo kamen Beiträge, die den Horizont des Zeltes deutlich erweitert haben, ein Fotograf beschrieb eine Pilgerfahrt im Irak. Ein Höhepunkt der Tage war für Petra Kunik das digitale Treffen mit Schüler:innen der Albert-Einstein-Schule in Schwalbach: „Das war ganz was Besonderes“ – das Gespräch, das ein abrahamisches Team, in dem Christentum, Judentum und Islam vertreten waren, mit den Jugendlichen führte. Vor allem untereinander sei in dem „Online-Klassenzimmer“ einiges in Bewegung gekommen, berichtet Kunik.

Faust Kallenberg hat den Eindruck – im Vergleich zu früheren Jahren: „Wir erleben einen Generationenwechsel und damit auch einen Paradigmenwechsel vor allem in den Gemeinden mit Migrationshintergrund.“ Eine jüngere in Deutschland geborene Generation gewinne im interreligiösen Dialog an Bedeutung. Das bedeutet neue Themenschwerpunkte, wie zum Beispiel die Jugendarbeit oder auch der Religionsunterricht. Alle drei sagen, „es geht mehr in die Gesellschaft hinein“. Religion werde weniger als rein privat zu sehendes Phänomen wahrgenommen.

Sahin ist am Ende erschöpft, zwei Zoom-Veranstaltungen am letzten Tag, „dazu hatte ich noch ein Kolloquium an der Uni“. Faust Kallenberg erlebte manches Mal die Situation: Mit dem Handy an einer Debatte beteiligt, am Laptop bemüht, die nächste Runde ins Laufen zu bringen. Es gab auch einzelne technische Holperer, doch im Großen und Ganzen ist sie sehr zufrieden, über den Ablauf. „Ohne unsere Kameramänner und Techniker hätte das nie so gut funktioniert. Ich gehe davon aus, dass wir in Zukunft mehr und mehr hybrid machen“.

Sarah Wohl etwa schlägt vor, zu den Religionsgemeinschaften kleine Filme zu drehen. Das wäre ein gutes Modell für den Rat der Religionen und es macht auch manche Veranstaltungen nachhaltiger. So waren bei einer Zoom-Veranstaltung am Vormittag nur wenige beteiligt, doch schon 24 Stunden später hatten sich 80 Personen zusätzlich eingeschaltet, die vormittags keine Zeit gehabt hatten.

Nach dem Abschluss des digitalen Dialogs finden sich viele Livestreams und Videos weiterhin auf der bekannten Website www.unter-einem-zelt.de im Netz. Dazu gehören zum Beispiel die Videos, die Schüler:innen und Konfirmand:innen aus Offenbach im Rahmen der Filmaktion gedreht haben oder der knapp acht Minuten dauernde Auftakt von Bildungs- und Integrationsdezernentin Sylvia Weber, in dem sie nicht nur Harmonie beschwört, sondern auch erwähnt, wo es noch an interreligiöser Achtsamkeit in der Stadt mangelt. Zu finden ist im Netz der aufgezeichnete Ramadanfestgruß des evangelischen Stadtdekans Achim Knecht, des katholischen Stadtdekans Johannes zu Eltz, von Oberbürgermeister Peter Feldmann, Bürgermeister und Kirchendezernent Uwe Becker, Integrationsdezernentin Sylvia Weber, HR-Intendant Manfred Krupp und des Vorsitzenden des Rates der Religionen Professor Joachim Valentin.

Zwei religiöse Feiertage trafen sich zum Schluss des Dialogzeltes – das Zuckerfest zum Ende des Ramadans und Christi Himmelfahrt, beides fiel 2021 auf den 13. Mai. Auf dieses Datum fiel auch Auftakt des 3. Ökumenischen Kirchentag in Deutschland. „Schaut hin“, greift Kunik in ihrem Resümee das Motto des ÖKTs auf, „das ist auch gut für den interreligiösen Dialog“. „Und hört zu“, ergänzt Faust Kallenberg.


Autorin

Bettina Behler 164 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach