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Neujahrsgruß des Stadtdekans

2022 war ein Krisenjahr. Was wird uns das Jahr 2023 bringen? In seinem Neujahrsgruß zieht der evangelische Stadtdekan von Frankfurt und Offenbach Achim Knecht Bilanz, gleichzeitig ruft er für das neue Jahr zu Zuversicht auf.

Stadtdekan Dr. Achim Knecht
Stadtdekan Dr. Achim Knecht

Die Advents- und Weihnachtszeit ist auch die Zeit der Jahresrückblicke. Podcasts, Fernsehen und Radio, Zeitungen und Magazine haben die Höhe- und Tiefpunkte des Jahres Revue passieren lassen. Ebenso schauten viele Menschen auch persönlich zurück: Was hat das alte Jahr gebracht? Welche guten Vorsätze habe ich verwirklicht? Was bleibt? Hoffentlich können sie sagen: Privat war es ein gutes Jahr, sowohl in der Familie, als auch im Beruf wie im Freundeskreis.

Gesamtgesellschaftlich lautet die Bilanz jedoch: 2022 war ein Krisenjahr.

Der Krieg ist zurück in Europa. Die russischen Bombenangriffe auf die ukrainische Infrastruktur machen sprachlos. Viele Menschen in der Ukraine wissen nicht, ob und wie sie diesen Winter überstehen werden. Ihnen gelten meine Sorge und mein Mitgefühl. Hunderttausende haben sich aufgemacht, um aus ihrem Land in Sicherheit zu fliehen. Bei denjenigen, die den zweiten Weltkrieg miterlebt haben, wecken die Bilder dieses Krieges schlimmste Erinnerungen.

Der russische Angriff auf die Ukraine löste in vielen Ländern Europas eine Energiekrise aus. Die Kosten für Heizung und elektrischen Strom haben sich enorm verteuert. Die Auswirkungen spüren wir jeden Tag: In Arbeitsräumen und Gemeindehäusern, die nur noch auf niedrige Temperaturen geheizt werden können. Und während Gottesdiensten und Konzerten, bei denen die Kirchen kalt bleiben müssen.

Mit großer Sorge schauen wir als Evangelische Kirche in Frankfurt und Offenbach auf die Menschen mit geringem Einkommen. Unter der Teuerung leiden die einkommensarmen Haushalte besonders. Dazu kommt auch ein Mangel an Fachpersonal in vielen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft. Kindertagesstätten, Hotels und Gastronomie, Kliniken, Bahnunternehmen, Handwerksbetriebe – alle suchen händeringend nach geeigneten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Das Jahr 2022 war wirklich ein Krisenjahr. Was wird uns das Jahr 2023 bringen?

„Wir gehn dahin und wandern / von einem Jahr zum andern, / wir leben und gedeihen / vom alten bis zum neuen // durch so viel Angst und Plagen, / durch Zittern und durch Zagen, / durch Krieg und große Schrecken, / die alle Welt bedecken“ (EG 58).

Auch bei dem Liederdichter Paul Gerhardt fällt die Jahresbilanz düster aus. 1653 verfasste er diese Zeilen, fünf Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges. Sein Leben war eine einzige Krisenzeit. Krieg, Pest, Vollwaise mit 14 Jahren, früher Tod von vier seiner fünf Kinder, Verlust der Anstellung. Und doch hat Paul Gerhardt wie kaum ein anderer Lieder voller Zuversicht und Trost gedichtet.

In den weiteren Strophen dieses Liedes beschreibt er, wie Gott die Menschen in all den Schrecken tröstet: Wie eine Mutter ihr Kind auf dem Schoß hält, wenn es vor einem Gewitter Angst hat, so tröstet Gott seine Menschenkinder. Der ewige Gott hält sich nicht heraus aus dem Weltgeschehen. An Weihnachten wird er selbst zu einem Menschenkind und teilt unser Leben. Gott stellt sich auf die Seite der Schwachen, um sie stark zu machen. Er ruft uns dazu auf, selbst auch so menschlich zu werden.

Auf diesen zugewandten Gott setzt Paul Gerhardt sein Vertrauen: „Gelobt sei deine Treue, / die alle Morgen neue; / Lob sei den starken Händen, / die alles Herzleid wenden.“

Da funkelt ein Lichtblick in die Jahresbilanz. Es bleibt nicht düster. Gott wendet das Schicksal. So gibt es auch bei der Rückschau auf 2022 einige Lichtblicke. So zum Beispiel die große Hilfsbereitschaft, mit der viele Menschen in Deutschland, auch in Frankfurt und Offenbach, den Geflohenen aus der Ukraine geholfen haben und noch immer helfen.

Viel Verständnis, aber auch einige Kritik gab es für den Beschluss unserer Stadtsynode, in diesem Winter auf das Heizen der Kirchengebäude zu verzichten, damit das Gas bis zum Ende des Winters reicht – für Kindergärten, Seniorenheime, Schulen, betreute Wohngruppen, Krankenhäuser und überall dort, wo Menschen besondere Fürsorge brauchen. Diesen Beschluss aus dem Geist der Solidarität tragen viele Besucherinnen und Besucher der Gottesdienste und Konzerte mit. Dafür bin ich sehr dankbar.

Ein großer Lichtblick sind auch die vielfältigen Angebote unserer sozial-diakonischen Dienste. Im Hinblick auf die hohe Inflation gilt ihr Augenmerk besonders den einkommensschwachen Haushalten. Sie dürfen nicht abgehängt und alleine gelassen werden. In unseren Städten gibt es viel sichtbare und unsichtbare Not. In dieser Situation wollen wir dazu beitragen, dass Menschen eine neue Perspektive finden.

2023 wird nicht plötzlich alles gut. Doch es stimmt mich zuversichtlich, dass viele Haupt- und Ehrenamtliche in den Kirchengemeinden und in den Einrichtungen des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt und Offenbach daran mitwirken, Not zu lindern und die Situation der Menschen zu verbessern. Dafür danke ich allen sehr herzlich!

Möge Gott auch weiterhin an unserer Seite bleiben und das kommende Jahr zum Guten wenden: „Sprich deinen milden Segen / zu allen unsern Wegen, / lass Großen und auch Kleinen / die Gnadensonne scheinen.“


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Achim Knecht 4 Artikel

Dr. Achim Knecht ist Pfarrer und evangelischer Stadtdekan von Frankfurt und Offenbach.