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„Oft wissen wir nicht weiter“

Gesundheitsdezernent Stefan Majer und Onkologie-Chefärztin Elke Jäger, Nordwestkrankenhaus, beteiligten sich mit persönlichen Statements am ökumenischen Corona-Gedenken in der Diakonissenkirche.

Andacht in der Diakonissenkirche: v.li. Pfarrerin Silke Peters, Oberin Heidi Steinmetz, Prodekanin Ursula Schoen  |  Foto: Rolf Oeser
Andacht in der Diakonissenkirche: v.li. Pfarrerin Silke Peters, Oberin Heidi Steinmetz, Prodekanin Ursula Schoen | Foto: Rolf Oeser

Die Karten, die Samstagabend beim Corona-Gedenken im Dom standen, wurden am Sonntagabend in der Diakonissenkirche im Nordend aufgestellt, bevor sie nun am Ende dieses ökumenischen Innehaltens und Gebets inmitten der Pandemie in guter ökumenischer Zusammenarbeit im Zentrum für Trauerseelsorge aufbewahrt werden.

Prodekanin Ursula Schoen vom Evangelischen Stadtdekanat Frankfurt und Offenbach, Oberin Heidi Steinmetz aus dem Diakonissenhaus und die in Frankfurt für Altenseelsorge zuständige Pfarrerin Silke Peters hielten die Andacht in der Kirche im Nordend. Gesundheitsdezernent Stefan Majer und die Medizinerin Professorin Elke Jäger, Expertin für Onkologie und Hämatologie am Frankfurter Nordwestkrankenhaus, schlossen sie mit persönlichen Statements.

Stadtrat Stefan Majer iin der Diakonissenkirche I Foto: Rolf Oeser
Stadtrat Stefan Majer iin der Diakonissenkirche I Foto: Rolf Oeser

Für ihn sei es ein „sehr tröstlicher Abend“, sagte Majer beim Corona-Gedenken in der Diakonissenkirche in seiner Ansprache. Er stehe hier „als Politiker und evangelischer Christ“. Eineinvierteljahr währe nun schon der Einsatz gegen die Pandemie. Von Tag eins an sei klar gewesen, oberster Maßstab wird sein, das Leben der Menschen zu retten und von Tag eins an sei auch klar gewesen, dass es nicht gelingen werde, jedes Leben zu retten. „Oft wissen wir nicht weiter“, räumte Majer ein, er habe immer wieder vor Entscheidungen gestanden, „die für mich schwer zu tragen waren“. Majer, der Theologie studiert hat und Mitglied im Vorstand des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt und Offenbach ist, äußerte „wir haben gemerkt, wir kommen nicht ohne Schuld durch Corona“.

Es sei ein stetes Abwägen. So sei überlegt worden, ob tatsächlich wieder am Samstag zwischen Karfreitag und Ostersonntag zu einem Großen Stadtgeläut in die Innenstadt eingeladen werden solle. Vor Weihnachten sei das ja zu einem Event geworden, mit großem Zulauf, so etwas habe die Stadt natürlich vermeiden wollen. Und doch als Zeichen der Hoffnung, zwischen dem Tag, der an Jesu Kreuzigung erinnert und dem Tag, der seine Auferstehung feiert, sei es ein wichtiges Zeichen der Hoffnung gewesen, sagte der Stadtrat. Angesichts der Verantwortung, der Fragen um Tod und Leben, sei es gut zu wissen, „dass es auch einen anderen gibt“, Gott, den guten Hirten.

Die Medizinprofessorin Elke Jäger beim Corona-Gedenken in der Diakonissenkirche  |  Foto: Rolf Oeser
Die Medizinprofessorin Elke Jäger beim Corona-Gedenken in der Diakonissenkirche | Foto: Rolf Oeser

Für die in Kliniken Tätigen sei Hoffnung gleichfalls essenziell, aber „Hoffnung wird ausgehöhlt durch Überanstrengung, durch Überforderung“, so Jäger. Deutschland verfüge über ein gutes Gesundheitssystem, aber das, was es seit dem vergangenen Jahr zu tragen habe, gehe an die Grenzen. „Wir haben es mit schicksalhaften Krankheitsverläufen zu tun ohne ursächliche Behandlungsmöglichkeit“.

Jäger sprach auch von „Sekundäropfern“, Menschen meldeten sich nicht zu Untersuchungen an, aus Angst vor Corona. Wertvolle Zeit für die rechtzeitige Diagnose und den Kampf gegen eine Krebserkrankung beispielsweise könne dabei verloren gehen. Große Operationen würden verschoben, weil es an Intensivbetten fehle. Schwer trügen die Klinikbeschäftigten daran, wenn sie Angehörigen zum Schutz der Einrichtung den Zugang zur Station verwehren müssen, das fange an mit hitzigen Diskussionen bei den Pförtnern. „Viele Patienten sterben einsam“, sagte die Onkologie-Chefärztin in der Diakonissenkirche.

„Vieles ist überwältigend, verstörend“, leitete Prodekanin Ursula Schoen den Gottesdienst ein, „unsere Seelen müssen sich ausruhen“. Im Wechsel mit Pfarrerin Peters und Oberin Steinmetz las sie einige Namen der auf den mehr als 300 Karten Genannten vor, vor allen von Menschen, deren Angehörige sich auf den Kirchenbänken eingefunden hatten.

Einsam seien viele gestorben und in äußerst beschränktem Kreis liefen die Beerdigungen ab, das schmerze, äußerte Pfarrerin Peters, die in Frankfurt für Altenseelsorge zuständig ist. Die Pfarrerin sprach aber auch die Einschränkungen an, die die Pandemie mit sich bringt, Kinder und Jugendliche fühlten sich zu Hause isoliert, Gewalt nehme zu.

Der gestrige Sonntag ist im Kirchenjahr mit Psalm 23 verbunden, er beginnt „der Herr ist mein Hirte“, von tiefen Tälern, aber auch von des Hirten Schutz und Begleitung ist die Rede. „Er geht mit uns durch das Dunkle und Schwere hindurch“, sagte Pfarrerin Peters in ihrer Predigt. Das Bild des Hirten lasse auf Gottes Zuwendung hoffen. „Wir wollen ja selber für andere da sein, gerade in Krisenzeiten“, fügte sie hinzu.


Autorin

Bettina Behler 170 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach