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Religionsunterricht am Küchentisch

Die einen lernen daheim, andere, die hessischen Abiturientinnen und Abiturienten, sitzen dieser Tage in den verwaisten Schulen und schreiben ihre Prüfungen. Jan Schäfer und Uwe Martini über Religionsunterricht in diesen besonderen Zeiten.

Viele Schülerinnen und Schüler versuchen derzeit den Unterrichtsstoff zuhause zu lernen.  |
Viele Schülerinnen und Schüler versuchen derzeit den Unterrichtsstoff zuhause zu lernen. | Bild: https://www.colourbox.de

Hessen zählt zu den Bundesländern, in denen trotz Corona-Schutzmaßnahmen Abitur geschrieben wird. Heute stand neben Deutsch, Musik, Sport und anderen Fächern Religion auf dem Plan. „Wie viele schreiben, weiß ich nicht, es besteht keine Pflicht, uns das zu melden“, sagt Jan Schäfer, Leiter des Kirchlichen Schulamts in Offenbach, das unter anderem für Frankfurt und Offenbach zuständig ist.

Schulleitungen, Religionslehrerinnen und –lehrer und die staatliche Schulaufsicht wenden sich an das zur Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) gehörende Amt, dem Schäfer vorsteht. Es ist nicht so, dass die Pädagogen in diesen Tagen panisch bei ihm durchklingeln, um zu erfahren, was geschehen soll in dieser besonderen Situation – Schulen geschlossen, aber von Ferien kann nicht die Rede sein. Klar ist, dass „Religion ein ordentliches Unterrichtsfach ist“, bekräftigt Schäfer. Wie es umgesetzt wird, wenn aktuell aus dem Küchentisch der Unterrichtsraum wird, „ist ganz unterschiedlich“.

Eine Kollegin habe erzählt, sie versuche bewusst, den Stoff zurückzunehmen, nach dem Motto „die sind ohnehin schon so unter Druck“, andere zögen den geplanten Stoff durch, aber eben auf andere Weise. Mit einer Lehrerin, die an einer beruflichen Schule in Frankfurt unterrichtet, habe er telefoniert, die hatte schon seit längerem das Thema „Digitalisierung“ auf dem Plan, jetzt setzt sie es nicht Auge in Auge, sondern von Rechner zu Rechner mit den Jugendlichen um.

E-Learning sei ja schon länger ein Thema – nun bekomme es einen Schub. Nicht nur die technischen Möglichkeiten zu nutzen, sondern auch zu überlegen, „was macht das mit uns?“, sei eine Frage, die im Religionsunterricht erörtert werde. Um Sinn gehe es Schülern, Schülerinnen und den Unterrichtenden. Was heißt Familie? Eine Frage, die sich gegenwärtig in einem besonderen Licht stelle, was bedeutet die Verlangsamung, wie sie aktuell erlebt wird – an Stoff mangele es zurzeit wahrlich nicht, sagt der Theologe Jan Schäfer.

Er verweist auf das Religionspädagogische Institut (RPI) der EKHN und der Evangelischen Kirche von Kurhessen und Waldeck, EKKW, mit Sitz in Marburg. Zu solchen besonderen, aber vor allem zu gewöhnlicheren Zeiten werden dort Materialien entwickelt. Dessen Direktor, Uwe Martini, erzählt, dass er die von dem Leiter der Evangelischen Akademie in Frankfurt Thorsten Latzel formulierten Zehn Gebote für den Umgang mit der Corona-Krise eingespeist habe. Ethische, religiöse, moralische Themen gewönnen aktuell an Bedeutung, ist er sicher.

Nicht alles müsse jedoch von ihm und seinem Team auf die Schnelle aus der Taufe gehoben werden. Martini verweist auch auf die von der Evangelischen Kirche in Deutschland initiierte Seite religionsunterricht.net. Grundschüler und –schülerinnen werden da zum Beispiel angeregt, ein Bibelwort zu illustrieren und das Ergebnis dann per E-Mail an die Lehrkräfte zu schicken. Fünft- bis Sechstklässer bekommen auf der Seite einen 360 Grad-Blick auf die Kreuzkirche in Hamburg-Ottensen geboten und sollen sich mit deren Interieur befassen.

Uwe Martini geht es im Moment nicht nur darum, diese besondere Zeit zu füllen, er ist „vor allem dabei, nach hinten zu denken“. Was heißt es, wenn die Schule wieder angefangen hat und Ostern fand in der Zeit der Corona-Pandemie statt: Auferstehung verpasst? Ein anderer Aspekt: Einschulungsgottesdienste gibt es, nach dem Abitur wird mancherorts zu Gottesdiensten eingeladen – der Direktor des RPI denkt darüber nach, wie Gottesdienste aussehen könnten, wenn der Unterricht vor Ort wieder beginnt.

Dass jetzt zu Abiturzeiten die Religionslehrer nicht nur als Stoffvermittler präsent sind, sondern auch als Schulseelsorger, schätzt Jan Schäfer. Nach dem Interview ruft er noch mal an, eben habe er mit einem Kollegen des Frankfurter Ziehengymnasiums gesprochen. Dass Leute wie er in dieser Ausnahmesituation den Jugendlichen in der Abiturzeit zur Seite stehen – „das freut mich, das ist Kirche in der Krise, wo sie sein muss“.


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Bettina Behler 104 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach

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