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Stadtdekan Knecht: Frieden für die Ukraine und Nächstenliebe für die Opfer

Der Stadtdekan der Evangelische Kirche in Frankfurt und Offenbach sprach auf der Friedensdemonstration auf dem Frankfurter Opernplatz

Stadtdekan Achim Knecht |
Stadtdekan Achim Knecht | Bild: Rolf Oeser

Bei der Kundgebung „Stoppt den Krieg! Frieden und Solidarität für die Menschen in der Ukraine!“ auf dem Frankfurter Opernplatz am Sonntag, 13. März 2022, verurteilte der evangelische Stadtdekan Achim Knecht den Überfall Russlands auf die Ukraine als „Verbrechen“ und rief der russischen Führung zu: „Stoppt die Angriffe! Befehlt euren Truppen den Rückzug nach Russland! Respektiert die Freiheit der Ukraine!“

Solidarität mit den Menschen in der Ukraine sei ein Gebot der Menschlichkeit und der Nächstenliebe. „Darum fordern wir: Zuflucht für die Menschen aus der Ukraine. Auch bei uns in Frankfurt. Auch wenn uns das einiges kosten wird. … Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit gibt es nicht zum Nulltarif“, rief er den 12.000 Demonstrant:innen zu.

12.000 Menschen kamen zu der Kundgebung auf dem Opernplatz. |
12.000 Menschen kamen zu der Kundgebung auf dem Opernplatz. | Bild: Rolf Oeser

Knecht betonte das Recht der Ukraine, ihre Freiheit gegen den russischen Angriff zu verteidigen. „Frieden schaffen ohne Waffen!“ sei auch für die Kirche eine tiefe Überzeugung, die man jetzt nicht über Bord werfen solle. „Aber durch die russische Aggression gibt es einen neuen Horizont für unsere Friedensethik“, sagte Knecht. „Eine freie Gesellschaft braucht auch ein ausreichendes Maß an militärischem Schutz. Sie muss sich gegenüber Mächten und Machthabern verteidigen können, wenn diese ihre Interessen mit Gewalt und militärischen Mitteln durchsetzen wollen. Es geht darum, das Recht des Stärkeren zu begrenzen. Deshalb erlaubt das Völkerrecht auch die Selbstverteidigung.

Scharf kritisierte der Stadtdekan der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche. Patriarch Kyrill rechtfertige diesen Krieg und behaupte, die russische Armee bekämpfe in der Ukraine die „Mächte des Bösen“. „Offenbar meint er die in seinen Augen dekadente Lebensart im Westen“, sagte Knecht. „Er dämonisiert das Recht jedes Menschen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Das richtet sich insbesondere gegen queere Menschen. Damit diskreditiert er den christlichen Glauben. Und verdunkelt die Botschaft von Jesus Christus, die da lautet: Gott liebt jeden Menschen!“


Die Rede von Stadtdekan Achim Knecht im Wortlaut:

Stoppt den Krieg! Unter diesem Motto stehen wir hier zusammen. Freie Bürger:innen in einem freien Land!

Unser Ruf geht nach Moskau. An den russischen Präsidenten Putin. An die Menschen, die im Kreml seine Herrschaft stützen. An die Oligarchen, die sich unter seinem Regime unermesslich bereichert haben. Wir rufen der russischen Führung zu:

Stoppt die Angriffe! Befehlt euren Truppen den Rückzug nach Russland! Respektiert die Freiheit der Ukraine! Der Überfall des russischen Militärs auf die Ukraine ist ein Verbrechen. Präsident Putin hat dieses Verbrechen zu verantworten.

Massive Bombardements auf die ukrainischen Städte - ohne Rücksicht auf die Menschen, die dort leben. Tausende haben das schon jetzt mit ihrem Leben bezahlt. Hunderttausende haben ihr Hab und Gut verloren. Millionen sind auf der Flucht.

Erschüttert sehen wir die Bilder von zerstörten Häusern. Von verzweifelten Menschen. Von verängstigten Kindern. So viel Leid! So viel sinnlose Gewalt!

Viele Menschen empfinden darüber Ohnmacht und Wut. Gläubige richten diese im Gebet an ihren Gott. Ich bin überzeugt, dass dieses Gebet etwas bewirkt. Genauso bin ich überzeugt: Unser klares „Nein“ zu diesem Angriffskrieg wird etwas verändern. Die Welt wird eine andere, wenn wir heute und hier laut und deutlich „Nein“ sagen zur Gewalt!

Die Bilder aus diesem Krieg appellieren an uns: Helft den Überfallenen! Es ist ein Gebot der Menschlichkeit: Solidarität mit den Menschen in der Ukraine! Solidarität mit den Opfern dieses Krieges! Durch ihre Not sind die Menschen in der Ukraine zu unseren Nächsten geworden. Das Gebot der Nächstenliebe ist für viele Religionsgemeinschaften maßgeblich. Darum fordern wir: Zuflucht für die Menschen aus der Ukraine! Auch bei uns in Frankfurt. Auch wenn uns das einiges kosten wird. Auch wenn es den Sozialetat belastet. Solidarität wird nur mit dem persönlichen Einsatz vieler Menschen gelingen. Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit gibt es nicht zum Nulltarif. In der praktizierten Nächstenliebe zeigt sich: Wir sind wirklich freie Menschen in einem freien Land. Frei zur Hilfe für die, deren Freiheit durch den Krieg bedroht wird.

Der Angriffskrieg der russischen Führung gegen das Nachbarland ist durch nichts zu rechtfertigen. Auch nicht durch Lügen. Dieser Krieg ist Unrecht! Der Überfall des russischen Militärs tritt das Völkerrecht mit Füßen. Er bricht die internationalen Verträge, die Russland selbst unterschrieben hat. Der Überfall nimmt den Menschen das Recht auf Leben. Er verhöhnt das Recht auf ein Leben in Freiheit. Dieser Krieg ist Ausdruck einer imperialen und revanchistischen Politik. Die russische Führung will das Recht des Stärkeren durchsetzen. Das wird begründet mit einer mystischen Überhöhung des eigenen Volkes. Dieser Krieg ist auch ein Krieg gegen die Freiheit, wie wir sie kennen und schätzen. Es ist auch ein Krieg gegen den sogenannten „westlichen Liberalismus“.

Ich spreche zu Ihnen als Vertreter der evangelischen Kirche in dieser Stadt, und auch für den katholischen Stadtdekan Johannes zu Eltz. Als Vertreter der christlichen Religion sind wir bestürzt über die Rolle der russisch-orthodoxen Kirche in diesem Konflikt. Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill, versucht, diesen Krieg zu rechtfertigen. Die russische Armee bekämpfe in der Ukraine „die Mächte des Bösen“. Die russische Führung lässt sich dieses Stichwort gerne geben. Offenbar meint der Patriarch die in seinen Augen „dekadente“ Lebensart im Westen. Er dämonisiert das Recht jedes Menschen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Das richtet sich insbesondere gegen queere Menschen. Damit diskreditiert er den christlichen Glauben. Und verdunkelt die Botschaft von Jesus Christus, die da lautet: Gott liebt jeden Menschen!

Wir sind uns selbstkritisch bewusst: Auch in unseren Kirchen wurden Kriege gesegnet und Gewalt gerechtfertigt. Aber nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs haben die Kirchen in unserem Land gelernt: Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!

Frieden schaffen ohne Waffen! Dieses Motto ist für viele Menschen zu einer tiefen Überzeugung geworden. Nicht nur in der Kirche, sondern auch in den Gruppen und Initiativen der Friedensbewegung. Es ist wichtig, dass wir diese Überzeugung jetzt nicht über Bord werfen. Aber durch die russische Aggression gibt es einen neuen Horizont für unsere Friedensethik. Und den müssen wir auch ernst nehmen. Eine freie Gesellschaft braucht auch ein ausreichendes Maß an militärischem Schutz. Sie muss sich gegenüber Mächten und Machthabern verteidigen können, wenn diese ihre Interessen mit Gewalt und militärischen Mitteln durchsetzen wollen. Es geht darum, das Recht des Stärkeren zu begrenzen. Darum erlaubt das Völkerrecht die Selbstverteidigung.

Deshalb sagen wir: Die Ukraine hat das Recht, ihre Freiheit gegen den russischen Angriff zu verteidigen! Das müssen wir bei unserer Unterstützung für dieses Land berücksichtigen. Sonst brauchen wir nicht weiter von Solidarität mit den Menschen in der Ukraine zu reden. Gleichwohl gilt: Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Frieden entsteht vor allem durch Gerechtigkeit und Freiheit! Eine Politik, die den Frieden fördert, muss darum der gewaltlosen Lösung von Konflikten den Vorrang geben. Langfristig kann man nur mit dem Gegner und nicht gegen ihn Frieden sichern. Friedenspolitik muss materielle Not überall auf der Welt bekämpfen. Sie muss Freiheit und Menschenrechte fördern. Und sie muss kulturelle Vielfalt schützen. Sonst entsteht kein gerechter Frieden.

Frieden für die Menschen in der Ukraine! Dafür treten wir heute ein. Doch Friede ist unteilbar. Wir wollen Frieden für alle Menschen. Nicht nur in Europa. Überall auf der Welt.
Frieden!

Stadtdekan Dr. Achim Knecht


Verfasst von

Ralf Bräuer 41 Artikel

Ralf Bräuer ist Leiter der Redaktion von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach" und der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach