Aktuelles

Telefonseelsorge braucht ein hörendes Herz und ist nichts für Narzissten

von

Seit 60 Jahren ist die Evangelische TelefonSeelsorge Frankfurt für Menschen in Krisen da – heute mit mehr als 100 Ehrenamtlichen. Gefeiert wurde das Jubiläum im Großen Saal des Dominikanerklosters und in der Heiliggeistkirche.

v.li. Präses Stefan Majer, Diakoniepfarrer Markus Eisele, Professor Michel Friedman, Telefonseelsorgeleiterin Bettina Tarmann, Markus Mütze, Stellvertreter, Stadtdekan Holger Kamlah I Foto: Rolf Oeser
v.li. Präses Stefan Majer, Diakoniepfarrer Markus Eisele, Professor Michel Friedman, Telefonseelsorgeleiterin Bettina Tarmann, Markus Mütze, Stellvertreter, Stadtdekan Holger Kamlah I Foto: Rolf Oeser

Die Nummer der Telefonseelsorge, die 0 800 / 111 0 111 „ist die wahrscheinlich bekannteste Telefonnummer nach der 112 und 110, die beide auch Hilfe versprechen, aber doch eher für Leib und Leben“ – so Díakoniepfarrer Markus Eisele, Theologischer Geschäftsführer des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt und Offenbach, bei der Begrüßung der Gäste der Feier zu 60 Jahre Bestehen der Evangelischen TelefonSeelsorge Frankfurt. Hilfe für die Seele gebe es unter diesem Anschluss, beziehungsweise auch Online, so Eisele.

„Tagtäglich und nächttäglich“, stünden die Ehrenamtlichen zur Verfügung, würdigte der evangelische Stadtdekan von Frankfurt und Offenbach Holger Kamlah das Engagement der Telefonseelsorgerinnen und –seelsorger im Großen Saal des Dominikanerklosters. Sie hörten zu, hielten Ungelöstes aus, manchmal auch Schweigen. Allein im vergangenen Jahr wurden von der Evangelischen TelefonSeelsorge Frankfurt 13.000 Gespräche geführt. Minutenkurze, stundenlange.

Rund 80 Ehrenamtliche, die regelmäßig am Hörer oder Online zu erreichen sind oder waren,, erschienen, um diesen Tag zu begehen. Festredner Professor Michel Friedman dankte ihnen für ihren Einsatz und sagte, „sie wissen gar nicht, wie viele Leben sie unter Umständen gerettet haben“. Während andere Ehrenämter mit Titel und Positionen verknüpft seien, sei ihr Einsatz davon gekennzeichnet, dass er die „minimalste narzisstische Belohnung nach sich zieht, weil sie annoym bleiben“.

Michel Friedman: Was Telefonseelsorge und Demokratie miteinander zu tun haben

Friedmans Vortrag trug den Titel: „Demokratie braucht Haltung in gesellschaftlicher Verantwortung“ – und der Festredner zog eine Vielzahl an Verbindungen von dieser Überschrift zur Mitarbeit in der Telefonseelsorge, etwa wenn er sagte „Sie sind die Handelsvertreter des Grundgesetzes“ – hier begegne Mensch Mensch – ohne Unterscheidung nach Vorlieben, Herkommen oder anderem. Um Vielfalt statt Einfalt gehe es in einer Demokratie. Friedman, Sohn von Holocaust-Überlebenden, forderte, „dass nie wieder in diesem Land jemand bestimmen solle, wer ein Mensch ist“ – und erhielt dafür, wie auch bei anderen Passagen Beifall aus dem Publikum.

Im Anschluss an den Empfang im Großen Saal wurde noch zu einem Gottesdienst in die Heiliggeistkirche am Dominikanerkloster eingeladen. Ulrike Scherf stellvertretende Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hielt die Predigt.

Sie griff die biblische Erzählung von dem frisch ernannten König Salomo auf, der sich ein „hörendes Herz“ wünschte. „Demokratie braucht auch ein hörendes Herz“, griff Scherf den Vortrag Friedmans auf. Ins Allgemeine gewandt sagte sie, ein verständiges Herz ist „ein Schlüssel zu allem“. Nicht einfacher Rat, sondern ein „erzähl mir“ kennzeichne die Arbeit der Telefonseelsorge. Scherf schloss: Telefonseelsorge sei möglicherweise besonders wichtig in einer Zeit, in der viele das Gefühl haben, sie werden nicht gehört.Manchmal braucht es nicht sofort eine Lösung.

Aus der Geschichte der TelefonSeelsorge Frankfurt

Manchmal braucht es zunächst jemanden, der zuhört. Genau dafür gibt es die Evangelische TelefonSeelsorge Frankfurt seit 60 Jahren. Rund um die Uhr, anonym und vertraulich. Menschen wenden sich an die Evangelische TelefonSeelsorge Frankfurt in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen: wenn sie trauern oder eine Trennung bewältigen müssen, sich einsam oder überfordert fühlen, mit Problemen im Beruf zu kämpfen haben, depressiv sind oder Suizidgedanken haben. Entscheidend ist dabei nicht, mit welchem Anliegen jemand anruft – sondern dass am anderen Ende jemand zuhört.

Was 1966 mit 17 Mitarbeitenden begann, ist heute eine gewachsene Gemeinschaft von mehr als 100 Ehrenamtlichen. Der erste Dienst der Evangelischen TelefonSeelsorge Frankfurt fand am 15. Mai 1966 im Dominikanerkloster statt. Schon damals war die TelefonSeelsorge rund um die Uhr erreichbar. Inzwischen hat sich das Angebot weiterentwickelt: Seit 2019 gehört auch die Online-Seelsorge mit Mail- und Chatangeboten zum Aufgabenbereich.

„In einer Zeit, in der so viel gesprochen, bewertet und kommentiert wird, stellen unsere ehrenamtlichen Mitarbeitenden etwas ausgesprochen Kostbares zur Verfügung: Zeit, Aufmerksamkeit und ein Gegenüber, das Zuhören ohne Bewerten intensiv gelernt hat“, sagt Markus Mütze, stellvertretender Leiter und Supervisor der Evangelischen TelefonSeelsorge Frankfurt. Für ihn ist genau das ein wesentlicher Kern der Arbeit: „Unsere Ehrenamtlichen können die Sorgen der Menschen, die sich an uns wenden, nicht einfach aus der Welt schaffen. Aber sie sorgen dafür, dass Menschen mit diesen Sorgen für einen Moment nicht allein bleiben. Darin liegt für mich etwas zutiefst Menschliches.“

Ein offenes Ohr kann einen Unterschied machen

Die Menschen, die bei der TelefonSeelsorge anrufen oder sich online melden, bringen sehr unterschiedliche Lebenssituationen mit. Manche fühlen sich einsam, andere sind verzweifelt, überfordert oder suchen jemanden, dem sie etwas anvertrauen können. Die Ehrenamtlichen hören zu. Sie müssen dabei nicht auf jede Frage eine Antwort haben und können die Probleme ihres Gegenübers nicht einfach lösen.

Was sie geben können, ist ihre Zeit und ihre Aufmerksamkeit – und damit die Erfahrung: Ich bin mit dem, was mich gerade beschäftigt, nicht allein.

„TelefonSeelsorge lebt vom Ehrenamt – aber noch mehr lebt sie von Menschen, die bereit sind, anderen Menschen wirklich zuzuhören“, sagt Bettina Tarmann, Pfarrerin und Leiterin der Evangelischen TelefonSeelsorge Frankfurt. Tarmann betont, dass die Dienstgemeinschaft in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen sei. Mit der Zahl der Mitarbeitenden seien auch die Vielfalt an Erfahrungen, Lebensgeschichten und Perspektiven gewachsen. Genau diese Vielfalt mache die TelefonSeelsorge stark.

Für die Leiterin ist die gewachsene Gemeinschaft der Ehrenamtlichen ein Grund zur Dankbarkeit. Besonders stolz sei sie „auf diese außergewöhnliche Gemeinschaft von Menschen, die Tag für Tag und Nacht für Nacht für andere da ist.“

Dabei bedeutet Zuhören nicht, einfach nur still zu sein. Die Ehrenamtlichen werden für ihren Dienst ausgebildet und durch Supervision begleitet. Seit 2011 gibt es bundesweit einheitliche Ausbildungskonzepte und eine verpflichtende Supervision.

Was macht das Zuhören mit denen, die zuhören?

Das Jubiläum richtet den Blick deshalb nicht nur auf die Menschen, die sich an die TelefonSeelsorge wenden. Es geht auch um diejenigen, die zuhören.

Was bewegt Menschen dazu, ihre Zeit und ihre Lebenserfahrung anderen zur Verfügung zu stellen? Was erleben sie in den Gesprächen? Und was verändert der Dienst vielleicht auch im eigenen Leben?

„Wenn ich auf meine Jahre in der TelefonSeelsorge zurückblicke, dann denke ich vor allem an die Menschen, die ihre Zeit und ihre Aufmerksamkeit anderen Menschen immer wieder schenken. Diese Dienstgemeinschaft begleiten zu dürfen, empfinde ich als ein Privileg“, sagt Mütze.

„Wo Offenheit und Wertschätzung den Raum bestimmen, kann echte Begegnung entstehen. Genau einen solchen Raum wollen wir in der TelefonSeelsorge schaffen – am Telefon ebenso wie in unserer Gemeinschaft“, betont Bettina Tarmann.


Schlagwörter

Autorin