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Wir sind alle rassistisch sozialisiert. Dieser Wahrheit müssen wir uns stellen.

Die unfassbaren Morde von Hanau haben Nachwehen. Unfassbar ist, dass es wieder eine solche Tat brauchte, um unsere Aufmerksamkeit auf ein tief sitzendes Problem unserer Gesellschaft zu lenken: Rassismus. Wer heute noch verharmlosend von „Ausländerfeindlichkeit“ spricht, hat einen blinden Fleck. Es wird Zeit, dass wir als Gesellschaft uns einer unangenehmen Wahrheit stellen: Wir sind alle rassistisch sozialisiert.

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion des EFO-Magazin. | Foto: Tamara Jung.
Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion des EFO-Magazin. | Foto: Tamara Jung.

Hanau ist ganz nah. Unweit von Frankfurt und Offenbach ist die Stadt in unserer direkten Nachbarschaft. Aber auch Berlin kann das derzeit von sich behaupten: Hanau ist ganz nah!

Ich war kürzlich im Rahmen von Stadtteilarbeit zu Gast in einer Moschee, und da wurde mehr als deutlich, wie es denjenigen Menschen geht, die nur zufällig nicht Opfer der Tat unserer Nachbarstadt wurden: Sie haben Angst.

Zum Freitagsgebet steht nun der Vereinsvorstand persönlich an der Pforte. Wer kommt und geht? Kenne ich dieses und jenes Gesicht? Gibt es auffälliges, ungewöhnliches Verhalten?

Wir alle kennen das Bild eines fest implementierten Polizeiwagens vor jeder deutschen Synagoge. Soll das nun auch das Bild vor unseren Moscheen sein? Jedenfalls sollte klar sein: Nach NSU und Hanau brauchen unsere muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger Schutz. Dringend.

Bei der Stadtteilversammlung war auch ein Beamter des Polizeireviers da. Er bestätigte, dass das Frankfurter Polizeipräsidium verstärkt Streife vor den Frankfurter Moscheen angeordnet hat. Dies ist allerdings nur ein sehr kleiner Teil der Arbeit, die geleistet werden muss. Nur mit Symptombekämpfung kommen wir nicht weit.

Was wir in unserem Land, in Frankfurt, in Offenbach, in Hanau und überall jetzt brauchen, das ist Ursachenbekämpfung. Da muss eine jede bei sich selbst beginnen: Was sind meine persönlichen Alltagsrassismen? Welche Vorurteile haben sich in meinen Gedanken verfestigt?

Machen Sie doch mal einen Test bei der nächsten Teamsitzung auf ihrer Arbeit, nehmen Sie bewusst die Teilnehmenden wahr: Wie viele Menschen sind nicht weiß? Je nachdem, wo Sie arbeiten, könnte es sein, dass das Ergebnis Sie überrascht.

Die US-amerikanische Sozialwissenschaftlerin Robin DiAngelo hat darüber geforscht, was es bedeutet, dass wir in einer Gesellschaft aufwachsen, die das Weiß-Sein zur Norm erklärt. Es bedeutet nämlich zum Beispiel, dass wir schlicht keine Erfahrung darin haben, Menschen wirklich als Gleiche zu betrachten. Niemand kann von sich behaupten, keine rassistischen Gedanken zu haben. Wir alle werden von klein auf mit Rassismen sozialisiert. Erschreckend.

Wer selbst weiß ist, kann nicht nachvollziehen, wie sich Nicht-Weiße aktuell in Deutschland fühlen. Natürlich hätte der Anschlag von Hanau auch die Besucherin treffen können, die weiß, ohne Migrationshintergrund, zufällig an jenem Abend in der Shisha Bar verweilte. Das wäre aber eben in der Tat Zufall, Schicksal gewesen.

Die Menschen, die in Hanau getötet wurden, sollten hingegen sterben. Sie sollten sterben, weil es Leute gibt, die ihnen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihres Glaubens den Tod wünschen. Diese Tatsache sollte uns allen die Augen öffnen. Wir müssen diesen blinden Fleck ins Visier nehmen.


Autorin

Angela Wolf 61 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte. Hauptberuflich ist als Referentin bei der LAG Soziale Brennpunkte Hessen e.V. unterwegs. Freiberuflich schreibt sie außerdem noch für ZEIT Online.

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