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Zelten - mal anders

Zum zweiten Mal gab es an der Bockenheimer Warte unweit des Uni-Campus ein interreligiöses Zeit. Erschöpft, aber auch beglückt waren die Veranstaltenden am Ende der fünf Tage. Ein Zeichen gegen Rechts sei das Zelt, so Kirchendezernent Uwe Becker beim Auftakt. Mehr solcher Dialoge müsse es geben. So sieht es auch Stadtdekan Achim Knecht.

Um den Frieden geht es: Im Gespräch und beim Gebet
Um den Frieden geht es: Im Gespräch und beim Gebet

Ayran neben Schwippschwapp, Turk Cola neben Mineralwasser aus Quellen der Region – selbst der Kühlschrank vor dem interreligiösen Zelt zeugte während der Dialogtage „Unter einem Zelt - Die Welt an der Warte“ von Miteinander. Reich gefüllt stand er am Eingang - gegen einen geringen Obulus durfte zugegriffen werden. Niemand sollte hier eine trockene Kehle haben, schließlich ging es bei der Aktion darum, miteinander zu reden. Und Susanna Faust Kallenberg, Pfarrerin für Interreligiöses beim Evangelischen Stadtdekanat, legte bei den Vorbereitungen Wert darauf, dass es während der Aktion Gutes für Geist und Körper gab.

Im Sommer 2018 stand erstmals unweit des Bockenheimer Campus für einige Tage ein interreligiöses Zelt, maßgeblich organisiert von Faust Kallenberg, Ertuğrul Şahin, Zentrum für Islamische Studien der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Petra Kunik, Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Frankfurt. Damals debattierten die Anwesenden noch unter weißem Textil, dieses Mal wölbte sich vom 13. bis zum 17. Juni ein Zirkushimmel, blau und weiß besternt über dem Diskussions- und Kulturprogramm. Erwachsene, Kinder, zufällig Vorbeikommende, im interreligiösen Austausch Engagierte, Studierende, schlicht Durstige - viele und ganz Unterschiedliche suchten den Zeltplatz auf.

Seit Amtsantritt war ein solches Zelt ein Anliegen von Faust Kallenberg. Nun hat es zum zweiten Mal geklappt. Und stolz konnte sie bei der Begrüßung am Donnerstagabend darauf verweisen, dass der Kreis der Beteiligten auf 13 gewachsen ist. Unter anderen war die Katholische Stadtkirche erstmals dabei. Barrieren fallen, Vorurteile fallen, darum gehe es bei der Aktion, so die Theologin in ihrer Begrüßungsrede.

Der evangelische Stadtdekan Achim Knecht äußerte beim Auftakt: „Die verschiedenen Religionen sind zugleich Gastgeber und Gäste“ - eine gute Konstruktion. Pauschalierungen oder abschätzige Äußerungen passten nicht zu der offenen Atmosphäre unter dem Zeltdach. Mit Verweis auf die Gestaltung der Decke sagte Bürgermeister und Kirchendezernent Uwe Becker: „Da wir alle den gleichen Himmel teilen, sollten wir doch auch in der Lage sein, unser Land so zu teilen.“ Statt Abschottung bedürfe es vieler solcher Treffen des Dialogs. In Richtung AfD äußerte der Politiker, wer den Ungeist der Nationalsozialisten eingeatmet habe und auf Spaltung setze, solle in Frankfurt kein Land gewinnen. In der Stadt solle gezeigt werden, „dass wir einstehen füreinander“.

An Jürgen Habermas, der am 18. Juni seinen 90. Geburtstag begeht, knüpfte Professor Rolf van Dick, Vizepräsident der Goethe-Universität, an. Der berühmte Philosoph und Soziologe stehe dafür, dass Streit zur Gesellschaft gehöre – im Rahmen der Debattenkultur. Insofern sei die Zeltaktion „eine ganz hervorragende Veranstaltung“.

Gast aus Berlin: das jüdische Puppentheater Bubales Fotos: Rolf Oeser
Gast aus Berlin: das jüdische Puppentheater Bubales Fotos: Rolf Oeser

Vier Tage lang wurde Musik gelauscht, debattiert, zusammen Mittag gegessen. Am Freitag gab es beispielsweise erst ein islamisches Freitagsgebet, dann eine buddhistische Kontemplation und anschließend einen Auftritt des Puppentheaters Bubales. Aus Berlin kommen die Spielfiguren, die eine arabisch-deutsche Geschichte erzählen, in der der jüdische Kaufmann Isaak und der Kalif Harun ar-Raschid auf einen weißen Elefanten treffen, der an Karl den Großen gehen soll. Jüdische Melodien und arabische Klänge ergeben den „Sound“ des Stücks.

Mit Musik, zwischen Bach und Klezmer, gespielt von Alex Jacobowitz, der aus New York stammt und seit Jahren in Berlin lebt, endete der Sonntag. Von der gegenüberliegenden Straße wehten dazu griechische Klänge ins Zelt. Die Initiative „Greeks and Friends“, die die griechische Community in Frankfurt verknüpfen will, machte dort Programm. Nicht ganz einfach in Sachen Akustik, aber auch ein Stück Großstadt.

Faust Kallenberg wechselte ein paar Mal die Straße, um Absprachen zu treffen, etwa für das Friedensgebet am Sonntagmorgen, an dem unter anderem auch Buddhisten, Hinduisten, ein Mormone neben Vertertreterinnen und Vertretern von Judentum, Christentum und Islam teilnahmen, wo es auch Momente der Stille geben sollte. Ähnlich ging es bei der Ausgabe der Reihe „Heilige Texte“ am Sonntagnachmittag. „Mein Gott, Dein Gott, unser Gott!“ so der Titel, zu dem Petra Kunik von der Gesellschaft für Christlich-jüdische Zusammenarbeit, Pfarrer Eberhard Pausch von der Evangelischen Akademie Frankfurt und Said Barkan, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Hessen, diskutierten. Über vieles wurde in den vergangenen 20 Jahren in der Reihe anhand von Stellen aus Bibel, Tora und Koran debattiert, „glaube aber, es ist das erste Mal, dass wir Gott an sich als Thema haben“, wunderte sich Moderatorin Kornelia Siedlaczek von der Katholischen Erwachsenenbildung. Von einer Seite kam die Überlegung, vielleicht gelte Gott als etwas beonders privates, den „Profis" fiel es jedoch nicht schwer, die Auslegung der jeweiligen Religion zu schildern.

Erschöpft, aber auch beglückt wirkten die Beteiligten am Ende des Sonntags. Ertuğrul Şahin, Zentrum für Islamische Studien der Goethe-Universität Frankfurt am Main, resümierte am vorletzten Abend: Die Tage böten den Studierenden Gelegenheit, „die Bewährung des theologischen Wissens in der Praxis zu überprüfen“. Die Nachwuchsakademikerinnen, die in der Zukunft unter anderem Religion unterrichten werden, bekämen Gelegenheit, sich in der Praxis zu erproben.

Einige seiner Studierenden machten auch regelmäßig Standdienst, gaben zum Beispiel die Getränke aus. Am letzten Tag, als Schülerinnen und Schüler in dem Zelt sich mit Religonsvertreterinnen austauschten, überließ Sahin den Studenten seiner Faktultät das Feld. Auch das ein Stück Vertrauen. Erprobt im Zelt.


Autorin

Bettina Behler 73 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach