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Arbeit finanzieren, nicht Arbeitslosigkeit

Teilhabechancengesetz schafft neue Jobs für Langzeiterwerbslose. Drei Erfolgsgeschichten von Mitarbeiter:innen im Diakonischen Werk Frankfurt und Offenbach.

Das Teilhabechancengesetz schafft neue Jobs für Langzeiterwerbslose. / Foto: Rolf Oeser
Das Teilhabechancengesetz schafft neue Jobs für Langzeiterwerbslose. / Foto: Rolf Oeser

Arbeiten zu gehen, nach vielen Gelegenheitsjobs oder längerer Zeit Daheim: Das ist das Ziel des Paragrafen 16i SGB II „Teilhabe am Arbeitsmarkt“. Was sperrig klingt, bietet Frauen und Männern, die jahrelang keiner Erwerbsarbeit mehr nachgingen, neue Chancen am sozialen Arbeitsmarkt. Das Teilhabechancengesetz sieht für sie sozialversicherungspflichtige Beschäftigung für maximal fünf Jahre vor, gefördert von der Arbeitsagentur.

Das Diakonische Werk für Frankfurt und Offenbach beschäftigt 13 Mitarbeiter:innen nach Paragraf16i in verschiedenen Einrichtungen. Aus den Berichten von Mitarbeiter:innen wird deutlich: Fair bezahlte Arbeit ist weit mehr als das nötige Geld zum Leben. Sie bedeutet auch soziale Kontakte, sie bringt wieder mehr Selbstbewusstsein und Zufriedenheit. Wer einst ohne Jobperspektive niedergeschlagen war, blüht wieder auf.

Zunächst kann die Förderung nur noch bis Ende 2024 beantragt werden. Die Diakonie macht sich dafür stark, sie zu entfristen. Ein erster Zwischenbericht zum Teilhabechancengesetz des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt bereits positive Auswirkungen der neuen Förderinstrumente. Auch drei Erfolgsgeschichten von Mitarbeiter:innen des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach untermauern dies.

Es hat mir sehr geholfen, hier zu arbeiten
Bernd Ewers / Foto: Rolf Oeser
Bernd Ewers / Foto: Rolf Oeser


Bernd Evers ist ein Frankfurter Bub, auch wenn er die ersten 14 Tage seines Lebens in Hamburg verbracht hat. Der 55 Jahre alte gelernte Maler und Lackierer arbeitet im Einkaufsservice 60+ des Diakonischen Werkes. Sein Arbeitsvertrag endet im September.

Herr Evers, wie sieht Ihr Alltag im Einkaufsservice 60+ aus?

Ich nehme die Anrufe unserer Kund:innen im Büro an der Rechneigrabenstraße an und koordiniere den Einsatz der Kolleg:innen, die die Einkäufe erledigen. Momentan sind es 23 Kolleg:innen, die für Frankfurter:innen über 60 einkaufen oder Begleitung zum Friseur oder zu Ärzten oder Spaziergänge anbieten. Alles kostenlos.

Klingelt das Telefon oft?
Ja, allerdings erledigen wir seit Beginn der Corona-Pandemie nur noch Einkäufe. Seit diesem Februar gibt es das neue Angebot, ältere Menschen zur Impfung zu begleiten.

Wie läuft das mit dem Einkaufen ab?
Die Kund:innen melden sich ein paar Tage bevor eingekauft werden soll und wir vereinbaren einen Termin. Viele Ältere, die bei mir anrufen, wohnen im 2. oder 3. Obergeschoss und können die Treppe nicht mehr steigen. Sie sind da wie gefangen und richtig froh über unser Angebot. Ich frage im ersten Telefonat immer nach den gesundheitlichen Einschränkungen, manche sind ziemlich vergesslich oder haben einen gesetzlichen Betreuer. Ich notiere mir das Stockwerk, in dem sie wohnen oder die Zimmernummer im Pflegeheim. Unsere Mitarbeiter:innen erhalten von den Kunden einen Einkaufszettel und Geld, sie stellen die Einkäufe dann vor der Tür ab. In den ersten Wochen kommt immer dieselbe Person, danach teile ich auch andere ein, damit die Kunden jemand Neues kennenlernen können und etwas Abwechslung erleben.

Wie war die Zeit vor Ihrer Arbeit als 16i-Kraft?
Ich habe 25 Jahre lang als Maler und Lackierer gearbeitet, dann kam die Entlassung aus betrieblichen Gründen. Anderthalb Jahre war ich Facility Manager und teilweise auch arbeitslos. Aus gesundheitlichen Gründen konnte ich nicht jede Arbeit annehmen, die das Jobcenter vorschlug. Es ist nicht leicht arbeitslos zu sein, manchmal war ich ein bisschen niedergeschlagen.

Was bedeutet Ihnen Ihre heutige Arbeit?
Ich fühle mich richtig wohl und mir geht es gesundheitlich besser. Seit 2016 bin ich bei der Diakonie. Erst mit einer Arbeitsgelegenheits-Maßnahme für 1,50 Euro pro Stunde im Außendienst, da habe ich selbst Einkäufe erledigt oder Kund*innen zum Arzt begleitet. Seit 2019 bin ich über den Paragrafen 16i angestellt und arbeite im Büro am Telefon mit einer viel besseren Bezahlung. Es hat mir sehr geholfen, hier zu arbeiten, ich komme jeden Tag fast eine Stunde früher ins Büro, weil ich meine Arbeit gern mache. Ich erlebe viel, manche Kundi:nnen sprechen mit mir über ihre Probleme. Dafür bin ich da, ich habe ein offenes Ohr.

Wie sehen Ihre Wünsche für die Zukunft aus?
Am liebsten würde ich bei der Diakonie bleiben, das wäre ein Traum.

Mein Leben ist anders geworden
Ewa Kiani / Foto: Rolf Oeser
Ewa Kiani / Foto: Rolf Oeser


Ewa Kiani ist gelernte Schneiderin und arbeitet im Secondhand-Kaufhaus Familien-Markt. Seit August 2020 läuft ihr Vertrag nach Paragraf 16i „Teilhabe am Arbeitsmarkt“. Kiani bedient die Kasse und dekoriert, sie ist froh über die neue Chance.

Ewa Kiani tippt den Preis für einen Wasserkocher in die Kasse im Familien-Markt, schaut nach, was Porzellanteller und Gläser kosten, reicht einen Schwung Hemden über die Ladentheke. Die Kasse bediente die 59-Jährige nicht von Anfang an. Die gelernte Schneiderin setzte zunächst ihr Händchen für harmonische Kombinationen beim Dekorieren ein, für 1,50 Euro die Stunde in einer vom Jobcenter vermittelten Arbeitsgelegenheit im Familien-Markt. Vor drei Jahren kam sie in das Secondhand-Kaufhaus, das das Diakonische Werk für Frankfurt und Offenbach und der Caritasverband Frankfurt e.V. in Bergen-Enkheim betreiben. Dort fühlte sich die gebürtige Polin, die seit 23 Jahren in Deutschland lebt, gleich wohl: „Der Familien-Markt ist für mich wie eine Familie, eine nette Familie“.

Im Sommer 2020, als die Coronapandemie Lockerungen erlaubte, ging Ewa Kiani den nächsten Schritt: Angeleitet und ermutigt von ihrem Fachanleiter lernte sie, die Kasse zu bedienen. Die Kasse zu besetzen, war nicht einfach, sagt Verena Schlossarek, die das Second-Hand-Kaufhaus leitet, „es ist anstrengend, man muss mitdenken, die einzelnen Artikel einwandfrei Warengruppen zuordnen und Preise auf der Liste nachgucken“. Ewa Kiani kann gut haushalten, sie zog fünf Kinder groß. Nun, da die drei Ältesten studieren, der 19-jährige gerade für sein Abitur paukt und das jüngste Kind 14 Jahre alt ist, nutzt Ewa Kiani die Gelegenheit, die sich ihr über das Teilhabechancengesetz bietet: Seit August 2020 ist sie über den Paragrafen 16i SGB II angestellt und erhält deutlich mehr Geld als in der Arbeitsgelegenheit für 1,50 Euro die Stunde. „Es war ein großer Schritt, den sie sich zugetraut hat, die Kasse muss stimmen, Frau Kiani hat das probiert und geschafft“, sagt Verena Schlossarek. Die Bandbreite der Waren im Familien-Markt ist groß, sie reicht von Mode über Heimtextilien wie Vorhängen und Bettwäsche bis hin zu Elektrogeräten, Möbeln, Spielsachen, Schuhen und Taschen sowie Deko-Artikeln.

Während des erneuten Lockdowns, als es an der Kasse nichts zu tun gab, dekorierte Ewa Kiani die Fenster des Familien-Marktes mit Osterblumen, brachte ein Willkommensschild an der Kasse an: „Ich habe schöne Dekorationen gefunden“, sagt sie und lächelt. Seit sie vor drei Jahren zu arbeiten begann und nicht länger ausschließlich zu Hause ihre Kinder erzog, „ist mein Leben anders.“ Ihren Kindern ist sie damit ein Vorbild. Auch ihre Deutschkenntnisse kann sie im Familien-Markt verbessern, in Gesprächen mit Kolleg:innen und im Deutschkurs, den der Familien-Markt einmal pro Woche anbietet.

„Frau Kiani kann sich positionieren, sie hat viel Selbstbewusstsein getankt und geht mit breiterem Kreuz durchs Leben“, sagt Verena Schlossarek. Ewa Kiani gibt das Lob zurück: „Ich habe oft Gott gedankt für eine so gute Chefin, für die guten Kolleg:innen, für die gute Arbeit und für meine Kinder, die so gut lernen.“

Ich bin ein ganz anderer Mensch
Robert Giemsa / Foto: Rolf Oeser
Robert Giemsa / Foto: Rolf Oeser

Wenn Robert Giemsa mit dem Auto unterwegs ist, muss er sich schwer zusammenreißen. Denn es duftet verlockend. Der 45-jährige transportiert Brötchen, Kuchen und Kreppel für den Sozialdienst Offenbach Wohnungsnotfallhilfe des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach. Und er macht noch einiges mehr.

Herr Giemsa, wie kommt das leckere Gebäck in Ihren Kofferraum?

Robert Giemsa: Um 7.30 Uhr fahre ich los zu Bäckereien und Konditoren in die Offenbacher Innenstadt, nach Rumpenheim, Bürgel, Mühlheim und Dietesheim. Seit Jahren erhalten wir von denselben Bäckereien Spenden mit Brötchen und Gebäck vom Vortag. Es ist so viel, dass ich nicht alles auf einmal mitnehmen kann, sondern drei Touren fahre. Von Oktober bis März bekommen wir Kreppel, an manchen Tagen sind es an die 100 Kreppel, alles mit Folien abgedeckt, aber es duftet …

Was passiert mit dem Gebäck?

Giemsa: Ich bringe es in unsere Holzhütte, die wir wegen Corona aufgebaut haben, sie hat eine Theke und dort holen sich die Leute die Backwaren ab. Wenn viele kommen, helfe ich auch beim Verteilen mit. Zwischen meinen Touren zu den Bäckern erledige ich auch andere Fahrten, zum Beispiel zu Spender*innen für den Kleiderladen, die selbst kein Auto haben. Für einen unserer Kunden, der nicht mehr laufen kann, kaufe ich alle zwei, drei Wochen ein, das ist dann immer viel auf einen Schlag. Ich besorge ihm auch Medikamente und bringe ihm Geld, er hat ein Konto bei uns. Auch zu Kunden, die im Krankenhaus liegen, bringe ich Post, Kleidung und Geld und einen Mann, der im Seniorenheim lebt, versorge ich regelmäßig mit Kleidung aus unserem Kleiderladen.

Macht Ihnen Ihre Arbeit Freude?

Sehr, ich bin sehr zufrieden. Die Kolleg:innen sind sehr nett, es ist wie in einer kleinen Familie. Und mit dem neuen Vertrag verdiene ich mehr Geld. Davor habe ich knapp drei Jahre für einen Euro pro Stunde für die Teestube der Diakonie gearbeitet, aber das Arbeitsamt wollte diese Arbeitsgelegenheit (AGH) dann nicht mehr verlängern. Also bin ich ein paar Monate lang jeden Tag ehrenamtlich hingegangen, ich wollte lieber etwas tun, als arbeitslos zu Hause zu sitzen. Wenn ich zum Beispiel bei der Gebäckausgabe helfe, treffe ich Leute, die ich kenne. Ich kenne die Situation, wenn Leute richtig bedürftig sind, weil ich das selber einmal war.

Was haben Sie vorher gemacht?

Ich bin gelernter Maschinenschlosser, die Ausbildung schloss ich aber leider nicht ab. Ich machte sehr viele Gelegenheitsjobs, war auch immer mal arbeitslos, mit meiner 40-prozentigen Behinderung ist es sehr schwierig, eine Stelle zu finden. Bei der Diakonie bin ich jetzt fünf Jahre am Stück. Seit ich mit dem Ein-Euro-Job dort anfing, bin ich ein ganz anderer Mensch. Die Arbeit hat mir psychisch sehr viel geholfen, in der Zeit ohne Arbeit hatte ich Depressionen. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen, zu Hause zu sitzen. Auch für meine vier Jungs ist es toll zu sehen, dass der Papa arbeitet. Vor meiner Arbeit bei der Diakonie habe ich zumindest versucht, Ein-Euro-Jobs zu finden, zum Beispiel im Recycling.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Sicherheit wünsche ich mir, dass ich nicht ständig darüber nachdenken muss, ob es klappt mit der Arbeit oder nicht. Auf der einen Seite ist man psychisch entlastet durch die Arbeit, aber ohne festen dauerhaften Vertrag weiß man nie, was in ein, zwei Jahren ist. In der Vergangenheit hat nie etwas dauerhaft geklappt, es war immer der Gedanke da, dass es nur vorübergehend ist. Im April 2019 begann mein 16i Vertrag, er läuft am 1. April 2024 aus. Es wäre super, wenn er in einen unbefristeten Vertrag umgewandelt würde.


Autorin

Susanne Schmidt-Lüer ist Pressesprecherin des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach. Sie schreibt auch als freie Autorin vor allem über Sozialpolitik, Kirche, Alter und wirtschaftspolitische Themen.