Ethik & Werte

Soll man überhaupt noch Kinder kriegen?

Die internationale „Birthstrike“-Bewegung ruft dazu auf, auf eigene Kinder zu verzichten, dem Klima zuliebe. Unsere Redakteurin Angela Wolf findet die Idee attraktiv, zumal die Familien- und Kinderpolitik ohnehin zu wünschen übriglässt. Anne Lemhöfer widerspricht. Sie findet die Idee familienfeindlich. Sie fordert stattdessen radikale Gesetze für den Klimaschutz.

Dem Klima zuliebe auf eigene Kinder verzichten? Unsere Redakteurinnen Angela Wolf (links) und Anne Lemhöfer haben unterschiedliche Ansichten zur "Birthstrike"-Bewegung.
Dem Klima zuliebe auf eigene Kinder verzichten? Unsere Redakteurinnen Angela Wolf (links) und Anne Lemhöfer haben unterschiedliche Ansichten zur "Birthstrike"-Bewegung.

Es gibt unendlich viele Gründe, die gegen Kinder sprechen. Vor allem für Frauen (Angela Wolf).

Vorweg muss gesagt sein, dass ich Mutter zweier Kinder bin. Grundschulalter und beginnende Pubertät. Mädchen und Junge. Diesen beiden Geschlechterkategorien ordnen sie sich zumindest aktuell zu. Und ja – viele werden meine Protestschrift in Anbetracht der Tatsache meiner Mutterschaft als zynisch einordnen: Die ungewollt Kinderlosen. Die Konservativen. Die, die mir Inkonsequenz vorwerfen. Dennoch: es ist ein Aufruf aus Erfahrung.

Meine Mutterschaft wirft ständig Fragen auf und zwingt mich zum Grübeln. Da quält mich der Versuch einer Antwort, ob mein Kinderkriegen eine egoistische Entscheidung war. Ich zerbreche mir den Kopf darüber, ob ich diese Entscheidung gegenüber meinem Nachwuchs plausibel darlegen kann. Realistisch in die Welt geblickt, ist da nämlich nicht viel mit Spaß und Freude: Es herrschen Krieg, Flucht, Menschenverachtung, Rassismus, Kapitalismus mit Dauerleistungsdruck, ein Schulsystem, das irgendwo auf der Strecke hängen geblieben ist und eine Klimakrise, die dringend auf Handlung und Taten hofft. Ganz ehrlich: Meinerseits wäre es ein Ringen nach Argumenten.

Offensichtlich gehörte ich nie der Antinatalismus-Bewegung an, also denen, die Reproduktion der menschlichen Spezies gänzlich ablehnen. Als ich meine Kinder zur Welt brachte, hieß die Klimakrise noch Klimaproblem, und die Tatsache, dass die beiden einen verheerenden CO2-Abdruck hinterlassen würden, spielte keine Rolle bei meiner Entscheidung. Auch der ganze andere Mist spielte keine Rolle. Das habe ich alles komplett ausgeblendet.

Heute schiele ich fasziniert auf die Radikalität der weltweit aktiven „Birthstrike“-Bewegung. Diese Menschen entscheiden sich, trotz Kinderwunsch keine eigenen Sprösslinge in die Welt zu setzen. Dem Klima zuliebe. Wie reflektiert kann man sein?

Die Idee des Geburtsstreiks ist nicht neu. Es gab ihn im Feminismus der 1970er-Jahre und in der Anti-Atomkraft-Bewegung der 1080er-Jahre. Ausgestorben sind wir Menschen trotzdem nicht. Auch wenn es Randproteste sind – ich finde sie bewundernswert. Nach gut zwölf Jahren in der Mutterrolle sympathisiere ich. Nicht nur wegen des Klimas. Vielmehr wegen des Hohns einer vorgegaukelten Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wegen der ungleichen Rollenverteilung von Müttern und Vätern. Wegen der kindeswohlgefährdenden Betreuungssituationen in unseren Kitas. Wegen der Unsichtbarmachung von Care-Arbeit. Wegen der unsolidarischen Haltung von Frauen gegenüber Frauen, gegenüber Müttern. Wegen Diskriminierung am Arbeitsplatz. Wegen einem unzeitgemäßen Bildungssystem. Wegen Frauenarmut aufgrund von Mutterschaft. Diese Aufzählung, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, macht mich wütend und ohnmächtig zugleich.

Zu keiner Zeit stelle ich die Liebe zu meinen Kindern in Frage. Meine Mutterrolle dagegen ständig. Schwangere tun mir leid. Ich frage mich, ob ihnen bewusst ist, was ihnen blüht. Wenn ich mit jungen Frauen spreche, rate ich von der Mutterschaft ab. Ich übe mich in dem Versuch einer Erklärung, dass unsere Gesellschaft noch nicht so weit ist. Dass wir Frauen einen zu hohen Preis bezahlen müssen. Den Preis, dass wir niemandem gerecht werden können, dass wir die „Mental Load“ tragen, die uns früher oder später in die Knie zwingt, dass wir Armut riskieren, sobald wir uns gegen die Partnerschaft mit dem biologischen Vater entscheiden.

Die Umweltschutzbewegung „Extinction Rebellion“ hat das erklärte Ziel, von den Regierungen dieser Welt Maßnahmen gegen das Aussterben der Menschheit zu erzwingen. Wir Frauen könnten uns anschließen und ebenfalls Maßnahmen gegen ein Aussterben der Menschheit fordern: Entweder wir bekommen eine angemessene Familien-, Kinder und Frauenpolitik. Oder es droht der Gebärstreik.


Kinder sind keine Konsumgüter. Sie sind der Grund, warum wir den Planeten retten müssen (Anne Lemhöfer)

Virenschleudern, Klimaschädlinge: Nie war der Satz wahrer, dass Kinder keine Lobby haben. Klar, es stimmt. Mit jeder Minute, die ein Mensch lebt, produziert er Müll. Es beginnt mit der ersten Windel kurz nach der Geburt und endet am 34.675. Lebenstag, falls die neue Erdenbewohnerin oder der neue Erdenbewohner 95 Jahre alt werden, was nicht unwahrscheinlich sein wird in Zukunft.

Wir Menschen sind Klimaschädlinge, CO2-Schleudern auf zwei Beinen, da können wir noch so heftig radeln und Sojaburger braten. Unsere pure Existenz ist das Problem. Der Planet ächzt, je mehr von uns auf ihm herumlaufen, oder noch schlimmer: fahren oder fliegen. Würden wir alle kollektiv morgen Nacht schmerzfrei im Schlaf an einem Virus sterben, wäre das ein Fest fürs Klima. Niemand möchte das, denn die meisten Menschen leben ganz gern. Aber irgendetwas müssen wir uns einfallen lassen. Vielleicht einfach verhindern, dass zu viele neue Menschen geboren werden?

Die Idee liegt nahe. Die Birthstrike-Bewegung ist ein mächtiges Gedankenexperiment, das Medienecho riesig. Neueren Studien zufolge können sich bis zu 40 Prozent der jungen Menschen vorstellen, aus Sorge ums Weltklima auf eigene Kinder zu verzichten. Inhaltlich ist gegen ihre Argumente nichts einzuwenden. Jedes Kind, das nicht geboren wird, hilft gegen den drohenden Klimakollaps. Rationale Gründe fürs Kinderhaben gibt es sowieso keine. Trotzdem existiert nichts Universaleres als der Wunsch nach Nachfahren, ein unerfüllter Kinderwunsch gilt in allen Kulturen und galt zu allen Zeiten als trauriges persönliches Schicksal.

Umso radikaler klingt die Forderung danach, doch einfach aufzuhören, Babys zu bekommen. Kann man denn überhaupt guten Gewissens Kinder in die Welt setzen? Auf gar keinen Fall. Das konnte man nie. Nicht im Mittelalter, als den meisten Kindern ein früher Tod drohte. Nicht im Krieg, nicht im Dritten Reich, nicht auf der Flucht, nicht nach Tschernobyl.

Kinder bekommen ist immer ein großes Trotzdem. Je gesettelter die Lebensumstände, je weiter entwickelt die Gesellschaft, desto weniger Kinder werden geboren, desto eher kann auch der Wunsch nach geplanter Kinderlosigkeit (oder Kinderfreiheit, wie die Gebärstreiker:innen völlig richtig sagen) realisiert werden. Meist pendelt es sich dann statistisch bei einem bis zweien pro Frau ein. Deshalb ist Entwicklungshilfe immer auch Klimaschutz.

Doch wollen wir so etwas wie eine Ein- oder sogar Nullkind-Politik? Das wäre im Kern familienfeindlich. Kinder dürfen kein unanständiger, privater Luxus sein, den man sich leisten können und mit dem man dann eben klarkommen muss, immer mit der Botschaft: Besser es gäbe eure kleinen, gierigen Müllproduzent:innen gar nicht. Mit den individuellen Verzichts-Ansagen einer akademischen Elite lässt sich die Erderwärmung nicht aufhalten – und es ist ja fraglich, wie viele jetzt junge Paare tatsächlich eines Tages völlig rational aufs Kinderkriegen verzichten.

Um die Krise aufzuhalten, brauchen wir radikale Gesetze, womöglich einen Systemwechsel weg vom Kapitalismus. Weitgehend ohne Autos, Fleisch und Flugreisen zu leben verstößt uns empfindlich aus allen möglichen Komfortzonen, aber darauf muss es hinauslaufen. Anders verhält es sich mit einem geforderten oder auch nur politisch gewünschten Verzicht auf Kinder. Kinder sind kein Konsumprodukt wie der neueste SUV, sondern die Basis der Gesellschaft – sie sind letztlich der Grund, weswegen wir den Planeten retten müssen.

Was gut ist an der Gebärstreik-Bewegung: Sie stößt eine dringende Diskussion an und rückt sie gerade wegen der Radikalität in den Fokus. Ein Aufruf gegen die Fortpflanzung ist inhaltlich allerdings nichts, was uns voranbringt.


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Angela Wolf 76 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte.

Anne Lemhöfer 95 Artikel

Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de

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