Ethik & Werte

„Wer dankbar sein kann, kommt besser durch Krisenzeiten“

Henning Freund ist Psychotherapeut und Professor für Religionspsychologie. Er lehrt an der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg und ist Geschäftsführer des Marburger Instituts für Religion und Psychotherapie. Zusammen mit seinem Kollegen Dirk Lehr hat er ein Buch über „Dankbarkeit in der Psychotherapie“ geschrieben. Wir fragten ihn, inwiefern Dankbarkeit helfen kann, gut durch Krisen zu kommen.

Der Religionspsychologe Henning Freund forscht über Dankbarkeit. | Foto: baumann fotografie Frankfurt
Der Religionspsychologe Henning Freund forscht über Dankbarkeit. | Foto: baumann fotografie Frankfurt

Herr Freund, wie würden Sie Dankbarkeit beschreiben?

Dankbarkeit als Lebenshaltung meint, dass man das Gute in der Welt wahrnimmt und wertschätzt, dass man sich der Tatsache bewusst ist, dass wir Menschen Dinge empfangen, die wir nicht selbst geschaffen haben. Dankbarkeit ist aber auch ein Gefühl, wenn uns andere etwas Gutes tun. Dankbarkeitsgefühle sind in der Regel positiv. Sie können aber auch negativ sein, zum Beispiel in Form von Scham oder Schuldgefühlen. Dankbarkeit heißt aber auch, zu handeln, also zum Beispiel „Danke“ zu sagen oder etwas zurückzugeben, auch unbeteiligten Dritten.


Gehört zu Dankbarkeit auch Vertrauen?

Vertrauen ist eine der Grundbedingungen dafür, Dankbarkeit als positive Emotion zu erleben. Vertrauen zu haben und eine sichere Bindung zu anderen aufbauen zu können, fördert Dankbarkeit.


Kann man lernen, dankbar zu sein?

Zumindest teilweise. Wir haben dafür ein fünfwöchiges Dankbarkeits-Trainingsprogramm entwickelt, bei dem jede Woche ein Aspekt von Dankbarkeit eingeübt wird: positive Dinge des Lebens wieder wahrnehmen, das vorhandene Gefühl von Dankbarkeit intensivieren, auf die eigene Biografie blicken und Meilensteine von Dankbarkeit entdecken. Oder auch, Grundeinstellungen identifizieren, die Dankbarkeit verhindern können. In der Evaluation zeigte sich, dass vor allem besorgte und grübelnde Menschen von solchen Übungen profitierten.


Gibt es Zusammenhänge zwischen Dankbarkeit und Religiosität?

Studien zeigen, dass religiöse Menschen dankbarer sind oder zumindest sich selbst häufiger als dankbar einschätzen. In allen Religionen spielt Dankbarkeit eine zentrale Rolle. Übt jemand seinen Glauben auch praktisch intensiv aus, ist das einem Dankbarkeitstraining sehr ähnlich. Menschen, die regelmäßig Beten oder religiöse Lieder singen, haben viel häufiger die Gelegenheit, Dankbarkeit zu praktizieren.


Kommen Menschen, die sich als dankbar einschätzen, besser mit Krisen zurecht?

Ja, wenn Menschen auf die Ressource Dankbarkeit zurückgreifen können, ist das in Krisen hilfreich. Wer eine dankbare Grundhaltung hat, dem gelingt es in der Krise, die Wahrnehmung der Fairness aufrechtzuerhalten. Das bedeutet nicht, eine rosarote Brille aufzusetzen und alles gut zu finden. Sondern die Fähigkeit, die Dinge wertzuschätzen, die einem auch in vermeintlich schlechten Zeiten geblieben sind.


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Angela Wolf 76 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte.