Ethik & Werte

Es gibt viele Gründe, zu arbeiten. Aber nicht alle sind gleich gut.

Wilfried Steller hat beobachtet, wie die Nachbarn das Ferienhaus nebenan in Ordnung bringen. Und dabei über die Frage nachgedacht, warum wir arbeiten – und was das mit dem Bild zu tun hat, das wir uns von Gott machen.

Auch dieser Garten bräuchte dringend mal eine Portion Arbeit. Aber warum sollte man die tun? Foto: Iwan Gabovitch/Flickr com. cc by
Auch dieser Garten bräuchte dringend mal eine Portion Arbeit. Aber warum sollte man die tun? Foto: Iwan Gabovitch/Flickr com. cc by

Das Ferienhaus nebenan liegt gut 200 Meter entfernt. Am Wochenende sind die Besitzer angereist, um dies und das in Ordnung zu bringen. Von der Frau ist nicht viel zu sehen, aber der Vater und die beiden Söhne – sie mögen 15 oder 16 sein – mähen das Gras und schaffen Totholz vom Grundstück. Ob ihnen das Spaß macht? Mich erinnert es an meine eigenen Arbeitseinsätze in der Nebenerwerbslandwirtschaft meiner Eltern, und ich frage mich, was die Jungs wohl motiviert.

Toll ist es ja, wenn Arbeit Spaß macht und ihren Lohn in sich selbst trägt. Freude am Helfen, daran, Dinge in eine gute Ordnung zu bringen, macht Engagement zur persönlichen inneren Bereicherung. Es weckt Kreativität und generiert Sinn. Dann ist es befriedigend, zu arbeiten.

Wenn die Arbeit jedoch keine Freude (mehr) macht, ist alle Motivation futsch und der Frust groß. Für viele stellt dann die Belohnung einen notwendigen Anreiz von außen dar – in Form von Geld oder auch eines ehrlichen Dankes oder der Anerkennung. Religiöse Menschen lockt vielleicht sogar die Aussicht auf das Paradies oder andere Vergünstigungen.

Plötzlich ist mein Wert abhängig von anderen

In dieser Logik stellt sich bald die Frage nach der Gerechtigkeit: Was verdiene ich für meinen Einsatz? Der Wert meines Handelns ist also plötzlich abhängig davon, dass andere ihn wertschätzen oder etwas dafür bezahlen. Und weil ich nur Leistungen erbringe, die auch honoriert werden, verliere ich mich selbst.

Das wäre aber immer noch besser, als wenn die Jungs im Ferienhaus nebenan nur mit anpacken, weil sie einen subtilen Druck spüren und sich moralisch verpflichtet fühlen, den Vater nicht im Stich zu lassen. Vielleicht hat es beim Frühstück sogar eine klare Ansage gegeben über die anstehenden Arbeiten, und sie müssen mit Nachteilen oder einer Strafe rechnen, wenn sie die Erwartungen enttäuschen. Das wäre dann Arbeit in einem System von Druck und Zwang. Sie könnten sich nie ganz sicher sein, genug getan zu haben.

Eine ähnliche Vorstellung machen sich manche Menschen von Gott. Martin Luther zum Beispiel erlebte Gott anfangs als Richter und Exekutor. Göttliche Gebote gibt es, so gesehen, weil die Menschen ungenügend sind. Und wenn sie sie übertreten, müssen sie mit göttlicher Strafe rechnen. Dabei sollte es doch eigentlich Freude machen, Gebote einzuhalten, weil es dabei hilft, das Leben sinnvoll zu gestalten!

Vielleicht liegt die Motivation ja in den Beziehungen

Vielleicht ist es nebenan ja so: Die Söhne arbeiten im Ferienhaus mit, weil sie es selbstverständlich finden, sich für ihre Familie einzusetzen. Vielleicht macht die Arbeit selbst ihnen zwar gar keinen Spaß, aber es gefällt ihnen, dass sie zum Gelingen eines gemeinsamen Projekts beitragen. Ihre Motivation liegt dann nicht in der Arbeit selbst oder in Lohn oder Strafe, sondern in der Beziehung zu den anderen Familienmitgliedern, die sich gegenseitig unterstützen und fördern.

Weil Martin Luther mit dem Bild von Gott als Antreiber und Richter unzufrieden war, hat er vorgeschlagen, sich die Beziehung zwischen Gott und den Menschen anders vorzustellen: Gott schaut nicht auf das, was ich tue oder nicht tue, urteilt nicht darüber, wie viel ich arbeite, was ich leiste, wie nützlich ich bin. Sondern es geht Gott um mich selber, darum, dass wir, Gott und ich, zusammengehören.

Genau deshalb ist in dieser „Familie Gottes“ die Nächstenliebe das Wichtigste: Die anderen haben ihre Unarten und sind mitunter unausstehlich, aber wir gehören zusammen. Und deshalb setzen wir uns füreinander und für die Welt ein. Sich das immer wieder klarzumachen, ist lebendige Reformation.


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Wilfried Steller 38 Artikel

Wilfried Steller ist Theologischer Redakteur von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach" und Pfarrer in Frankfurt-Fechenheim.