Ethik & Werte

Fußball-Liebe adé

Unser Autor war sein Leben lang Fußball-Fan. Bis er irgendwann merkte, dass das nicht mehr geht.

Foto: Emilio Garcia / Unsplash.com
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Das Grün des Rasens. Die Geräusche des Stadions. Die Momente, in denen sich die Balance eines Spiels verschiebt – kaum merklich, aber doch, man spürt und weiß es. Oder der eine Augenblick, in dem ein einziger Konter, ein Tor nach einer Standardsituation den Spielverlauf völlig überraschend auf den Kopf stellt. Fußball, meine Liebe.

Welt- und Europameisterschaften, Liga und Pokal, als Jugendlicher der G-Block, später Auswärtsspiele in Berlin und im Osten, Absteigen mit der Eintracht, Aufsteigen mit der Eintracht, Interesse bis runter in die dritte Liga. Fußball schauen ohne Ende – und drüber reden, fachsimpeln, dumm-quatschen. Eintrachtfan sein, das stiftete Identität. Beinahe schon religiös: „Unsere Farben sind schwarz-weiß-rot, wir bleiben treu bis in den Tod.“ Musikgeschmack, Freunde, politisches Interesse änderten sich von der Kindheit über das Studium bis hin zur Promotion – der Fußball blieb, Fußball war König.

Doch dann verschob sich das: Aufgeblähte Vor- und Nachberichte rund um das Showprodukt Fußball, dauererregte Kommentare während der Spiele. Die WM 2006 ein Sommermärchen – und endgültig ein Event ohne Ende und Grenzen. Auch die Ultra-Kultur muss jedes einzelne Spiel abfeiern. Einfach nur ein Fußballspiel schauen, die herrliche Stille, ja Ruhe dabei, sei es aus Spannung, sei es aus Langeweile, – kaum mehr möglich.

Gleichzeitig: Je lauter das Produkt beworben wurde, desto schwächer wurde es – als Sport, bei dem der Sieger im Vorhinein feststeht. Ein Dauermeister Bayern München seit einem Jahrzehnt klingt eher nach US-amerikanischem Showcatchen, als dem Wettbewerb echter Sportarten, wie Eishockey, Handball oder Bodenturnen. Einer Statistik zufolge kamen extreme Serienmeisterschaften bis in die 1990er Jahre nur in Diktaturen wie der Ex-DDR vor. Seither erledigt das die auf 32 Vereine aufgepumpte Champions League, die den immergleichen Teilnehmern unfassbare Einnahmen garantiert. In den nationalen Ligen wurden die Kräfteverhältnisse so bis zur Qual betoniert. Serienmeisterschaften sind heute praktisch überall die Regel.

Die (un)sportliche Seite ist das eine. Vor allem aber ist das Fußball-Business gesellschaftlich nicht mehr zu verantworten. 5,5 Milliarden Euro Fernsehgelder für die englische Premier League, 4,4 Milliarden für die Bundesliga, ein 630 Millionen-Vertragspaket für Kylian Mbappé – der Fußball bindet mit solchen durch nichts zu rechtfertigenden Summen finanzielle Resourcen, die der Gesellschaft an anderer Stelle fehlen. Zweitens die vorgebliche politische Neutralität, solange die Kasse stimmt. Der Retortenverein Paris Saint-Germain wurde 2012 von der Investorengruppe Qatar Sports Investments übernommen, die seitdem allein für Transfers 360 Millionen ins System gepumpt hat. Ein Konsortium aus Saudi-Arabien, 400 Milliarden Euro schwer, kauft für 350 Millionen den Traditionsverein Newcastle United auf. Der FC Bayern kassierte in den vergangenen fünf Jahren schätzungsweise 100 Millionen von der staatlichen Fluglinie Qatar Airways. Mit der WM 2018 in Russland machte die FIFA einen Gesamtumsatz von ca. 5,2 Milliarden. Bei solchen Summen pocht niemand mehr auf die Einhaltung elementarer Minderheitenrechte, der Pressefreiheit oder demokratischer Grundregeln. Drittens okkupiert das Showprodukt Fußball weit über Gebühr gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Auch dieses knappe Gut fehlt dann andernorts für wirklich relevante Themen: die Schere von Arm und Reich, gerechte Löhne und so weiter.

Die WM in Katar ist so nur eine Randnotiz. Sie ist keineswegs der „Sündenfall“, eine Ausnahme, irgendwie ein Ausrutscher. Katar zeigt einfach ungeschützt den gegenwärtigen Zustand: Geld um jeden Preis, Sportswashing, ein Ausblenden politischer Aspekte, sobald sie kritisch sind. Diese WM ist nicht das Andere des Fußballs. Deswegen sind Forderungen nach einem Boykott inkonsequent: Wenn, müsste man das Fußball-Business in seiner aktuellen Form insgesamt boykottieren.

Was bleibt? Das Grün des Rasens, die Geräusche des Stadions, ein Spiel, das in seinem Kern so atemberaubend simpel wie schön ist. Und vielleicht das Hoffen auf ein Wunder: Wenn die Eintracht einen (und sogar zwei!) Titel gewinnen konnte, als daran eigentlich nicht mehr zu glauben war – dann kann vielleicht sogar der Fußball irgendwann wieder eine andere Form finden. Die Hoffnung stirbt zuletzt.


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Lars Heinemann 2 Artikel

Lars Heinemann ist Pfarrer in der Gemeinde Frankfurt-Bornheim und Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins. | Foto: Rolf Oeser

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