Ethik & Werte

„Krabbelkinder mit und ohne Behinderung gehören zusammen“

Wie funktioniert es, wenn Kinder im Krabbelalter mit und ohne Behinderung gemeinsam betreut werden? Dazu hat das Diakonische Werk für Frankfurt ein Modellprojekt entwickelt. Zwanzig Kitas sammelten Erfahrungen mit Inklusion im U3-Bereich. Jetzt zogen die Verantwortlichen eine durchweg positive Bilanz.

Eine durchweg positive Bilanz haben die Kitas gezogen, in denen im Rahmen eines Modellprojekts Krabbelkinder mit und ohne Behinderung gemeinsam betreut wurden.
Eine durchweg positive Bilanz haben die Kitas gezogen, in denen im Rahmen eines Modellprojekts Krabbelkinder mit und ohne Behinderung gemeinsam betreut wurden.

Die Ergebnisse des Modellprojektes „Vielfalt stärken – Vielfalt leben“, das die Diakonie Frankfurt gemeinsam mit dem Jugend- und Sozialamt sowie dem Stadtschulamt und finanziell gefördert von der „Aktion Mensch“ im Jahr 2015 auf den Weg brachte, hätten zum Teil die Erwartungen überstiegen, lautet die Bilanz der Verantwortlichen. Diakonieleiter Michael Frase ist deshalb überzeugt, dass sich „Inklusion im Krabbelalter etablieren und ausweiten“ wird. Oft sei dafür auch gar kein großer Aufwand, sondern nur eine „Haltungsänderung“ von Nöten.

„Inklusion beginnt in den Köpfen der Menschen“, sagt auch die Projektkoordinatorin Lisa Maria Alfano. Fast alle Erzieherinnen und Erzieher hätten anfangs befürchtet, der Situation nicht gewachsen zu sein, stellten jedoch schnell das Gegenteil fest. Sie hätten gemeinsam Ideen entwickelt, den Blick auf die unterschiedlichen Bedürfnisse aller Kinder geschärft und eingefahrene Strukturen aufgelockert. „Elternarbeit war natürlich auch ein ganz großes Thema“, betont die Erziehungswissenschaftlerin.

Zwanzig Kitas von elf verschiedenen Trägern haben an dem Projekt teilgenommen. Wichtig für den Erfolg sei die intensive Begleitung gewesen, sagt Rita Boller, Leiterin der „Frühförderung Mobil“ der Diakonie. Man habe die Pädagoginnen und Pädagogen sowohl vor Ort praktisch unterstützt als auch im Rahmen von drei Fachtagen inhaltlich qualifiziert. Zudem hätten sie bei Fragen jederzeit einen Ansprechpartner gefunden und sich einrichtungsübergreifend über ein Netzwerk ausgetauscht.

Das Feedback auf das bundesweit erste Modellprojekt dieser Art fällt entsprechend positiv aus. „Alle sagen, dass sie in ihrer Krabbelstube weiter Kinder mit Behinderung aufnehmen wollen“, sagt Boller. Inzwischen würden weitere Einrichtungen Bereitschaft signalisieren, im U3-Bereich behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam zu betreuen.

Stadtschulamtsleiterin Ute Sauer kann eine Ausweitung nur begrüßen. Obwohl Frankfurt eine Modellregion für inklusive Bildung ist bekämen bisher lediglich 1,5 Prozent der behinderten Kinder eine professionelle Frühförderung. Deshalb sei es so wichtig, inklusive Frühförderung als Thema bereits an der Uni zu etablieren.

Auch wenn die finanzielle Förderung seitens der „Aktion Mensch“ jetzt ausgelaufen ist, wird das Projekt vorerst weitergehen. Bis Ende 2019 werden die beteiligten städtischen Ämter die Finanzierung übernehmen. Brigitte Henzel als Vertreterin des Jugend- und Sozialamtes begründete das damit, dass das Modellprojekt an den Strukturen ansetzt, während die eigenen Möglichkeiten sich nur auf Einzelfälle beziehen. Ein inklusives Umfeld beuge Ressentiments und Ausgrenzung vor: „Kinder, die hier groß werden gehen anders miteinander um.“

Auch für Michael Frase besteht kein Zweifel: „Nachdem Inklusion für Drei- bis Sechsjährige im Kindergarten etabliert ist, muss sie auch in Krippen und Krabbelstuben fortgesetzt werden. Je früher Inklusion beginnt, desto selbstverständlicher wird das Miteinander für Kinder mit und ohne Behinderung.“

Inklusion beginnt im Kindesalter. Davon sind Michael Frase, Ute Sauer, Brigitte Henzel, Lisa Maria Alfano und Rita Boller überzeugt (von links). | Foto: Doris Stickler
Inklusion beginnt im Kindesalter. Davon sind Michael Frase, Ute Sauer, Brigitte Henzel, Lisa Maria Alfano und Rita Boller überzeugt (von links). | Foto: Doris Stickler

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Doris Stickler 33 Artikel

Doris Stickler ist freie Journalistin in Frankfurt.

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