Ethik & Werte

Provokatives Wurstessen: Warum es im Protestantismus keine Speisegebote gibt

Fast alle Religionen kennen Speisevorschriften – mit Ausnahme des Protestantismus. Aber auch ohne feste Regeln ist es sinnvoll, sich bewusst zu machen, was und wann man isst.

Foto: Fotolia
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Das Christentum kennt Speisevorschriften am ehesten aus dem Katholizismus, wo vor Ostern zum Fasten angehalten wird und freitags Fisch auf den Tisch kommt. Wesentlich genauer wird im Judentum und im Islam auf das Essen geschaut. Der jüdische Begriff „koscher“ besagt, dass ein Lebensmittel rein, tauglich, geeignet ist und damit als essbar gilt. Die für Muslime erlaubten Speisen sind „halal“ und umfassen alles, was nicht im Koran ausdrücklich verboten ist oder den Menschen schadet. Im Monat Ramadan ist Muslimen zudem tagsüber Essen und Trinken untersagt.

Brot und Wein haben im Christentum sakramentale Bedeutung. Gegen feste Speisegesetze haben Reformierte schon früh protestiert – etwa beim demonstrativen „Wurstessen“ in Zürich im Jahr 1522.

Im Christentum hat Jesus rituellen Speisevorschriften einen Riegel vorgeschoben, indem er (im Markusevangelium 7, 14ff) erklärt, dass alle Speisen rein sind: Unrein wird der Mensch nicht durch das Essen, sondern durch „böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord Ehebruch, Habgier, Bosheit“.

Verzicht auf bestimmte Speisen im Sinne einer Askese kennt aber auch das Christentum. Da Jesus in der Wüste vierzig Tage gefastet hat, hat schon die alte Kirche eine entsprechend lange Fastenzeit vor Ostern festgelegt. Dabei geht es um die Einsicht in die Notwendigkeit der Buße und das Bewusstsein der eigenen Hinfälligkeit. Mit der Tradition, am Freitag statt Fleisch Fisch zu essen, wird an das Opfer Jesu erinnert, der an Karfreitag am Kreuz gestorben ist. Zum Fisch hatte das Christentum schon immer eine besondere Nähe: Er war nicht nur Lebensmittel, sondern auch Geheimzeichen, weil das griechische Wort für „Fisch“ die Anfangsbuchstaben des frühchristlichen Glaubensbekenntnisses vorgibt: „Jesus Christus ist Gottes Sohn und Heiland“.

Der Protestantismus hat sich von Anfang an davon distanziert, das Fasten zu einem Gebot zu erheben. Das provokative Züricher „Wurstessen“ am ersten Fastensonntag im Jahr 1522 demonstrierte die Auffassung, dass die Einhaltung von Speisevorschriften nicht als gutes Werk zu sehen ist: Der Mensch hat keine Möglichkeit, sich mit irgendeiner Leistung vor Gott zu rühmen, sondern ist immer auf Gnade und Barmherzigkeit angewiesen. Worauf es ankommt ist, sich auf diese eigene Fehlbarkeit und Erlösungsbedürftigkeit zu besinnen.

Gleichwohl halten es viele Evangelische für nützlich, hin und wieder zu fasten und auf bestimmte Dinge und Tätigkeiten zu verzichten, etwa mit der Aktion „Sieben Wochen ohne“ in der Passionszeit vor Ostern. Außerdem folgt aus der Erfahrung der Liebe Gottes eine achtsame und liebevolle Haltung gegenüber der Schöpfung, die sich auch ohne allgemeinverbindliche Vorschriften im Verzicht auf bestimmte Lebensmittel (zum Beispiel bedrohte Tierarten oder genmanipulierte Pflanzen) und in einer ressourcenschonenden Lebensweise äußern kann.

Während das Christentum keine verbotenen Speisen kennt, so gibt es doch zwei elementar wichtige: Brot und Wein. Beide gelten als sakramentale, also heilschaffende Speisen, die im Abendmahl die Gläubigen mit Jesus Christus verbinden.


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Wilfried Steller 48 Artikel

Wilfried Steller ist Theologischer Redakteur von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach" und Pfarrer in Frankfurt-Fechenheim.