Ethik & Werte

Warum das Internet nicht nur Gesetze braucht, sondern auch Moral

Internet und Social-Media Plattformen galten einmal als Hoffnungsträger der unbegrenzten, demokratischen Informationsfreiheit und weltweiten Kommunikation. Heute zeigen Echokammern, Falschmeldungen und Hasskommentare auch die Schattenseiten. Um Fragen von Verantwortung und ethischen Grundsätzen im Netz ging es bei einem Podium in der Evangelischen Akademie am Frankfurter am Römerberg.

Das Internet bietet viele Chancen, aber man muss sich auch mit den Risiken auskennen.| Foto: Szabo Viktor / Unsplash.com
Das Internet bietet viele Chancen, aber man muss sich auch mit den Risiken auskennen.| Foto: Szabo Viktor / Unsplash.com

Was bedeutet Freiheit im Digitalen und kann speziell die Theologie etwas zur Medienethik beitragen? Darüber diskutierten der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Volker Jung, Chrismon-Chefredakteurin Ursula Ott, der theologische Cheflektor des Kohlhammer-Verlags Sebastian Weigert und Politikwissenschaftler und Digitalisierungsberater Mike Karst.

Karst, der auch Mitbegründer der Themengruppe „Menschenrechte im digitalen Zeitalter“ bei Amnesty International ist, zeigte in seinem Impulsvortrag die tiefgreifenden Veränderungen durch die Digitalisierung auf – in menschlichen Beziehungen, in der täglichen Informationsbeschaffung und bei der Arbeit von Amnesty International.

Wo man früher im privaten Raum Anerkennung erfuhr oder auch durch eine böse Zeichnung, einen verletzenden Spruch verunglimpft wurde, finden Lob und Kritik, aber auch entwürdigende und menschenverachtende Meinungen und Aktionen heute in Sekundenschnelle millionenfach Verbreitung. Einerseits werden dadurch auch Menschenrechtsverletzungen schneller und häufiger öffentlich, andererseits ist aber auch Privatsphäre von Einzelnen häufiger missachtet. Auch staatliche Überwachung ist mit Hilfe des Internets deutlich einfacher geworden. Die vielen verfügbaren Informationen zu filtern und zu prüfen sei notwendig, so Karst, aber auch sehr aufwändig.

Kirchenpräsident Volker Jung plädierte dafür, sich aktiv an der Gestaltung der digitalen Welt zu beteiligen, anstatt sie zu verteufeln: „Wir müssen ein Bewusstsein für die tiefgreifende Veränderung aller Lebensbereiche entwickeln, um Gestaltungshoheit zu gewinnen“, sagte Jung. Die Entwicklung müsse zwar kritisch begleitet werden, gleichzeitig könne die Kirche das Internet und soziale Medien aber noch ganz anders nutzen als bisher, um auffindbar und erkennbarer zu werden.

Für Ursula Ott hat die Digitalisierung schon jetzt große Vorteile: „Als Journalisten haben wir viel mehr Informationsmöglichkeiten, wissen sehr schnell, was die Leser interessiert, und können entsprechend reagieren.“ Außerdem gebe es heute neben rund 61.000 Journalistinnen und Journalisten in Deutschland auch noch 500.000 Bloggerinnen und Blogger, was eine „Riesendemokratisierung“ der öffentlichen Meinung darstelle. Allerdings gebe es eben bei den zahllosen Individualinformationen auch keine Qualitätskontrolle.

Persönliche Angriffe, verbale Übergriffe bis hin zu Morddrohungen gegen Redaktionsmitglieder hätten in letzter Zeit dramatisch zugenommen, berichtete die Chrismon-Chefredakteurin: „Das kostet unendlich viel Kraft und belastet uns schwer.“ Ihr persönliches Rezept: Schnelle, höfliche, sachorientierte Antworten auf möglichst viele dieser Nachrichten zu geben. „Das kommt an, das ermöglicht Kommunikation, da scheint auch mal ein Umdenken auf der anderen Seite möglich.“ Allerdings koste das „wahnsinnig viel Zeit“.

Volker Jung forderte dazu auf, jeden rechtswidrigen Vorfall im Netz auch zur Anzeige zu bringen. Doch Gesetze allein reichen nicht aus: „Es braucht auch die Moral.“ Womit die Frage nach der theologischen Medienethik eine erste Antwort erhielt.

Einig waren sich alle auf dem Podium, dass das Vertrauen in die Medien als sachkundige Informationsinstanz, als „Gatekeeper“ von Informationen, gesunken sei. Jeder und jede Einzelne müsse heute lernen, Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. „Unser gesamtes Experten- und Wahrheitssystem ist in Frage gestellt“, sagte Sebastian Weigert. Um Vertrauen zurückzugewinnen, müsse jede Institution heute genau erklären, wie sie zu ihren Informationen gekommen sei. „Einen Blick in die Werkstatt gewähren“, nannte das zustimmend Ursula Ott.

Mehr Bildung, vor allem in Schulen, mehr Erklären, mehr miteinander reden – nicht nur Mike Karst sah darin ein Mittel gegen Anfeindungen und Falschinformation. „Das Vertrauen in Nachrichtensendungen und Institutionen wie die Kirche ist durchaus noch da“, sagte Volker Jung. Es brauche diese Institutionen auch, weil die Informationsflut im Netz sonst zu unübersichtlich sei.

Aber, so Jung: „Wir als Institutionen müssen uns auch besser erklären, das Internet nutzen, um unsere Positionen deutlich zu machen.“ Gleichzeitig müsse überall, in den Gemeinden, im Konfirmandenunterricht wie in Seniorenkreisen, darüber gesprochen werden, wie Medien arbeiten, und dass und wie man Informationen überprüfen kann.

Ein bedrückendes Beispiel für menschenfeindliche Vorfälle im Netz und die Bedeutung von analoger Kommunikation und ethischen Maßstäben im Internet schilderte eine Zuhörerin, die als Theologin an einer Berufsschule arbeitet. Sie erlebte im Unterricht die Verbreitung des Videos des Attentäters von Halle. „Ich war im ersten Moment überfordert,“ so die Lehrerin. „Wir brauchen da neues medienethisches und theologisches Handwerkszeug.“ Auch das war eine Antwort auf die Frage nach der Bedeutung von theologischer Medienethik.

Anlass der Diskussion war das Erscheinen eines Sammelbandes zum Thema „Theologische Medienethik im digitalen Zeitalter“.


Autorin

Stefanie von Stechow ist Mutter von vier Kindern und freie Journalistin. Sie schreibt über Themen aus Familie, Bildung und Gesellschaft.

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