Ethik & Werte

„Wir brauchen eine große Pflegereform“

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Die Corona-Pandemie hat die Notwendigkeit einer großen Pflegereform gezeigt, sagt Pfarrer Carsten Tag, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen. Der 56 Jahre alte Theologe schlägt vor, die stationäre, teilstationäre und die Pflege durch Angehörige zu Hause zusammenzuführen und von der Pflegeversicherung sowie aus einem Steuerzuschuss zu finanziert. Interview: Dieter Schneberger.

Carsten Tag ist Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen. | Foto: Kai Fuchs
Carsten Tag ist Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen. | Foto: Kai Fuchs

Herr Tag, wie hat die Pandemie die soziale und pflegerische Arbeit verändert?

Wir verstehen unter diakonischer Arbeit neben der Fachlichkeit von Pflege, Beratung und Betreuung vor allem die soziale Begegnung – Berührungen als Umarmungen, das Trösten und Halten, Zeit für das Zuhören. Alles ist eingeschränkt oder auch unmöglich geworden. Dies ist für Pflege- und Betreuungskräfte eine kaum zumutbare Herausforderung: den Bedarf sozialer Begegnung zu sehen, helfen zu wollen und nicht zu dürfen. Die Pandemie führt darüber hinaus zu einer enormen Arbeitsbelastung bei den Pflegenden. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Einrichtungen sind durch die zusätzlichen hohen fachlichen Anforderungen an den Infektionsschutz, die wechselnden Inzidenzzahlen, neue rechtliche Rahmenbedingungen und die ständige Sorge um die Pflegebedürftigen einem hohen Druck ausgesetzt. Auch die Arbeit mit wohnungslosen Menschen ist stark eingeschränkt. Tagestreffs, in denen sich zwischen 50 und 120 hilfebedürftige Menschen täglich aufhalten, mussten im ersten Lockdown geschlossen werden und sind nach wie vor nur eingeschränkt zugänglich. Das alles neu zu organisieren bedeutet zudem einen enormen Aufwand und eine große Belastung für die Mitarbeitenden der Anlaufstellen. Aktuell haben Tagesaufenthalte geöffnet – unter Berücksichtigung der AHA plus L-Regel. Das bedeutet, dass nur noch ein Bruchteil der Menschen sich dort aufhalten kann, beziehungsweise der Aufenthalt befristet wird. Von Anfang an haben wir etwa Pavillons oder Zelte auf den jeweiligen Grundstücken aufgestellt, um wenigstens Schutz vor der Witterung zu ermöglichen. Problematisch sind auch die Notunterkünfte. Die Unterbringung von mehreren Personen in einem Raum ist aus Diakoniesicht zu vermeiden. Notfalls sollen die Menschen in Jugendherbergen, Hotels oder Pensionen untergebracht werden.

Ein weiteres wichtiges Thema waren zuletzt die Pflegereformvorschläge von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Im Zentrum stehen die Deckelung des Eigenteils der Heimbewohner:innen an ihren Pflegekosten auf 700 Euro im Monat für höchstens drei Jahre sowie eine tarifliche Bezahlung für alle Pflegekräfte. Reichen diese Reformschritte aus? Wenn nicht – was müsste die Politik konkret tun, um den Pflegenotstand zu beenden?

Die Reformvorschläge sind ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, aber keinesfalls ausreichend für eine tatsächliche und nachhaltige Verbesserung. Bei einer Deckelung auf 700 Euro werden Pflegebedürftige in vielen Regionen weiterhin mindestens 2.000 Euro pro Monat in einer Pflegeeinrichtung zuzahlen müssen, da die Unterbringung, Service- und Verpflegungskosten weiterhin separat zu entrichten sind. Die Vielzahl der kleineren Reformen schiebt die notwendige große Lösung nur hinaus. Gemeinsam mit der Diakonie auf Bundesebene und dem Deutschen Evangelischen Verband für Altenpflege und Pflege fordern wir daher seit 2016, dass die ambulante und die teilstationäre Pflege in der Pflegeversicherung zusammen betrachtet und weiterentwickelt werden. Dies beinhaltet eine umfassende Finanz- und Strukturreform.

Wie soll das konkret aussehen und was würde es kosten? Reichen dazu allein die Mittel aus der Pflegeversicherung? Wenn nicht, woher soll das fehlende Geld kommen?

Die Wohn- und Versorgungssituation soll keinen Einfluss mehr auf die Finanzierung und Inanspruchnahme der Pflege haben. Daher fordern wir eine Ausrichtung der Pflegeversicherung nach Leistungsmodulen, beispielsweise für Pflege- und Betreuungsleistungen bei langfristiger oder akuter Pflegebedürftigkeit oder für die Haushaltshilfe. Übernehmen Angehörige einzelne Module, sollen sie eine angemessene Ausgleichsfinanzierung erhalten und darüber gestärkt werden. Entscheidend ist, wer die Pflege tatsächlich erbringt, nicht wo sie stattfindet. Das alles setzt ein neues Finanzierungsmodell voraus, indem die Trennung von SGB XI- und SGB V-Leistungen entfällt und die Pflegeversicherung über einen Steuerzuschuss entlastet wird. Schließlich ist die Versorgung von pflegebedürftigen Menschen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und die bevorstehende Reform wird zeigen, wie viel die Pflege der Gesellschaft tatsächlich wert ist.

Eine hohe Arbeitsbelastung und geringe Gehälter – der Pflegeberuf hat ein schlechtes Image. Wie hoch ist der tatsächliche Durchschnittsverdienst für Pflegefachkräfte? Wie viel müsste man für eine gerechtere Entlohnung drauflegen? Welche weiteren Maßnahmen müsste man ergreifen, um den Beruf attraktiver zu machen?

Die Gehälter in diakonischen Einrichtungen sind im Branchenvergleich bereits gut. Der Median in der Altenpflege in Hessen liegt bei rund 36.000 Euro. Dennoch wollen wir unsere Gehälter kontinuierlich verbessern. Aber die Diskussion kann nicht nur um konkrete Geldbeträge kreisen. Um gerechte Gehälter zahlen zu können, muss auch eine entsprechende Refinanzierung der Pflegeleistungen gegeben sein, so dass die Einrichtungen über das notwendige Budget verfügen. Hier kommen die Kassen und langfristig auch unser gesamtes Pflegeversicherungssystem ins Spiel. Denn eines steht fest: Höhere Löhne dürfen nicht zulasten der Pflegebedürftigen gehen. Zu attraktiven Arbeitsbedingungen gehört vor allem ein verlässlicher Dienstplan mit planbaren Freizeiten. Aber auch eine strategische Entwicklung der Teams hinsichtlich der erforderlichen Qualifikationen und Kompetenzen ist wichtig. So ließen sich die Aufgaben angemessen verteilen und den individuellen Anforderungen der Pflegebedürftigen gerecht werden. Für beides braucht man wiederum ausreichend Personal.

Wie kann man kurzfristig neue Pflegefachkräfte gewinnen? Dass man im Ausland sucht, reicht ja offensichtlich nicht aus.

Wer beim Thema Fachkräftemangel kurzfristig denkt, denkt falsch. Nur langfristige Strategien werden am Ende erfolgreich sein. Ganz oben steht das Ziel, mehr junge Menschen für eine Pflegeausbildung zu gewinnen. Hier hat sich einiges getan. Die neue Ausbildung qualifiziert für alle Versorgungsbereiche und ist zudem europaweit anerkannt. Die Pflege erhält auch mehr Kompetenzen. Unsere Mitgliedseinrichtungen zahlen ein hervorragendes Ausbildungsgehalt von 1.400 Euro im dritten Lehrjahr. Und wir bekommen Rückmeldungen von Pflegeschulen, dass die Bewerberzahlen teilweise massiv angestiegen sind.


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