Ethik & Werte

Blick auf die Zukunft: Brauchen wir mehr Optimismus – oder mehr Pessimismus?

Einerseits ist Optimismus immer eine gute Sache. Denn mit Zuversicht klappt es meistens auch besser, Probleme zu lösen. Doch wenn die Probleme immer mehr und immer größer werden, könnte vielleicht der Moment kommen, wo mehr als nur ein bisschen Pessimismus angesagt ist. Oder? Zwei Perspektiven.

Ist da Licht am Ende des Tunnels oder nicht? | Foto: Kyle Glenn/Unsplash.com2002kyle-glenn-56aKzOI6qNk-unsplash.jpg
Ist da Licht am Ende des Tunnels oder nicht? | Foto: Kyle Glenn/Unsplash.com2002kyle-glenn-56aKzOI6qNk-unsplash.jpg

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Einerseits…

Hurra, wir leben noch! Plädoyer für mehr Optimismus“ (von Anne Lemhöfer)

Natürlich gibt es eigentlich keinen einzigen Grund, auf dieser Welt auch nur für eine Zehntelsekunde optimistisch zu sein. Wir werden alle sterben. Sie, ich, und auch das hinreißende Baby im Kinderwagen der Frau, die da im Park spazieren geht. Vielleicht sogar, bevor wir die 90 deutlich überschritten haben. Das medizinische Lexikon Pschyrembel listet zehntausende Krankheiten auf, täglich kommen neue dazu. Mit jedem Lebensjahr wächst die Zahl der Menschen in unserem Umfeld, die eine Krebsdiagnose erhalten. „Die Einschläge kommen näher“, sagen wir dann schaudernd. Was auch nur in der Ersten Welt metaphorisch gemeint ist. Millionen Menschen sind auf der Flucht vor Verfolgung und Krieg, der mächtigste Staat der Welt wird von einem Irren regiert. Und gerade haben Wissenschaftler wieder einmal bestätigt, dass die Klimakatastrophe nicht aufzuhalten ist.

Anne Lemhöfer ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins. |Foto: Tamara Jung-König
Anne Lemhöfer ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins. |Foto: Tamara Jung-König

Warum also optimistisch sein? Zum Beispiel, weil unter den sieben Milliarden Menschen auf der Welt etliche ganz Großartige dabei sind. Menschen, denen es nicht egal ist, was um sie herum passiert, die für das Gute kämpfen, und sei es nur, um den zusätzlichen Schlenker einer Schnellstraße zu verhindern. Vielleicht kämpfen sie noch nicht einmal im klassischen Sinne, sondern machen das Leben ihrer Nachbarinnen und Arbeitskollegen, Freundinnen und Freunde, ihrer Kinder, Eltern und Nebensitzer in Bus und Bahn heller. Indem sie sie zum Lachen bringen. Mit einer echt gemeinten empathischen Nachfrage signalisieren, dass sie beim letzten Gespräch gut zugehört haben. Oder in einer schwierigen Situation die richtigen Worte finden. Vielleicht sind sie auch toll, weil sie ein Fest organisiert haben, bei dem viele Menschen nach langer Zeit mal wieder ausgelassen sein konnten. Oder, weil sie als Lehrerin an ein Kind geglaubt haben, als alle anderen es nicht mehr taten. Weil sie sagen: Ich verzeihe dir von ganzem Herzen, auch wenn diese Aktion von dir unmöglich war. Weil sie einen Streit gut sein ließen. Uns zu diesem wunderbaren Winterspaziergang mit Sonnenuntergang animiert haben, den wir beim Netflixen auf der Couch glatt verpasst hätten. Oder Blumen und Suppe vorbeigebracht haben.

Es ist paradox, aber oft werden die Menschen ja optimistischer, je länger sie leben. Mir geht es jedenfalls so. Als Teenager, aufgewachsen im Schatten des Kalten Krieges, von Tschernobyl und sterbenden Wäldern, gebeutelt von Liebeskummer und alten Platten von „The Cure“ wusste ich genau: Die Welt ist schlecht, das Leben ein Jammertal, und wer das anders sieht, hat einfach nichts verstanden. Vielleicht, weil das Am-Leben-Sein mit den Jahren seine Selbstverständlichkeit verliert. Oder wir uns pragmatisch eingerichtet haben im Auge des Sturms, und uns dort erlauben, das kleine, persönliche Glück zu genießen? Weil es ein Wunder ist, wenn eine Liebe beginnt. Und wenn ein Kind tapsig wie ein betrunkener Seemann die ersten Schritte tut. Weil ein Hagebuttenstrauch voller Raureif unfassbar schön ist. Und die Vorsorgeuntersuchung bestimmt nichts Böses zutage fördert. Unsere Zeit auf der Erde dauert nur einen Wimpernschlag.

Trotz aller Erfahrung an das Gute glauben, das sind wir uns und unseren Kindern schuldig. Und vielleicht ist es sogar das, was Menschsein im Kern ausmacht. Es ist die Hoffnung, die uns antreibt. Uns alle. Auch die Ärmsten, auch diejenigen, die vor Krieg und Terror fliehen. Zu leben ist ein Glück, auch wenn all der ganze Mist passiert. Denn der passiert sowieso, ob wir ständig mit ihm rechnen („Das geht nie gut!“) oder uns von ihm überraschen lassen.

Ohne nicht wenigstens einen gediegenen Gelegenheits-Optimismus zu leben, brauchen wir eigentlich gar nicht vor die Tür zu gehen. Tun wir aber, Gott sei Dank. „Lebbe geht weider.“ Muss ja. Und ja, eines Tages werden wir sterben. Das sagt Charly Brown in dem berühmten Peanuts-Cartoon zu Snoopy. Und der antwortet: „Stimmt, aber an allen anderen Tagen nicht.“


Andererseits…

Bitte nehmen sie die rosarote Brille ab: Pessimismus ist Realismus! (von Angela Wolf)

„Nur wer sich bewegt, spürt seine Fesseln.“ Dieser wundervolle Aphorismus von Rosa Luxemburg hat es in sich, und zwar gleich zweifach. Die Pessimistin spürt ihre Fesseln, jeden Tag. Allerdings nur, weil sie sich bewegt. Sie hinterfragt, ist kritisch, dreht besser noch eine Schleife und vertragt die Entscheidung dann trotzdem.

In unserer heutigen Zeit, in einer Gesellschaft die dem Spaß, dem Vergnügen, der guten Laune anheimgefallen ist, ist Pessimismus alles andere als gefragt. Im Gegenteil: Pessimistisch Sein gilt als verpönt, als Partybremse, ja sogar als pathologisch. In dieser Ära der unbegrenzten Möglichkeiten, ob zwischenmenschlich oder in der Distanz, kann wirklich niemand pessimistisch sein, oder doch?

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion des EFO-Magazin. | Foto: Tamara Jung.
Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion des EFO-Magazin. | Foto: Tamara Jung.

Aber ja! Und das ist gut so. Pessimisten decken den Mist auf, der unter der oberflächlichen Oberfläche liegt. Klimaschutz: ein Lippenbekenntnis. Nächstenliebe: ein schlechter Witz. Solidarität: ja bitte, aber nicht vor meiner Haustür.

Wir leben im Anthropozän. Dem Zeitalter, in dem der Mensch – also wir – der Erde in all ihren Daseinsformen dermaßen zusetzt, dass wir uns damit früher oder später selbst abschaffen. Und die Optimisten? Sie feiern Party. Geht‘s noch? Die Probleme rund um den Globus lassen sich nicht einfach abstreifen wie ein schmutziges T-Shirt. Das ist verantwortungslos.

Und für Formen von Verantwortungslosigkeit müssen wir nicht einmal auf andere Teile der Erde blicken. Wirklich nicht. Kommunen legen sich Programme zu, die die Nachbarschaftsförderung vorantreiben sollen. Von alleine kommen nämlich die wenigsten drauf, der Nachbarin mit gutem Willen entgegenzutreten.

Die Stadt Frankfurt hat eine Stabsstelle „Sauberes Frankfurt“ eingerichtet. Warum wohl? Weil jeder einfach, und zwar wo er geht und steht, seinen Müll arglos wegwirft. Gemeinschaftssinn? Nie gehört. Der Egoismus ist nicht nur auf dem Vormarsch, er ist längst auf einem Eroberungsfeldzug. Frankfurt braucht dringend Wohnraum, Neubauten müssen her. Ein ganzer Stadtteil wäre die gewinnbringende Idee. Sehen alle ein. Bebauung kann unter Umständen dann aber auch den eigenen Weitblick kosten, oder die Frischluftschneise. Wenn das so ist – nein, dann doch lieber nicht.

Jetzt mal Hand aufs Herz. Um in unserer heutigen Zeit reichlich Gutes zu erkennen, da muss man schon nicht mehr alle sieben Sinne beisammenhaben. Pessimistisch zu sein bedeutet aber bestimmt nicht, depressiv zu sein. Die Pessimistin sieht klar. Analytisch. Rational. Sie öffnet die Augen und nimmt die rosarote Brille ab. Nur so lassen sich Lösungswege durchdenken, Strategien entwickeln, Alternativen überlegen. Greta Thunberg zum Beispiel. Ganz klar als Pessimistin zu identifizieren. Aber: Sie hat einen Stein ins Rollen gebracht. Auf ihre Initiative hin kämpfen nun unpolitisch geglaubte Kinder und Jugendliche allfreitäglich gegen eine Generationenungerechtigkeit, die zum Himmel stinkt.

Machen Sie sich den Spaß und googeln Sie mal den Begriff „pessimistisch“ oder „Pessimismus“. Die ersten Hits: Anleitungen, wie sich pessimistisches Denken stoppen lässt. Oder: diese Nachteile birgt der Pessimismus. Alles Quatsch. Pessimisten schockt so schnell nichts. Worst-Case-Szenario? Alles schon durchgespielt. Stabile Persönlichkeit? Wer sonst. Ein Fünf-Punkte-Plan im Notfall? Kein Problem. Pessimisten sind coole Typen. Die stillen Gewinnerinnen.

Pessimisten haben Recht, Optimisten Spaß. Eine Lagerzuschreibung könnte unter Umständen schwerfallen. Sie sei wohl überlegt. Der Pessimist könnte der Party-Over-Kill sein. Letztendlich aber seinen Beitrag dazu leisten, dass der Kater nicht ganz so schlimm ist.


Verfasst von

Anne Lemhöfer 57 Artikel

Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de

Angela Wolf 50 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie studierte Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse in Frankfurt am Main, arbeitet als freie Autorin und ist ehrenamtlich aktiv.

1 Kommentar

13. Februar 2020 00:56 Paul Lenz

Nur Pessimismus bringt Fortschritte. Jedes optimitische "wird schon irgendwie klappen" oder "alle Sorgen werfet auf IHN" führt zu Passivität und Stillstand. Pessimismus führt zu einem kritischen "so geht es nicht weiter" und zu einem kreativen Überdenken von Althergebrachtem. Zu diesem Althergebrachtem gehört vor allem "gehet hin und mehret euch" und die Vorstellung, dass sich der Begriff "Überbevölkerung" allein durch Nahrungsmangel definiert. Wir müssen viel weiter denken und erkennen, dass so ziemlich jedes Problem, das wir haben, ein Resultat von Überbevölkerung ist. Ja, auch hier in Deutschland! Jeder Stau und jede Überschreitung von Schadstoffgrenzen ist ein Zeichen dafür, dass es zu viele Menschen und damit Autobesitzer gibt. Ebenso Überdüngung, Vergiftung der Natur, Massentierhaltung und Überfischung der Meere. Menschen leiden unter Flug- und Verkehrslärm, weil es nicht genug Platz gibt, um Siedlungen und Lärmquellen räumlich zu trennen. Wir ruinieren unsere Umwelt, weil es zu viele Menschen gibt, die Energie und andere Ressourcen verbrauchen und Müll erzeugen. Es gibt Kriege und Flüchtlinge, weil es an Platz mangelt, dass Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen sich einfach aus dem Weg gehen können. Höchste Zeit zum Umdenken! Kinderlose Paare dürfen nicht benachteiligt werden. Emanzipation und Empfängnisverhütung müssen weltweit gefördert werden, denn jede Frau, die ihre Selbstverwirklichung in irgend etwas anderem findet als im Kinderkriegen (wie dies z.B. in Indien immer noch der Fall ist), ist ein Beitrag zur Lebensqualität kommender Generationen. Die Menschheit muss gesundschrumpfen, und dafür müssen Wirtschafts- und Rentensysteme erdacht werden, die nicht auf der Vorstellung von ewigem Wachstum basieren.

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