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Überwintern im U-Bahnhof

Der Mann aus Bulgarien hat Tränen in den Augen. „Haben die das nur für uns gemacht?“ fragt er ungläubig die Sozialarbeiter vom Frankfurter Verein für soziale Heimstätten, als die neue Winterübernachtung für Wohnungslose im U-Bahnhof Eschenheimer Tor Anfang November öffnete. In der Tat zeigt die Stadt Frankfurt hier ein menschliches Gesicht.

Seit 1. November können Wohnungslose im U-Bahnhof Eschenheimer Tor übernachten. | Foto: Rolf Oeser
Seit 1. November können Wohnungslose im U-Bahnhof Eschenheimer Tor übernachten. | Foto: Rolf Oeser

Die neue Übernachtungsmöglichkeit für Menschen ohne Wohnung, die die B-Ebene an der Hauptwache seit diesem Jahr ablöst, ist definitiv eine Verbesserung. Dort war es zugig, an den Wochenenden randalierten nachts oft angetrunkene Jugendliche, und nicht wenige Ladenbesitzer beschwerten sich über die Wohnungslosen vor ihren Geschäften.

Im U-Bahnhof Eschenheimer Tor gibt es dagegen keine Laufkundschaft: Es ist ganz ruhig. Wer spät noch aus dem Metropolis Kino kommt, kann die neue Winterübernachtung glatt übersehen – sie ist durch eine Wand vom restlichen U-Bahnhof abgetrennt. Von innen wirkt sie fast wie ein Schlafsaal, samt Heizkörpern, Licht und eingebauter Lüftung. Sozialarbeiterinnen und Sicherheitspersonal sorgen für Sicherheit. Es ist warm, es ist ruhig, und die Toiletten samt Waschbecken sind neu und sauber.

Ab 22 Uhr wird es hier schnell voll. Zuerst kommt eine Gruppe von etwa zehn Menschen aus Osteuropa. Die Männer haben Vollbärte und die Frauen bunte Kopftücher und mehrere lange Röcke übereinander. Zwei schnappen sich die knallgrünen Isomatten, die der Frankfurter Verein zur Verfügung stellt und rollen ihre Decken darauf aus. „Wir würden gerne Feldbetten aufstellen, wissen aber nicht, wie wir sie jeden Tag desinfizieren könnten“, sagt Elfi Ilgmann-Weiss, Sozialarbeiterin beim Frankfurter Verein. „Die Isomatten können die Leute behalten. Wer keinen Schlafsack hat, bekommt einen von uns.“

Viele Übernachtungsgäste kommen mit Rollkoffern, legen ihre Matten um die Säulen in der Raummitte und ziehen erstmal Schuhe und Strümpfe aus. Oft sind die Füße geschwollen – ein Tag auf der Straße ist lang. Eine mittelalte blonde Frau verschwindet in Richtung Toiletten, ein jüngerer Mann zieht seinen Pullover aus und isst im Unterhemd noch ein Stück Brot. Es kommen deutlich mehr Männer als Frauen, manche kuscheln sich auch paarweise aneinander. Um halb elf liegen alle in ihren Schlafsäcken, nur das Licht aus den Neonröhren ist noch etwas hell.

Elfi Ilgmann-Weiss und Johannes Heuser vom Frankfurter Verein organisieren die Unterbringung in der B-Ebene am Eschenheimer Turm. | Foto: Rolf Oeser
Elfi Ilgmann-Weiss und Johannes Heuser vom Frankfurter Verein organisieren die Unterbringung in der B-Ebene am Eschenheimer Turm. | Foto: Rolf Oeser

Die Winterübernachtung hat seit 1. November geöffnet. In der ersten Woche haben bereits 40 Menschen pro Nacht hier übernachtet, in der zweiten Woche waren es schon 70. Unterkommen können bis zu 150. Zurzeit stammen 90 Prozent der Menschen aus Osteuropa, viele davon aus Bulgarien und Rumänien.

„Die Osteuropäer haben hier ja keinen Anspruch auf Sozialleistungen. Wer Deutsch ist, nimmt oft aufgrund seiner psychischen Verfassung keine andere Notübernachtung in der Stadt in Anspruch“, erklärt Ilgmann-Weiss. Sie erzählt, dass viele von ihnen die Vorstellung haben, in Deutschland schnell Arbeit zu finden, selbst wenn sie gar nicht oder nur gebrochen Deutsch sprechen. Andere kommen jedes Jahr im Winter, weil sie in deutschen Großstädten zumindest etwas Geld erbetteln oder Pfandflaschen sammeln können: In ihren Heimatländern ist die Armut sogar dafür zu groß.

Während des Frankfurter Weihnachtsmarktes steigt die Zahl der Übernachtenden noch einmal, dann schlafen im Schnitt rund 50 Menschen mehr in der Winterübernachtung. „Offensichtlich ist der Markt lukrativ“, sagt Ilgmann-Weiss. „Vielleicht sind die Leute dann freigiebiger, an manchen Ständen gibt es wohl auch kleine Jobs.“

Auch der Gottesdienst, der für Menschen ohne Wohnung traditionell am 24. Dezember in der Weißfrauenkirche gefeiert wird, ist seit einigen Jahren zunehmend osteuropäisch geprägt. „Viele Menschen singen die bekannten Weihnachtslieder wie Stille Nacht, heilige Nacht dann auf russisch mit“, sagt Pfarrer Michael Frase, der Leiter des Diakonischen Werks Frankfurt.

Von November bis April auf dem Boden zu übernachten ist hart – im buchstäblichen und übertragenen Sinn. Auch die Winterübernachtung ist ein öffentlicher Raum, Wohnungslose haben fast keine Privatsphäre. Aber unter den gegebenen Umständen bietet sie größtmöglichen Schutz. Und morgens gibt es sogar noch ein Frühstück direkt vor Ort: Ab sechs Uhr werden Tische und Stühle aufgestellt, bis um neun gibt es Kaffee und ein süßes oder salziges Gebäck.

Die Stadt Frankfurt hat hier ein menschliches Gesicht. Niemand muss nachts erfrieren oder hungers sterben.


Autorin

Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach".

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