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Audiowalk auf den Spuren verfolgter Künstlerinnen und Künstler

Der Audiowalk „Der Rache nicht“ führt auf den Spuren von fünf Frankfurter Künstlerinnen und Künstlern, die in der Weimarer Republik erfolgreich waren und Opfer des NS-Regimes wurden, durch Frankfurt.

Das Kollektiv Widerhall hat den Audiowalk erarbeitet, man kann ihn auf der Internetseite von Studionaxos downloaden. | Foto: Christian Schuller
Das Kollektiv Widerhall hat den Audiowalk erarbeitet, man kann ihn auf der Internetseite von Studionaxos downloaden. | Foto: Christian Schuller

„Wir wollten uns mit Künstlerinnen und Künstlern beschäftigen, die in der NS-Zeit in Frankfurt aus den Institutionen gedrängt wurden“, erzählt die 33 Jahre alte Regisseurin Marie Schwesinger, die im März 2020 zu den Gründerinnen des Frankfurter Kollektivs Widerhall gehörte. Schwesinger und weitere Künstler:innen aus Frankfurt entwickelten den Audiowalk anhand von historischem Material und fiktiven Texten. Ausgangspunkt ihrer Recherchen war eine Gedenktafel am Gebäude des Schauspiel Frankfurts für jene Schauspielerinnen und Schauspieler, die Opfer der Nazis wurden. „Ich habe die Namen gegoogelt, das war der Anfang“, erzählt Schwesiger.

Im Mittelpunkt des Audiowalks stehen die Schicksale der Fotografinnen Nini und Carry Hess, der Opern- und Konzertsängerin Madga Spiegel, des Opern- und Operettensängers Hans Erl und des Schauspielers Joachim Gottschalk. Bis zur Machtübernahme der Hitler-Regierung waren sie in ihren Berufen sehr erfolgreich. Für ihre künstlerische Laufbahn spielte es in der Weimarer Republik keine Rolle, dass sie jüdischer Herkunft oder jüdischen Glaubens waren. Oder, wie Joachim Gottschalk, mit einer Jüdin verheiratet waren. Ab 1933 änderte sich das gravierend. Zunächst war ihre die Karriere unter der nationalsozialistischen Herrschaft beendet, dann wurden sie ermordet, in Auschwitz, Majdanek oder Sobibor. Nur Carry Hess überlebte im Exil in Frankreich.

Der Audiowalk beginnt auf dem Willy-Brandt-Platz, die Sprecherin lenkt den Blick auf die erwähnte unauffällige Gedenktafel. Einer der Namen: Joachim Gottschalk. Er glänzte am Schauspiel Frankfurt im Rollenfach des jugendlichen Helden. Als er die Scheidung von seiner jüdischen Frau verweigerte, erhielt er keine Rollen mehr. Das Paar beging 1941 gemeinsam Suizid, ihren achtjährigen Sohn nahmen sie mit in den Tod.

Es geht weiter zum Goetheplatz. Dort hatten die Fotografinnen Nini und Carry Hess ein Fotostudio, das als eines der berühmtesten der Weimarer Republik galt. Carry Hess emigrierte 1933 nach Frankreich und überlebte. Ihre Schwester Nini und die Mutter blieben in Frankfurt, beide starben in Auschwitz. In den fünfziger Jahren kämpfte Carry Hess sieben Jahre um Wiedergutmachung; nachdem sie ihr Ziel erreicht hatte, lebte sie nur noch ein halbes Jahr. Ein exemplarisches Schicksal: Viele Opfer, die das des Nazi-Regime überlebten, erhielten viel zu spät oder nie eine Entschädigung. Diese Tatsache macht bis heute sprachlos.

An der Alten Oper stehen die Lebensgeschichten von Hans Erl und Magda Spiegel im Mittelpunkt. Der Titel des Audiowalks „Der Rache nicht“ ist von Erls Schicksal inspiriert. Erl war von 1918 bis 1933 an der Oper Frankfurt engagiert, sein Frankfurter Repertoire umfasste rund 100 Rollen. „In diesen heiligen Halle/Kennt man die Rache nicht ...“, heißt es in der Arie des Sarastro aus Mozarts „Zauberflöte“. „Nachdem Erl 1938 in Frankfurt verhaftet worden war, forderte ein SS-Mann ihn auf, diese Arie zu singen“, erzählt Marie Schwesinger. Erl sang und wurde zunächst freigelassen, aber später erneut verhaftet und in Majdanek oder Sobibor getötet. Wo genau, ist nicht bekannt. Magda Spiegel, die an der Oper Frankfurt schon während des Ersten Weltkriegs große Erfolge feierte, trat 1935 zum letzten Mal dort auf, sie starb in Auschwitz.

Mit Lebensgeschichten wie diesen, die an den Wirkungsstätten der Betroffenen erzählt werden, lässt das Kollektiv Widerhall, Zeitgeschehen hautnah lebendig werden. Die wichtigsten Stationen, Willy-Brandt-Platz, Goetheplatz, Alte Oper, Hansaallee, sind den meisten Frankfurterinnen und Frankfurtern sicher vertraut. Und doch sind die Schicksale, die mit diesen Orten verknüpft sind, vielen unbekannt. Um so wichtiger ist es, davon zu erzählen. Wer sich mit dem Audiowalk auf Spurensuche begeben hat, nimmt die Stadt anschließend mit anderen Augen wahr. „Der Rache nicht“ führt plastisch vor Augen: All dies ist in unserer Stadt passiert. So etwas darf nie wieder passieren. Besser kann Geschichte nicht vermittelt werden.

Der rund 70-minütige Audiowalk lässt sich vorerst bis zum 10. Mai unter studionaxos.de/der-rache-nicht-audiowalk downloaden. Auf der Website ist auch eine Wegbeschreibung abrufbar. Eventuell wird der Audiowalk auch später noch abrufbar sein. Es gilt ein solidarisches Preissystem, das heißt, man kann für die Teilnahme nach eigenem Ermessen bezahlen.


Autorin

Antje Kroll 2 Artikel

Antje Kroll arbeitet seit vielen Jahren als Journalistin, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und Korrektorin.

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