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Auf der Suche nach Gelassenheit

Waltraud Söhnel bietet seit neun Jahren in der Gethsemanegemeinde einen Gesprächskreis für Angehörige demenziell Erkrankter an. 2023 ist sie für den Deutschen Engagementpreis nominiert.

Für ihren Einsatz für die Angehörigen demenziell Erkrankter ist Waltraut Söhnel für den Deutschen Engagementpreis nominiert.  |  Foto: Rolf Oeser
Für ihren Einsatz für die Angehörigen demenziell Erkrankter ist Waltraut Söhnel für den Deutschen Engagementpreis nominiert. | Foto: Rolf Oeser

Auf einmal steht noch jemand im Raum. Scheinbar. Die Ehefrau diskutiert mit einer Person – und der Partner sieht niemand anderen im Zimmer. Seltsame Debatten entspinnen sich – der Teppich muss weg, unbedingt, dabei ist er tadellos. Wie reagieren in solchen Momenten? Waltraud Söhnel hat 2014 einen Gesprächskreis für Angehörige demenziell erkrankter Menschen gegründet. Jeden zweiten Donnerstag im Monat trifft sich die Runde von 14 bis 15.30 Uhr in der Evangelischen Gethsemanegemeinde im Frankfurter Nordend. „miteinander!“ ist Motto und Name des Kreises zugleich. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, regelmäßiger Besuch auch nicht.

Unzählige solcher Geschichten von geliebten Menschen hat Söhnel in den vergangenen neun Jahren gehört. Da geht es um mehr als vergessene Namen, verlegte Schlüssel. Von geliebten Eheleuten, Müttern, Vätern, Geschwistern, Freundinnen, Freunden, die gestern, heute, morgen oder auch vertraut und unbekannt nicht mehr unterscheiden können, ist an den Nachmittagen die Rede.

Im vergangenen Jahr erhielt die 71-Jährige den Frankfurter Bürgerpreis. 2023 ist Söhnel in der Kategorie „Publikumspreis“ des Deutschen Engagementpreises nominiert, der regional Ausgezeichnete überregional würdigt: „Das ist eine große Ehre, zu der wir ihr herzlich gratulieren“, heißt es im Gemeindebrief. Pfarrer Thorsten Peters sagt: „Da sieht man wie wichtig Ehrenamt ist“ und betont: „Wir wollen Mitmachgemeinde sein“. Wirken wie dieses vernetze mit der Nachbarschaft. Der Gethsemanepfarrer rührt kräftig die Trommel und lädt dazu ein, über die Website www.deutscher-engagementpreis.de für Waltraud Söhnel zu stimmen. Am 12. September beginnt das Voting und dauert sechs Wochen.


Söhnel weiß, wovon die Rede ist

Waltraud Söhnel selbst zuckt die Achseln, lacht, als das Gespräch auf den Preis kommt, entspannter Stolz trifft es vielleicht. Zugewandt und überlegt wirkt sie. Gut vorstellbar, dass sie für eine Atmosphäre sorgt, in der sowohl Informationen zu Pflegestufen, neuen Alzheimer Präparaten, tiefe Verzweiflung und Ringen um die Liebsten ausgetauscht werden. Auf die Frage hin, ob Geduld wichtig sei im Umgang mit Dementen, antwortet sie: „Eher Gelassenheit“. Nicht immer „rumzuppeln“, auch Leute in dieser Lebenssituation wollen nicht ständig bevormundet werden.

Gelernt hat die in Frankfurt geborene Industriekauffrau. In der Werbeabteilung eines großen Unternehmens war sie tätig, rechte Hand eines Schulbuchverlegers – und dann noch mal Ende 30 was anderes. Waltraud Söhnel holte das Abitur nach. Dem folgte ein Studium, Religionswissenschaften, Pädagogik, Psychologie. Die Nordendlerin hat später in die Richtung gearbeitet, aber nicht lange. Zuerst betreute sie die demente Schwiegermutter, dann die eigene. „Ich kam da auch an meine Grenzen“. In einer Gruppe der Caritas fand sie Halt bei anderen, die in einer ähnlichen Situation waren.

Als ihre Mutter starb, hat die Leiterin der Caritas-Gruppe sie gebeten, weiterhin zu kommen, Söhnels Beiträge hatten den anderen gutgetan. Auf Dauer wollte sie sich jedoch umorientieren, sie hielt Ausschau nach einem Ort in der Nachbarschaft und fand ihn in der Gethsemangegemeinde. Ihr Mann Klaus Söhnel organisiert hier Jazz-Konzerte, die damalige Gemeindepädagogin Beatrix Lammert kannte sie von Literaturreihen. Und Waltraud Söhnel suchte was inmitten der Stadt, „denn was Angehörige Dementer überhaupt nicht haben, ist Zeit“.


Privatwohnungen oder Cafés eignen sich für solche Treffen nicht

Nach Kirchlichem werde nicht gefragt an den Donnerstagnachmittagen. „Kirche stellt mir den Raum“, dazu noch Heißgetränke und Plätzchen, darauf beschränkt es sich. Söhnel ist glücklich über den Raum, andere Orte wären schwierig gewesen: Treffen in Cafés – „dafür sind die Gespräche zu intim“. Abwechselnde Einladungen in Privatwohnungen hätten zusätzliche Bürden bedeutet. Außerdem lautet eine Grundregel des Gesprächskreises, es handelt sich um eine Angehörigengruppe, die nicht für Betroffene gedacht ist. Söhnels Angebot ist eine Rarität. Hilfreiches für Betroffene gibt es einiges in Frankfurt, für die Angehörigen kaum etwas,

Bei den meisten, die bei den Treffen dabei sind, taucht irgendwann die Frage „Unterbringung im Heim“ auf. Vielfach wird es unvermeidlich. In Corona-Zeiten eine sehr belastende Situation. Waltraud Söhnel war telefonisch erreichbar, wenn die Verzweiflung riesig war, weil die dementen Angehörigen nicht besucht werden konnten. „Das war entsetzlich“. Wie gut, dass jetzt Besuche wieder möglich sind. Denn egal, ob in einer Wohnung vereint oder regelmäßig im Heim besucht – die Liebe, die Beziehungen bleiben. Und die Treffen geben Kraft fürs Miteinander.


Der Deutsche Engagementpreis

Initiator und Träger des Deutschen Engagementpreises ist das Bündnis für Gemeinnützigkeit, ein Zusammenschluss großer Dachverbände und unabhängiger Organisationen sowie Expert:innen des gemeinnützigen Sektors. Zu den Förderpartnern zählen das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die Deutsche Fernsehlotterie, die Deutsche Bahn Stiftung und die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt. Als Medienpartner verstärkt das Unternehmen Ströer die öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung für die Engagierten.

Neben Preisen, die in vier Kategorien von einer Fachjury vergeben werden, wird ein Publikumspreis ausgelobt. Die mit 10.000 Euro verknüpfte Auszeichnung soll Anfang Dezember in Berlin überreicht werden.


Autorin

Bettina Behler 297 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach