Frankfurt lokal

"Einfach mal sein dürfen, ohne Stigma und ohne sich zu verstecken"

Die Debatte über Sexarbeit zog viele Menschen in den Frankfurter Stadtsalon der Evangelischen Akademie auf dem Römerberg.

Sexarbeiterin Pallas Athene (Mitte) war eine der Impulsgeberinnen beim Stadtsalon in der Evangelischen Akademie. Ebenfalls dabei Ronja Justice von der Hilfsorganisation "FiM" (links) und Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp. | Foto: Rolf Oeser
Sexarbeiterin Pallas Athene (Mitte) war eine der Impulsgeberinnen beim Stadtsalon in der Evangelischen Akademie. Ebenfalls dabei Ronja Justice von der Hilfsorganisation "FiM" (links) und Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp. | Foto: Rolf Oeser

Während draußen vor dem Panoramafenster die Sonne untergeht und die Dächer der Stadt zartorange leuchten, stellt der Moderator, Pfarrer Lars Heinemann, eine letzte Frage: „Was ist für Sie ein perfekter Tag in Frankfurt?“ Pallas Athene antwortet hinter dem Stehtisch, der beim Stadtsalon als Podium dient: „Unser Stammtisch für Sexarbeitende.“ Sie lächelt.

Die Frau, die sich Pallas Athene nennt, ist Sexarbeiterin, Speakerin und politische Aktivistin, den Stammtisch hat sie ins Leben gerufen, er sei gut besucht: „Jede von uns kennt das Gefühl, ganz allein zu sein und mit niemanden über den Beruf sprechen zu können, ja oft sogar ein heimliches Doppelleben führen zu müssen. Beim Stammtisch merke ich, wie die Frauen aufatmen, weil sie einfach mal sein dürfen, ohne Stigma und ohne sich zu verstecken.“ Insofern müsste ihr der Stadtsalon gefallen haben. Heinemann hatte zu Beginn des Abends angekündigt, nicht nur „über Sexarbeitende, sondern mit ihnen“ zu sprechen – auch für einige der Zuhörenden vermutlich eine ungewohnte, aber bewegende Erfahrung.

Das Format Stadtsalon ist eine offene Gesprächsreihe der Evangelischen Akademie Frankfurt. Unter dem Motto „Zum guten Leben in Frankfurt und Offenbach“ tauschen sich Gäste über Themen wie Wohnen, Arbeit oder das Stadtleben aus. Es gibt kurze Impulse, Livemusik, Raumkunst und Getränke an einer Bar bei freiem Eintritt. Für die optische Gestaltung hat an diesem Abend der Frankfurter Straßenkünstler Peng gesorgt, für die Livemusik das Duo Karmazin Benz.

Ansonsten wird kontrovers diskutiert, und das soll und darf so sein. Was ist mit dem Verhältnis der Geschlechter? Was mit dem von Macht, Abhängigkeit und Geld? Wie viel Freiheit ist hier möglich? Wie kann das gute Leben aussehen bei einem derart umstrittenen Thema – und wer bestimmt eigentlich darüber?

„Ich habe kein moralisches Problem mit Sexarbeit“, sagte die Politikwissenschaftlerin und Autorin Antje Schrupp, die auch Chefredakteurin des EFO ist, fügt jedoch hinzu „Allerdings denke ich auch nicht, dass sie ein Job wie jeder andere ist. Seit 5000 Jahren leben wir mit dem Patriarchat, das unsere Sexualität so vermurkst hat, dass wir nicht einfach so tun können, als wäre das vorbei.“

In Frankfurt und Offenbach seien rund 1.200 Menschen offiziell als Sexarbeitende registriert, die wahre Zahl sei aber schwer zu beziffern, sagt Heinemann. „Sexarbeit ist heterogen“, sagt Pallas Athene. Ganz wichtig sei die Unterscheidung zwischen Zwangsprostitution, die ein Verbrechen sei, und der Sexarbeit als Beruf, der selbstbestimmt ausgeübt werde – und rechtlich abgesichert sein müsse.

Auch im Publikum treffen verschiedene Blickwinkel aufeinander: Eine Frauenärztin mahnt, sexuelle Gewalt als das zu bezeichnen, was sie sei, „auch in der Ehe“. Auf die Sorgen und Nöte von Frauen in den Bordellen und Laufhäusern der Stadt, die sich für ihre Arbeit nicht freiwillig entschieden haben, weist Ronja Justice, Streetworkerin beim Verein „Frauenrecht ist Menschenrecht“ hin: „Geflüchtete Frauen aus Kriegsgebieten haben manchmal kaum eine andere Wahl, um Geld zu verdienen.“ Sie und ihre Kolleginnen helfen Sexarbeiterinnen mit migrantischem Hintergrund bei Behördengängen und der Durchsetzung ihrer Rechte – und beim Ausstieg, wenn gewünscht.

Im Publikum meldet sich eine Frau, der es trotz allem wichtig ist, kurz etwas über sich zu sagen: „Ich arbeite seit zwei Jahren als Sexarbeiterin. Und ich liebe meinen Job. Ich bringe Menschen zum Leuchten.“ Fast zu viele Perspektiven für einen einzigen Abend – aber die wichtige Debatte um die Sexarbeit hat gute Impulse bekommen, darüber sind sich vermutlich alle Anwesenden einig, als draußen die Nacht hereinbricht.


Schlagwörter

Autorin

Anne Lemhöfer 164 Artikel

Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de

0 Kommentare

Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare verfasst. Schreiben Sie doch den ersten.

Artikel kommentieren

Wir freuen uns, wenn unsere Beiträge zu Diskussion und Austausch beitragen. Dabei bitten wir, auf angemessene Umgangsformen zu achten und die Meinung anderer zu respektieren. Bei Verstößen gegen unsere Netiquette-Regeln behalten wir uns vor, Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Mit * markierte Felder sind Pflichtfelder.

Errechnen Sie die Summe der dargestellten Zahlen
Captcha =