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Endlich mal auf der sicheren Seite

Die langzeitarbeitslosen Besucher*innen der Initiative „Hilfe im Nordend“ blieben während der Corona-Krise vergleichsweise gelassen. Denn anders als sonst waren es diesmal nicht sie, die von Existenzängsten geplagt wurden. Ein Beispiel, warum soziale Absicherung so wichtig ist.

Ilse Valentin und Helmut van Recum vor der Luthergemeinde, wo die Initiative "Hilfe im Nordend" beheimatet ist. | Foto: Doris Stickler
Ilse Valentin und Helmut van Recum vor der Luthergemeinde, wo die Initiative "Hilfe im Nordend" beheimatet ist. | Foto: Doris Stickler

Verschlossene Türen gab es bei der „Hilfe im Nordend“ noch nie. In ihrem 33-jährigen Bestehen, legte die Frankfurter Anlaufstelle für Menschen die Arbeitslosengeld II beziehen, lediglich kurze Sommerpausen ein. Doch die Corona-Pandemie hat den Aktivitäten in diesem Jahr einen mehrmonatigen Stillstand beschert.

Däumchen haben Leiterin Ilse Valentin und ihr Kollege Helmut van Recum in dieser Zeit allerdings nicht gedreht. Die haushaltsnahen Dienstleistungen zum Beispiel wurden weitergeführt auf ausdrücklichen Wunsch der Kundinnen und Kunden und natürlich unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln. Mit Einkäufen, Begleitung zum Arzt oder Saubermachen können sich Arbeitslose bei diesem Programm monatlich abzugsfrei 200 Euro hinzuverdienen.

Außerdem blieben Valentin und van Recum telefonisch und via E-Mail mit den Besucherinnen und Besuchern in Verbindung. Mit etlichen der rund 70 Menschen führten sie auch Einzelgespräche vor Ort. Gerade jene, die wenig soziale Kontakte pflegen, habe der Wegfall der geselligen HIN-Angebote wie Offener Treff, gemeinsame Essen, Literatur- und Gymnastikgruppen oder Ausflüge sehr getroffen, sagt Helmut van Recum. „Einige sind in ein Loch gefallen und waren von Existenzängsten geplagt.“ Andere hätten sehr gelassen nach dem Motto reagiert „Ich habe den Krieg überlebt, da werde ich auch Corona überstehen.“ Aggressive Reaktionen gab es allerdings auch, sowie drei Personen, die Corona als „Quatsch“ bezeichneten.

Was Ilse Valentin aber wirklich überrascht hat, ist etwas anderes: „60 bis 65 Prozent der Leute, die zu uns kommen, haben eine diagnostizierte Depression, viele leiden unter Angststörungen. Aber jetzt unter Corona fühlten sich die meisten zum ersten Mal auf der sicheren Seite des Lebens. Es waren dieses Mal nicht sie, die sich Sorgen um die Existenz machen mussten.“ Viele der Langzeitarbeitslosen hätten jetzt auch die staatliche Absicherung ihrer Situation neu schätzen gelernt. Im Alltag gerate nämlich bei manchen oft aus dem Blick, „dass sie nicht nur die Verlierer der Gesellschaft sind“, so Valentin.

Auch Helmut van Recum hat „die Leute noch nie so entspannt gesehen“. Allerdings habe das nicht lange vorgehalten, inzwischen seien die Existenzängste wieder zurückgekehrt. Daher ist er froh, wieder Aktivitäten anbieten zu können. Zwar bleibt der normalerweise von gut dreißig Frauen und Männern besuchte „Offene Treff“ vorläufig noch ausgesetzt. Kleine Formate, bei denen sich hinreichend Abstand wahren lässt, wie Literaturkreis, Gymnastikgruppe, Ausflüge, Walking oder Tischtennisspiele, sind dagegen wieder am Laufen. Als Segen entpuppte sich zudem der von der Bürgerinitiative Grüne Lunge zur Verfügung gestellte Garten. Es habe sich eine Gruppe gebildet, die ihn als Ort zum Rückzug und Arbeiten schätzt.

Was Ilse Valentin und Helmut van Recum aus den persönlichen Gesprächen bereits wussten, fanden sie auch in den Antworten auf einen kleinen Fragebogen wieder, den sie ausgegeben hatten. Neben Auswirkungen auf das allgemeine Befinden, hatten sie gefragt, ob die Corona-Krisenzeit den „Glauben verändert hat, befördert oder verschwinden“ ließ. Bei der Mehrheit war hier ein schlichtes „Nein“ zu lesen. Einer Person immerhin spendete er Trost und Halt durch das Gebet, und einer anderen Gleichmut aufgrund der Erkenntnis: „Leider gehören auch die Viren zum Schöpfungsplan. Die waren lange vor den Menschen da.“


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Doris Stickler 52 Artikel

Doris Stickler ist freie Journalistin in Frankfurt.

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