Frankfurt lokal

Frankfurt hat noch immer Platz für Geflüchtete aus der Ukraine

Die Plakataktion einer Frankfurter Initiative ziert auch das evangelische Gemeindehaus in Höchst. Der Stadtteil füllt den Slogan mit Taten und bietet teils kostenlosen Wohnraum.

Pfarrer Felix von Elsberg vor dem Gemeindehaus mit Banner in Höchst. | Foto: Rolf Oeser
Pfarrer Felix von Elsberg vor dem Gemeindehaus mit Banner in Höchst. | Foto: Rolf Oeser

Ende Februar sitzt Felix van Elsberg an seinem Schreibtisch in Höchst. Wie viele andere grübelt auch der Pfarrer, was nach der russischen Invasion auf die Ukraine von Frankfurt aus zu tun ist. Welche Hilfsangebote koordiniert werden können und was am dringendsten gebraucht wird. Friedensgebete und Geldspenden sind sicherlich richtig und wichtig, aber für van Elsberg nicht genug.

Seit etwa einem Jahr etabliert sich auf dem Kirchengelände in Höchst ein Umweltprojekt in Form von Foodsharing. Aktive retten Lebensmittel aus den Tonnen von Supermärkten und geben sie regelmäßig an Menschen aus, die Bedarf haben. Die Gruppe wächst. Die der Retter und die der Bedürftigen. Einer der Aktiven im Umweltprojekt ist Mitglied der Gemeinde von van Elsberg und weiß um eine leerstehende Wohnung in deren Mietshaus. Gerade als der Pfarrer an einem Flyerentwurf für die Friedensandachten sitzt, erhält er einen Anruf mit dieser Information. Der Vermieter sei schon angefragt, räumt sich aber Bedenkzeit ein. Dann kommt die Zusage und alles geht sehr schnell. Die Höchster Gemeinde übernimmt die Schirmherrschaft und finanziert den Wohnraum über Spenden. Ein entsprechender Aufruf ging über einen E-Mailverteiler mit etwa 250 Adressen. Und das war die Initialzündung im Frankfurter Westen. Einige Vermieter:innen meldeten sich bei Felix van Elsberg und bieten ihre freistehenden Wohnraum an. Drei Wohnungen sind es inzwischen. Sie beherbergen insgesamt 15 Personen, darunter 7 Kinder.

Darunter eine dreiköpfige Familie aus der Region um Charkiw. Ein besonders umkämpftes Gebiet. Oleysa, ihr Mann und die sechsjährige Tochter Uliana leben inzwischen in einer der zur Verfügung gestellten Wohnungen in Höchst. Alle wirken erschöpft, eine gewisse Traurigkeit ist ihnen anzusehen. Den beiden Erwachsenen schießen immer wieder Tränen in die Augen. „Als der erste Angriff geflogen wurde, der ohrenbetäubende Alarm dröhnte, wir in den Keller flüchteten, da war uns klar, dass wir nicht bleiben können. Dass wir unsere Tochter vor einer solchen Erfahrung schützen müssen.“ Oleysa beschreibt weiter, dass diese Entscheidung eine der schwersten ihres Lebens ist. Weitere Familienmitglieder bleiben zurück. Sie wollen die Ukraine nicht verlassen. „Für unseren Entschluss, zu gehen, haben wir nicht nur Verständnis erfahren.“

Oleysa, wie auch ihr Mann, sprechen kein Deutsch. Auch kein Englisch. Liliya Karpynska lebt in Höchst und kam bereits vor vielen Jahren nach Frankfurt. Sie stammt aus Odessa, eine Stadt im Süden der Ukraine. Auch dort tobt der Krieg in einer seiner unerbitterlichsten Formen und sie musste ihre Mutter zu sich holen. Liliya will einen Beitrag leisten und die Gemeinde bei der Hilfe für Menschen aus der Ukraine unterstützen. Die Pädagogin übersetzt unser Gespräch an diesem Morgen im Höchster Gemeindehaus. „Ich helfe aber auch bei Behördengängen, Anträgen und gerade heute bei der Anmeldung von Uliana in der evangelischen Kita hier nebenan.“ Uliana schaut kurz von ihrem Spiel auf, als ihr Name fällt. „Irgendwie geht es voran!“, beschreiben Oleysa und ihr Mann. Nach Hause wollen die beiden und ihre kleine Tochter trotzdem so schnell wie möglich.

In Höchst leben sie gemeinsam mit einer anderen Familie in der größten „gespendeten“ Wohnung. „Als wir in Frankfurt ankamen, wurden wir in einer Turnhalle mit vielen anderen untergebracht. Ohne noch die kleinste Privatsphäre.“ Oleysas Mann zeigt Fotos der ersten Tage in der Halle, die er mit seinem Smartphone aufgenommen hat. Und dann auch welche von der Flucht. Sie zeigen ein völlig überfülltes Zugabteil. Kinder, die in den Gepäckablagen sitzen oder liegen. Wieder Tränen. Er erzählt zögerlich, dass er einer der sehr wenigen Männer im Abteil war. Man spürt die Zweifel, die ihn quälen. „Jeder Mann solle bleiben und sein Land verteidigen!“ halle es überall in der Ukraine. Die, die gehen, werden oft als Feiglinge oder Versager diskriminiert. Er selbst habe das auch hier in Deutschland von Landsleuten erfahren. Oleysas Mann hat ein Handicap und ist „kriegsuntauglich“, wie es im Fachjargon heißt. „Das hinterfragen allerdings nur die Wenigsten“ gibt auch Liliyna zu bedenken. Auch sonst sind die beiden zerrissen von den Entwicklungen, dem Krieg: „Wir haben viele Familienmitglieder in Russland. Und wir sprechen russisch. Das ist völlig normal, wenn man aus bestimmten Regionen der Ukraine stammt.“ Auch nach den Kämpfen in der Donbass-Region und der Annektion der Krim haben sie nicht damit gerechnet, dass Putin die Ukraine durch einen Angriffskrieg überfallen würde. Sie können das nicht glauben, die Situation sei surreal, sagen sie.

Die Eltern der kleinen Uliana werden jetzt Deutschkurse besuchen, während sie im evangelischen Kindergarten Freund:innen findet. Oleysa und ihr Mann hoffen sogar darauf, in Arbeit zu kommen. Sicherlich können auch hierbei die Gemeinde und Pfarrer van Elsberg behilflich sein. Kontakte sind da wichtig und und 250 sind es ja schon.


Schlagwörter

Autorin

Angela Wolf 88 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte.

0 Kommentare

Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare verfasst. Schreiben Sie doch den ersten.

Artikel kommentieren

Wir freuen uns, wenn unsere Beiträge zu Diskussion und Austausch beitragen. Dabei bitten wir, auf angemessene Umgangsformen zu achten und die Meinung anderer zu respektieren. Bei Verstößen gegen unsere Netiquette-Regeln behalten wir uns vor, Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Mit * markierte Felder sind Pflichtfelder.