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Frankfurter Kirchengeschichte in drei Bänden

Einem interessierten Publikum hat der evangelische Kirchenhistoriker Jürgen Telschow gestern Abend die letzten beiden Bände der Geschichte der evangelischen Kirche in Frankfurt vorgestellt. Von der Reformation bis ins Jahr 2016 reicht die Chronik.

Es ist vollbracht: Stadtdekan Achim Knecht (links) und Jürgen Telschow mit dem dreibändigen Werk  |  Foto: Rolf Oeser
Es ist vollbracht: Stadtdekan Achim Knecht (links) und Jürgen Telschow mit dem dreibändigen Werk | Foto: Rolf Oeser

Der evangelische Kirchenhistoriker Jürgen Telschow, Oberkirchenrat i.R., hat die dreibändige „Geschichte der evangelischen Kirche in Frankfurt am Main“ abgeschlossen. Nach dem im Jahr 2017 veröffentlichten ersten Band konnten gestern die Bände II und III in der Heiliggeistkirche im Dominikanerkloster vorgestellt werden. Galt Band I der Zeit von der Reformation bis zum Anschluss Frankfurts an Preußen im Jahr 1866, so geht es in Band II um die Jahrzehnte von 1866 bis 1945 und in Band III um die Zeit vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis in die Gegenwart. „Es ist ein Glücksfall" so einen profunden Kenner der Historie in der Kirche und Stadt zu haben, sagte der Evangelische Stadtdekan von Frankfurt und Offenbach, Achim Knecht, in seiner Einführung gestern Abend. Die Geschichtsücher dokumentierten auch, dass Umbrüche die Jahrhunderte kennzeichneten - Reformation sozusagen nicht als ein punktuelles Ereignis, sondern eine fortdauernde Herausforderung.

Der zweite Band des von Jürgen Telschow verfassten Werkes zeigt, wie sich die evangelische Kirche nicht nur der Entwicklung Frankfurts zum Industriestandort und zur Großstadt zu stellen hatte, sondern auch zwei radikale politische Umbrüche und zwei große Kriege zu bestehen hatte. Diese Kirche entwickelte zahlreiche Aktivitäten, die auch heute noch eine moderne Großstadtkirche kennzeichnen. Das geschah zunächst in Vereinsform und nach der Einführung der Kirchensteuer im Jahre 1906 auch durch die Kirche selbst. Allerdings musste die Evangelische Kirche Frankfurt im Dritten Reich durch die vielfältigen nationalsozialistischen Zwangsmaßnahmen erhebliche Einschränkungen hinnehmen und sah sich auch von internen Zerwürfnissen gekennzeichnet.

Der dritte Band beginnt mit der sogenannten „Stunde Null“, die durch die Zerschlagung des NS-Staates, umfangreiche Zerstörungen vor allem in den Städten und starke Beschädigungen der Infrastruktur geprägt war. Von Jahrzehnten des Wiederaufbaus, in denen Neubauten entstanden, aber auch die diakonische und die Jugendarbeit stark wuchsen. Beschrieben werden auch die organisatorischen Veränderungen, denen sich die Frankfurter Kirche in den vergangenen Jahrzehnten stellte. Von aktuellen Herausforderungen ist gleichfalls die Rede, etwa der zurückgehenden Zahl an Mitgliedern.

In den jetzt im Verlag Römerweg/Waldemar Kramer vorgelegten beiden Bänden geht es dem Verfasser nicht um eine Theologiegeschichte. Zwar erfährt man immer wieder, was die Menschen in ihrer Zeit gedacht und geglaubt haben. Aber im Vordergrund steht die Frage nach dem kirchlichen Leben und den dies mehr oder weniger ermöglichenden Rahmenbedingungen und Strukturen. In den einzelnen Zeitabschnitten geht es deshalb auch um den zeitgeschichtlichen Kontext, soweit er für die Frankfurter Protestanten relevant war, die Kirchenorganisation, das allgemeine kirchliche Leben, das gemeindliche Geschehen, evangelische Persönlichkeiten, die Frankfurter Pfarrerschaft, Finanzen und Gebäude.

Dabei legt Jürgen Telschow darauf Wert, dass Menschen und Dokumente mit längeren Zitaten im Originaltext zu Wort kommen. Er verspricht sich davon mehr Authentizität. Umfangreiche Quellennachweise ermöglichen den Leserinnen und Lesern selbst die Quellen aufzusuchen und ihnen weiter zu folgen. Ein um kurze persönliche Angaben erweitertes Personenregister erleichtert das Auffinden von Personen und ergänzt den Text um weitere Informationen zu den erwähnten Personen. In eher tabellarischer Form gibt es in den Anhängen des dritten Bandes detaillierte Angaben zu den Gemeinden, Dekanaten, Fachbereichen, übergemeindlichen Gremien und handelnden Personen.

Jürgen Telschow zog bei der Buchvorstellung historische Linien - von den Flüchtlingen reformierten Glaubens des 16. Jahrhunderts zu den heutigen Flüchtlingen, die die Stadt erreichen. Die evangelische Kirche habe in Frankfurt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs immer wieder auf Zuwanderung reagiert, seit den sechziger Jahren Beratung etwa für Griechen angeboten, auf die Emigration aus Chile nach dem Putsch Pinochets reagiert. Ein anderes Thema der Nachkriegzeit, das Telschow am Herzen liegt, sind Versöhnung und Friedensarbeit etwa durch "Zeichen der Hoffnung" oder auch durch Professor Ulrich Gottsein, Mitbegründer der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, beide hätten ihre Wurzeln im Evangelischen. Bei der Präsentation des Buches in der Heiliggeistkirche war es Telschow aber auch ein Anliegen, im Sinne der Geschichtsschreibung, nicht nur von positiv belegten Persönlichkeiten der Kirche zu berichten, sondern auch Fakten zu weniger rühmlichen Vertretern zu nennen, so skizzierte er den Wandel eines Pfarrers zum glühenden Nationalisten im Ersten Weltkrieg.


Autorin

Bettina Behler 61 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach