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Gute Nachbarschaft im Alter - am Beispiel der Nordweststadt

Was ist gute Nachbarschaft und welche Rolle spielt sie für uns? Gibt es dabei unterschiedliche Erwartungen je nach Alter und kulturellem Hintergrund? Diese Fragen hat die Erziehungswissenschaftlerin Katrin Sen für ihre Doktorarbeit am Beispiel der Frankfurter Nordweststadt erforscht. Ihre Ergebnisse stellte sie im Begegnungszentrum „Biazza“ vor.

Die Nordweststadt von oben. Hier wohnen vor allem ältere Menschen, teils seit Jahrzehnten. Was macht gute Nachbarschaft aus? | Foto: Rolf Oeser
Die Nordweststadt von oben. Hier wohnen vor allem ältere Menschen, teils seit Jahrzehnten. Was macht gute Nachbarschaft aus? | Foto: Rolf Oeser

Etwa 16 Prozent der Menschen in den Quartieren rund um das Nordwestzentrum sind älter als 70 Jahre, das sind deutlich mehr als im Bevölkerungsdurchschnitt. Die meisten leben schon seit vielen Jahrzehnten hier, meist in ein und derselben Wohnung.

Gute Nachbarschaft ist ein zentraler Faktor für das Wohlgefühl, sagt die Erziehungswissenschaftlerin Katrin Sen bei ihrem Vortrag im „Biazza“, dem Begegnungszentrum der Diakonie in der Nordweststadt: Wer das eigene Umfeld kennt, Ansprechpartnerinnen hat, mitbekommt, was los ist, fühlt sich zu Hause. Selbst ein schlechter Gesundheitszustand falle dann weniger ins Gewicht.

Doch nicht nur das Alter ist ein Faktor. In der Nordweststadt leben viele Menschen mit Migrationshintergrund. Welche Rolle spielen kulturelle Unterschiede? Was kann gute Nachbarschaft fördern, was verhindern? Dazu hat Katrin Sen im Nordwestzentrum Gruppendiskussionen mit deutsch- und türkischstämmigen Anwohnerinnen und Anwohnern im Rentenalter geführt.

Die soziale Funktion von Nachbarschaft war vor allem für die Deutschstämmigen wichtig: Vom Blumengießen über Hilfe beim Tragen bis Informationsaustausch – Nachbarn sind die, auf die man sich verlassen kann. Hilfeleistungen, Toleranzerwartungen („Eine Hand wäscht die andere“) und Rücksichtnahme prägen eine freundlich-unterstützende Nachbarschaft. Ein wenig Geselligkeit („Das Schnäpschen über den Zaun“) gehört auch dazu.

Interkulturell wird es dann manchmal schwieriger: Zwar geht Frau Müller davon aus, dass sie sich bei Frau Meier nebenan umstandslos mal ein Ei borgen kann, bei Frau Takim aber eher nicht. „Unsicherheit bezüglich kultureller Regelwerke“ nennt das die Forscherin. Allerdings werden Unterschiede im Lebensstil häufig kulturell interpretiert, obwohl sie es gar nicht unbedingt sind: Wenn Frau Müller darüber schimpft, dass Frau Takim sonntags ihre Wäsche im Garten aufhängt, muss das nicht an unterschiedlichen kulturellen Gepflogenheiten liegen. Vielleicht gehört Frau Takim einfach zu einer jüngeren Generation, die es mit der Sonntagsruhe generell nicht mehr so genau nimmt.

Auch umgekehrt gibt es Vorbehalte: Türkischstämmige Anwohnerinnen und Anwohner nehmen das Verhalten von Deutschen häufig als ablehnend wahr – „Die Türen sind verschlossen“, sagen sie. Vielleicht sind auch einfach nur die Erwartungen unterschiedlich. Während sich für die einen gute Nachbarschaft darin zeigt, dass man sich über den Zaun hinweg die Hand reicht, würden sich andere erst dann so richtig heimisch fühlen, wenn der Zaun ganz weg ist.

Wohlgefühl und gute Nachbarschaft hängen jedenfalls stark davon ab, dass man sich auch über unausgesprochene Regeln grundsätzlich einig ist. Ist das nicht gegeben, sind Gespräche über Erwartungen, regelmäßige Begegnungsräume und transparente Regeln umso wichtiger. Insgesamt aber, so Sen, gebe es in der Nordweststadt „trotz großer Unterschiede nur minimale Spannungen“ zwischen den Gruppen.


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Silke Kirch 33 Artikel

Dr. Silke Kirch studierte Germanistik, Kunstpädagogik und Psychologie in Frankfurt am Main und ist freie Autorin und Redakteurin.

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