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In der „Kindervilla Hollerkopf“ finden Kinder ein Zuhause auf Zeit

Am Rand der Nordweststadt hat die evangelische Kirche die „Kindervilla Hollerkopf“ eröffnet. Hier können elf Kinder, deren Eltern sich nicht selbst um sie kümmern können, ein vorübergehendes Zuhause finden.

Sandra Heppler (links) und Astrid Hofmann vom Team der Villa Hollerkopf in der Nordweststadt. Foto: Rolf Oeser
Sandra Heppler (links) und Astrid Hofmann vom Team der Villa Hollerkopf in der Nordweststadt. Foto: Rolf Oeser

Emily (die Namen aller Kinder wurden geändert) ist neu hier. Sorgfältig steckt sie in ihrem Zimmer Filzstifte in einen Ständer, manchmal huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Unter der Schreibtischauflage zieht sie ein Foto ihrer Familie hervor; das Datum, wann es aufgenommen wurde, weiß sie ganz genau. Damals lebten Papa und Mama noch nicht getrennt.

Emilys Eltern können sich nicht selbst um sie kümmern, deshalb wurde sie über das Jugendamt in eine „vollstationäre Einrichtung“ vermittelt, ein Kinderheim also. Das kommt in letzter Zeit wieder häufiger vor: Jeden Tag sind in Deutschland mehr als hundert Kinder und Jugendliche betroffen.

In Frankfurt hat die evangelische Kirche im März die „Kindervilla Hollerkopf“ am Rand der Nordweststadt eröffnet, in der auch Emily jetzt wohnt. Insgesamt elf Kinder können hier ein Zuhause auf Zeit finden. Emily zählt die Namen ihrer Geschwister auf, ihr Alter, ihre Größe. Es gefalle ihr gut in der Kindervilla, sagt die Neunjährige. Mit ihrer Monatskarte kann sie weiterhin in ihre alte Schule fahren. Ob sie Träume hat? „Nein“, sagt Emiliy und schaut aus dem Fenster. Und sagt: „Am Wochenende kommt meine Cousine, die ist einen Monat älter als ich.“

„Am Anfang sind die Kinder verunsichert und haben oft in den ersten Nächten Heimweh“, sagt Sandra Heppler, die das Team aus sieben pädagogischen Mitarbeiterinnen leitet. Heimweh, das „eklige Gefühl“, nehmen sie alle ernst. Dagegen kann es eine Wärmflasche und eine Gute Nacht-Kassette geben, oder das Licht bleibt brennen „und wir gucken, wann das nächste Telefonat mit den Eltern vereinbart ist“.

Raffaella und Katinka flitzen treppauf, treppab, tragen Kuscheltiere und Bettzeug. Sie wollen in einem Zimmer zusammenziehen, gerade haben sie bei der Hausversammlung das Okay dafür bekommen. Die Sechs- bis Zwölfjährigen leben im Durchschnitt zweieinhalb Jahre im Heim. Dass ihre Eltern sich nicht um sie kümmern können, hat verschiedene Ursachen: psychische Krankheiten, Alkoholsucht, Erziehungsschwierigkeiten, Verwahrlosung, Gewalterfahrungen.

Paul malt am langen hölzernen Esstisch ein Geheimzeichen in ein kariertes Ringbuch. Katinka darf es sehen, sie ist schon elf, zwei Jahre älter als Paul. Vielleicht ist das der Beginn eines Clubs, aber das geht Erwachsene nichts an. Eine Hauswirtschafterin kocht, wäscht und putzt, die Kinder machen Küchen-, Müll- und Pflanzendienst und leben in einem klar strukturierten Tagesablauf. Zum Einzug bekommen sie ein liebevoll gestaltetes Kindervilla-Buch mit handgemalten Zeichnungen. Handy-Regeln sind darin ebenso notiert wie Kinderrechte und Personen, an sie sich die Kinder zusätzlich wenden können. Zum Konzept gehört es auch, den Kontakt zu Eltern, Freunden und Schule aufrechtzuerhalten. Denn Ziel ist es ja, die Kinder wieder in ihre Familie zu integrieren.

Raffaella fühlt sich wohl in der verwinkelten Villa mit dem großen Garten. Zu Sandra Heppler hat sie nach den ersten Tagen, in denen sie ängstlich war, gesagt: „Ich konnte ja nicht wissen, dass Ihr nett seid.“


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Autorin

Susanne Schmidt-Lüer ist Pressesprecherin des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach. Sie schreibt auch als freie Autorin vor allem über Sozialpolitik, Kirche, Alter und wirtschaftspolitische Themen.