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Honig vom Kirchturm: Die neue Ernte der Wartburggemeinde ist da

Seit acht Jahren beherbergt der Turm der Wartburgkirche am Günthersburgpark Bienenstöcke. Aus ehemals drei Völkern sind inzwischen schon acht geworden, und der Ertrag ist beträchtlich: 300 Kilogramm Stadthonig wurden dieses Jahr geerntet.

Welcher Honig darf's denn sein? Verkostung der neuen Ernte in der Wartburggemeinde im Nordend.  |  Foto: Rolf Oeser
Welcher Honig darf's denn sein? Verkostung der neuen Ernte in der Wartburggemeinde im Nordend. | Foto: Rolf Oeser

Weißes Tischtuch, knusprigbraune Brötchen, frische Butter, goldgelber und cremeweißer Honig in Gläsern und sogar Kaffee: Der Tisch für die erste Verköstigung des Sommerhonigs in der Wartburggemeinde ist gedeckt. Auf dem Platz am „Bienenturm" – so wird der schmale, hohe Kirchturm der Wartburgkirche im Nordend genannt. Acht Bienenvölker sind dort zuhause. 

Und schon kommen Menschen nach dem Gottesdienst und aus der Nachbarschaft an die Tische. „Welcher Honig kommt denn jetzt von wo?“ fragt eine Frau, nachdem sie einen Blick auf die Etiketten geworfen hat.  „Wir haben würzigen, dunkelgelben Turmhonig vom Sommer und cremig geronnenen vom Frühjahr“, erklärt Jürgen Fischer, Hobbyimker in der Wartburggemeinde. „Der Geschmack ändert sich, je nachdem, welche Blüten die Bienen anfliegen“, erklärt er. „Im Sommer finden die Bienen in der Nähe zum Beispiel Brombeeren, Rosen, Linden, Kastanien und Wildkräuter.“

„Sau-lecker“, sagt Liam Konz und beißt in ein dick mit Butter und Sommerhonig bestrichenes Brötchen. Der Zehnjährige ist mit seiner Schwester und seinen Eltern gekommen. „Wir leben in unmittelbarer Nachbarschaft“, erzählt seine Mutter. „Diese Verköstigung ist doch spannend für die Kinder – da können sie den Honig nicht nur schmecken, sondern auch direkt sehen, wie er entsteht.“

Liam, seine Schwester und andere Interessierte dürfen mit Jürgen Fischer die Wendeltreppe im Bienenturm hochgehen, in dessen erstem Stock die so genannten Beuten stehen – das sind die Kästen, in denen die Bienenvölker leben. Anfänglich waren es nur drei Völker, mittlerweile leben hier acht. Dieses Jahr waren sie besonders fleißig. „Voriges Jahr haben wir hier 150 Kilo geerntet, dieses Jahr 300 Kilo“, sagt Fischer stolz.

Er zieht ein Wabenbrett aus einer Holzbeute und erklärt, wie die Bienen Blütennektar in ihrem Honigmagen in Honig verwandeln. Liam darf seinen Finger mitten in die Honigwaben stecken und dann ablecken. Guter Honig besteht zu 80 Prozent aus Zucker und zu 20 Prozent aus Wasser. Das schmeckt nicht nur Kindern.

Der Kirchturm der Wartburggemeinde wird seit 2010 als Bienenturm genutzt. Damals kam ein Hobbyimker aus dem Stadtteil auf Pfarrer Thomas Diemer zu und fragte, ob in der Gemeinde vielleicht Platz sei, um Bienen zu züchten. „Das angebliche Bienensterben war in aller Munde und wir wollten gerne etwas für die Bewahrung der Schöpfung tun“, sagt Pfarrer Thomas Diemer. Anfangs habe es Bedenken gegeben, „aber im ersten Stock des Turms sind sowohl die Bienen geschützt als auch die Menschen.“

Der Standort eignet sich auch deshalb so gut, weil viele Vorgärten und Kleingärten in der Nähe sind, außerdem der Günthersburgpark und der Hauptfriedhof. Bienen fliegen bis zu drei Kilometer weit, um sich ihre Nahrung zu holen. In der Stadt geht es ihnen mittlerweile sogar besser als auf dem Land, wo sie nach der Rapsblüte kaum noch Nahrung finden und viele Insektizide gespritzt werden.

Zusammen mit den Bienen bekam die Wartburggemeinde auch einen Garten. Früher brachliegende Grünflächen rund um die Kirche sind jetzt bepflanzt, mit Nutzpflanzen und Blumen, an denen sich die Bienen gütlich tun können. „Der Kirchgarten wurde ausschließlich von Ehrenamtlichen angelegt und wird auch von ihnen gepflegt“, erzählt der Pfarrer. „Und das sind noch nicht einmal alles Gemeindemitglieder.“ Über den Gartenzaun komme er mit den Menschen im Stadtteil ins Gespräch, auch denen aus anderen Ländern, die jetzt hier wohnen. „Gärten kennen Menschen überall.“

Mit ihrer Initiative lag die Wartburggemeinde damals voll im Trend. Vor nicht allzu langer Zeit war das Imkern noch eine belächelte Tätigkeit älterer Herren, jetzt boomt das Handwerk wieder. Und zwar vor allem in der Stadt, auf Balkonen, aber auch auf Hotel-, Museums- und Bankendächern.

Dass die Zukunft der Honigbiene, mit lateinischem Namen apis mellifera, möglicherweise bedroht ist, hat Schlagzeilen gemacht. Vom Aussterben bedroht sind die kleinen nützlichen Insekten derzeit allerdings nicht. Man müsse aber damit rechnen, dass in den nächsten 25 Jahren ein Drittel der heute noch 600 Wildbienenarten aussterben können, wenn die ständige Intensivierung der Landnutzung nicht geändert werde, mahnt Robert Paxton von der Universität Halle.

Der Wartburg-Honig kann dienstags und donnerstags von 10 bis 12 Uhr im Gemeindebüro, Hartmann-Ibach-Straße 108, gekauft werden. Kontakt: wartburggemeinde-frankfurt.de


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Autorin

Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach".

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