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„Ich telefoniere jeden Tag drei Stunden“

Wenn Treffen und Ausflüge nicht mehr möglich sind, muss man sich halt etwas anderes einfallen lassen – nach dieser Devise gestaltet Gerhard Pfahl seine Angebote vor allem für ältere Menschen in der Corona-Zeit. Ein Gespräch mit dem evangelischen Gemeindepädagogen, der für die Frankfurter Stadtteile Niederrad, Griesheim und Nied zuständig ist.

Statt bei Veranstaltungen und Ausflügen hält Gemeindepädagoge Gerhard Pfahl zurzeit meist von seinem Büro aus Kontakt zu den Menschen. | Foto: Rolf Oeser
Statt bei Veranstaltungen und Ausflügen hält Gemeindepädagoge Gerhard Pfahl zurzeit meist von seinem Büro aus Kontakt zu den Menschen. | Foto: Rolf Oeser

In einem normalen Jahr wäre Gerhard Pfahl ständig auf Achse gewesen. Der Gemeindepädagoge hätte zum „Cafe Kelsterbacher“, zum „Babbelbrunch“ und zu bunten Nachmittagen geladen, auf „Route55+Fahrten“ mit Seniorinnen und Senioren die Umgebung erkundet, zum „Tanzen unter Gottes Dach“ gebeten und Aufführungen des Seniorentheaters „Die AlterNaiven“ organisiert.

Die Corona-Pandemie warf alles über den Haufen. „Muss leider ausfallen“ schrieb er im März 2020 hinter alle Angebote und verbringt seither viel Zeit in seinem Büro. „Ich telefoniere jeden Tag gut drei Stunden und halte mit rund 300 Leuten Kontakt. Mit denjenigen, die alleine leben und niemanden mehr haben, besonders intensiv.“ Einige, die wegen Corona die Wohnung nicht mehr verlassen, besucht Gerhard Pfahl auch zuhause. „Mit Maske und Abstand natürlich und nicht länger als das 20-minütige Lüftungsintervall“. Inhaltlich veränderte sich seine Arbeit ebenfalls. „Vor Corona hat die Seelsorge fünf bis zehn Prozent ausgemacht, jetzt liegt sie deutlich über zwanzig Prozent.“

„Was der Mann früher dem Kneipenwirt erzählt hat, erzählt er jetzt mir“

Der für Niederrad, Griesheim und Nied zuständige Gemeindepädagoge hat seit Ausbruch der Pandemie vermehrt mit Menschen zu tun, die „sonst nie auf die Idee gekommen wären, sich an Kirche zu wenden“, wie er sagt. Die meisten suchten nach dem Motto „Wenn ich schon vorbeilaufe, kann ich auch mal wieder reinschauen“ zu den Öffnungszeiten der Kirche Kontakt. Gerhard Pfahl vermutet, dass dahinter mehr als die bloße Neugierde auf das Gotteshaus steckt. „Fast alle bleiben länger und reden mindestens zehn Minuten mit mir. Was der Mann sonst dem Wirt in der Kneipe erzählt, sagt er jetzt mir.“ Manche würden im Gespräch dann gestehen, der Kirche den Rücken gekehrt zu haben. Dass zwei von ihnen inzwischen wieder eingetreten sind, wundert ihn im Grunde wenig. „Die Leute merken, die Kirche gibt Halt, worauf man sich sonst verlassen kann, funktioniert weiter.“ Vielen sei außerdem klargeworden, dass sie „die Antwort auf entscheidende Fragen nicht dort finden, wo sie dachten“.

Ein Phänomen führt Gerhard Pfahl besonders drastisch vor Augen, wie sehr die Pandemie vielen Menschen zu schaffen macht. „Ein Großteil der Senioren ist seit Corona drei bis fünf Jahre gealtert – körperlich und seelisch.“ Manche haben jetzt zum ersten Mal professionelle Hilfen in Anspruch genommen, einigen habe er dazu geraten. Überaus hart traf es eine Mittsiebzigerin, die regelmäßig zu seinen „55+“-Angeboten gekommen ist. „Die Dame war vorher topfit, kontaktfreudig und lebenslustig. Jetzt leidet sie unter mittelgradigem Verfolgungswahn.“ Zwei andere Stammbesucher mit schweren Vorerkrankungen seien inzwischen an Covid-19 gestorben.

„Manchen fällt zuhause die Decke auf den Kopf“

Umso wichtiger ist es dem Gemeindepädagogen, der als Prädikant auch Gottesdienste gestaltet, für die Menschen da zu sein – am Telefon wie bei Sprechstunden vor Ort, die er trotz Corona anbietet, unter Wahrung aller „AHA-Regeln“. Dort tauche immer wieder jemand auf und gesteht: „Mir fällt zuhause die Decke auf den Kopf, ich muss mal mit jemandem reden“. Was die Themen betrifft, hat zu seiner Freude „die Bibel an Aktualität gewonnen“. Manche wollten mit ihm gezielt über bestimmte Stellen diskutieren. Die meisten Leute kämen aber vorrangig wegen praktischer Dinge vorbei. Um zu fotokopieren etwa, sich beim Ausfüllen von Ämterformularen oder Problemen mit dem Handy helfen zu lassen. Wenn’s sein muss, repariert der Pädagoge auch schon mal ein Fahrradschloss.

„Zurzeit bin ich Mann für alles“, fasst Gerhard Pfahl seine gemeindepädagogische Gegenwart zusammen, der er durchaus etwas abgewinnen kann. „Weil alle Angebote gestrichen wurden, muss ich mir viel Neues einfallen lassen. Das liegt mir aber.“ So organisierte er zwischen von April und Oktober, als die vergleichsweise niedrigen Infektionszahlen das zuließen, ein Walk-in-Cafe, einige coronakompatible 55+-Fahrten und über die Yehudi Menuhin-Stiftung Kleinkonzerte vor Altenheimen.

Und weil manche Ältere sich mit digitalen Konferenz-Tools übers Internet nicht auskennen, stellte er einen telefonischen Seniorenkreis auf die Beine. „Das ist besser als nichts und alle haben jetzt Telefonkonferenzen drauf.“ Die Suche nach Kommunikationsalternativen bescherte Gerhard Pfahl auch Ideen für neue Projekte: „Für 2021 habe ich mir die Aufdigitalisierung der Senioren auf die Fahnen geschrieben.“ Rund die Hälfte besitze immerhin schon eine Emailadresse.

„Nach Corona wird es nie mehr wie vorher sein.“

Auf analogem Terrain hat er als eine Ausstellung zum Thema „Von den eigenen vier Wänden“ geplant. Die evangelischen Gemeindehäuser in Niederrad, Griesheim und Nied sollen dann einige Wochen lang als Galerien fungieren und Kunstwerke aus den Wohnungen der Seniorinnen und Senioren zeigen. „Das kann die gelungene Zeichnung der Enkelin, eine ansprechende Fotografie, Skulpturen aus Töpfer- und Bildhauerkursen, die Arbeit eines begabten Hobbykünstlers oder unbekannten Profis sein“, erläutert Pfahl das Konzept.

Mit dem will er nicht zuletzt auch für körperliche Bewegung sorgen. Da die Werke nicht wandern, sondern in jeder Gemeinde andere Exponate hängen, müsse man die Ausstellung in allen drei Stadtteilen besuchen. In der Annahme, dass sich durch Impfungen und wärmere Temperaturen die pandemiebedingten Einschränkungen sukzessive lockern, bereitet er zudem erneut das 2020 gestrichene Seminar „RUHEstandfest“ vor, das den „gelingenden Wechsel aus dem Erwerbsleben“ unterstützen soll.

Wenngleich Gerhard Pfahl optimistisch in die Zukunft blickt geht er davon aus: „Nach Corona wird es nie mehr wie vorher sein.“ Er rechnet damit, dass sich etwa das Abstandhalten verfestigt und Hände nicht mehr unbefangen geschüttelt werden. „Ich hoffe, dass sich nicht der Gedanke festsetzt, dass jeder Andere eine potentielle Gefahr für mich ist.“ Was die Kirche anbelangt wünscht er sich vor allem eines: „Dass die Leute in Erinnerung behalten, die Kirche war während Corona da. Wenn das gerade bei den Kirchenfernen hängen bleibt, wäre das toll.“


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Doris Stickler 56 Artikel

Doris Stickler ist freie Journalistin in Frankfurt.