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Juwele der Kirchengeschichte, Teil 19: die Paul-Gerhardt-Kirche in Niederrad

Die evangelische Kirche in Niederrad ist 1929/30 nach Plänen des Architekten Gustav Schaupp im Stil der „Neuen Sachlichkeit“ erbaut worden. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude erheblich beschädigt und in den 1950er Jahren wieder aufgebaut. Seit dem letzten Umbau 2014 ist die Kirche auch barrierefrei zugänglich.

Die Paul-Gerhardt-Kirche in Niederrad. | Foto: Rui Camilo
Die Paul-Gerhardt-Kirche in Niederrad. | Foto: Rui Camilo

„Dein Reich komme“ steht in so großen Buchstaben unter dem Buntmetallkreuz, dass man die Worte gut hinter den gebäudehohen rechteckigen Pfeilern erkennen kann: Das Zitat stammt aus dem Matthäusevangelium (Kapitel 6, Vers 10) und gehört zum „Vaterunser“-Gebet. Die Fassade der Paul-Gerhardt-Kirche in Frankfurt-Niederrad hat von vorne die Anmutung eines klassizistischen Portikus. Seitlich führen Freitreppen zum Haupteingang hinauf.

Der hell verputzte Bau in der Gerauer Straße 52 hat einen rechteckigen Grundriss und ein flachgeneigtes Satteldach. Er wird an den Langhausseiten von einem Band quadratischer Fensteröffnungen belichtet. Der ein Geschoss höhere Glockenturm steht in der hinteren Südwestecke.

Das als Gemeindehaus mit integriertem Kirchsaal im Stil der neuen Sachlichkeit konzipierte Gebäude entstand 1929/30 nach Plänen des Architekten Gustav Schaupp (1891-1977). Schaupp war ein Schüler von Ernst May, der zwischen 1925 und 1930 als Siedlungsdezernent in Frankfurt das Reformprojekt „Neues Frankfurt“ betrieb. Die Architekten der „Neuen Sachlichkeit“ dachten multifunktional: Gegenüber dem Altarraum an der Ostwand befand sich unter der Sängerempore eine Theaterbühne. Die Altarwand war hellblau gestrichen, die Wand hinter der Bühne altrosa. Der Altar konnte auf Schienen in die Kanzelwand verschoben, die Stühle konnten umgedreht werden.

Für diese unterschiedlichen Nutzungen gab es unterschiedliche Zugänge. Ursprünglich gelangte man von der Vorhalle über eine Treppe in den Kirchenraum, zum Saal durch getrennte Türen über Treppen vom unteren Geschoss her. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude jedoch stark beschädigt, Anfang der 1950er Jahre wieder aufgebaut.

Foto: Rui Camilo
Foto: Rui Camilo

Zwischen 2012 und 2014 ist die Kirche in ein auch für Rollstühle zugängliches Gemeindezentrum umgebaut worden. Der 300 Quadratmeter große Kirchsaal erstreckt sich nun vom zweiten Stock bis ins Obergeschoss. Ins Auge fällt zunächst der abgerundete Altartisch mit der umlaufenden Schrift „Ich habe Dich bei deinem Namen gerufen und Du bist mein“, der noch aus der Erbauungszeit der Kirche stammt, sowie das Rundfenster darüber mit lichtblauem griechischem Kreuz.

Der weiß gestrichene Raum wirkt hell und klar. Die Emporen springen weit in den Raum hinein: Sie sind von kleinen rechteckigen Pfeilern abgestützt, die sich harmonisch ins Gesamtbild einfügen. Ebenso wie die in die Fenster gearbeiteten weißen Kreuze. Die Kleinorgel auf der rechten Empore wurde 1953 von der Firma Walcker gebaut. Sie hat neun Register und zwei Manuale. Zurzeit wird aber bei Gottesdiensten vor allem der Steinway-Flügel vor dem Altar genutzt.

Multifunktional: Die "Ulmer Hocker" im Foyer. | Foto: Rui Camilo
Multifunktional: Die "Ulmer Hocker" im Foyer. | Foto: Rui Camilo

Im unteren Geschoss des Gebäudes befinden sich seit dem Umbau das Foyer, ein weiterer Saal, eine Küche, zwei Gemeinderäume und das Gemeindebüro. Für das Foyer wurden so genannte „Ulmer Hocker“ angeschafft – sie sind sowohl zum Sitzen, als auch als Beistelltisch oder umgedreht als Transportmittel nutzbar. Max Bill, der Rektor der Ulmer Hochschule für Gestaltung, hat sie 1954 entworfen.


Informationen:

Paul-Gerhardt-Kirche, Frankfurt-Niederrad, Gerauer Straße 53, 60528 Frankfurt
Sonntagsgottesdienst um 10 Uhr.
Besichtigungstermine können mit Pfarrerin Claudia Vetter-Jung, Telefon 069 67 02 60 2, Mail claudia.vetter-jung@ekhn.de vereinbart werden.


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Autorin

Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach".

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