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Kirchenasyl in Cantate Domino: Happy End nach über einem Jahr

Über ein Jahr lang haben zwei aus Eritrea geflüchtete Männer in der Gemeinde Cantate Domino im Kirchenasyl gelebt, bis ihre Asylanträge erneut überprüft und sie im Frühjahr als Flüchtlinge anerkannt wurden. Es braucht viele Menschen, um so einen Kraftakt zu bewältigen. Ein Erfahrungsbericht von Sigrid Düringer.

Die Gemeinde Cantate Domino engagiert sich schon sehr lange für Geflüchtete. Hier ein Foto von 2013, als die Gemeinde eine Gruppe Männer aus Afrika aufgenommen hatte. | Foto: Rolf Oeser
Die Gemeinde Cantate Domino engagiert sich schon sehr lange für Geflüchtete. Hier ein Foto von 2013, als die Gemeinde eine Gruppe Männer aus Afrika aufgenommen hatte. | Foto: Rolf Oeser

Die Gemeinde Cantate Domino, die inzwischen ein Teil der Gemeinde Frankfurt-Nordwest ist, bietet schon seit Jahren geflüchteten Menschen einen geschützten Raum mit dem Ziel, dass ihr abgelehnter Asylantrag erneut überprüft wird. „Kirchenasyl“ ist eine Praxis, die zwischen den Kirchen und der Bundesregierung verabredet und auch lange Zeit geduldet wurde. Im Jahr 2018 entschied jedoch die Konferenz der Länderinnenminister unter Führung von Minister Seehofer, diese Übereinkunft einseitig aufzukündigen und die Frist für eine erneute Überprüfung drastisch zu verlängern – von 6 auf 18 Monate. Vergeblich haben sich die Kirchen bisher für eine Rücknahme dieser Regelung eingesetzt. Seitdem hat diese Praxis vor Ort erhebliche Auswirkungen für uns, die wir diese Zeit für unsere Gäste erträglich zu gestalten versuchen – und natürlich für die Geflüchteten selbst.

Zwei junge Männer hatten diesmal eine offene Tür bei uns gefunden. Beide sind aus ihrer Heimat Eritrea vor einem diktatorischen Regime geflohen, nach erlittener Gefangenschaft und Folter und weil sie sich dem sinn-und endlosen Militärdienst dort entziehen wollten. Nach langen, oft unerträglichen Wegen und Stationen sind sie irgendwann hier in Frankfurt angekommen. F. kam Ende November 2018 zu uns nach Cantate Domino, T. dann im März 2019.

Geschlafen haben die Gäste in der Sakristei und einem kleinen Trakt am Pfarrhaus. Gelebt, gekocht, gelernt, Sport getrieben, sich gelangweilt, Feste (mit)gefeiert, Freunde getroffen und vieles mehr haben sie im Wesentlichen im Foyer des Gemeindehauses. Sie haben bei der „Tafel“ geholfen und von dort auch den größten Teil ihrer Lebensmittel bekommen.

Das Gelände der Kirchengemeinde durften sie in dieser Zeit so gut wie nicht verlassen, höchstens kleine Ausflüge und Einladungen waren möglich – Gott sei Dank! Zum Alltag gehörten fast täglich die Kinder aus Kinderclub und Hausaufgabenhilfe, die einfach da waren, und die Männer neugierig und selbstverständlich begrüßten. Da waren Hausmeisterin Andrea und Sabine im Gemeindebüro, Stefan, Doro und die anderen aus dem Kinderclub, es gab die Malgruppe und alle, die das Gemeindehaus irgendwie nutzten. Es gab die Ehrenamtlichen der Tafel, Nachbarinnen, die so wichtig und hilfreich waren, und viele andere, die geholfen haben diese Zeit zu überstehen und sich sicher zu fühlen. Trotz allem, was sie erlebt haben und der schier endlosen Warterei auf Licht am Ende des Tunnels waren F. und T. verlässlich, freundlich, humorvoll und interessiert. Auch gegenseitig waren sie sich eine große Hilfe.

Eine feste Gruppe von Unterstützer*innen sorgte dafür, dass die Männer ihren Alltag bewältigen konnten. Täglicher Deutschunterricht spielte eine wichtige Rolle, manchmal auch Mathe und eigentlich immer dabei das Kennenlernen deutscher Kultur, Geschichte und Politik. Dass alles da war, was zum Leben gebraucht wird – Nahrung und Kleidung natürlich, aber auch die vielen Gespräche über praktische Fragen, über die gegenwärtige Stimmungslage, über Angst und Verzweiflung, über Zahnschmerzen, Putzen und kleine Reibereien. Vor allem aber immer wieder das Hochhalten der Hoffnung. „Wir schaffen das“ und hinzugefügt: „gemeinsam“! Dieser Satz von Kanzlerin Angela Merkel wurde bei uns tägliche Übung und Überzeugung.

Und wir haben es geschafft! Gemeinsam mit den vielen oben Genannten, die zusammen mit uns von der Unterstützer*innengruppe dazu beigetragen haben. Nicht zu vergessen die Beratung durch die Diakonie Hessen, die Beratungsstelle des Evangelischen Regionalverbandes und die Anwälte. Auch die hervorragende medizinische Hilfe der Malteser und der Elisabeth-Straßenambulanz, sowie die Einbindung in die Interkulturelle Werkstatt in der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde und bei den Fußballspielern im Martin-Luther-King Park soll unbedingt erwähnt werden!

F. und T. haben seit Frühjahr 2020 einen Aufenthaltstitel in Deutschland. Sie haben einen Ausweis, können sich bewegen, können arbeiten und beginnen, sich ein Leben aufzubauen. Ein Ausbildungsvertrag zum Altenpflegehelfer für F. konnte abgeschlossen werden, T. konnte in die Wohnung seiner Partnerin einziehen. Immer noch sind die Einschränkungen der gegenwärtigen Politik schmerzhaft und eigentlich nicht zu verstehen – Aufenthaltstitel werden zum Beispiel auf ein Jahr befristet. Aber es bleibt die nun begründete Hoffnung, dass das zu schaffen und zu bewältigen ist.

Die Erfahrungen mit den Behörden sind sehr unterschiedlich gewesen und sie sind es noch. Faire, verlässliche, korrekte und freundliche Behandlung auf der einen Seite, Ignoranz, fremdenfeindliche, missgünstige und einfach gedankenlose Praktiken und Äußerungen auf der anderen Seite gehören dazu.

F. und T. betonen immer wieder, dass ohne unsere Hilfe das alles weder zu verstehen noch zu bewältigen gewesen wäre. Wir danken allen, die dazu beigetragen haben, dass diese lange Zeit für unsere Gäste erträglich war und auch schöne Momente hatte. Für beide war eine persönliche Entwicklung möglich, viel Lernen und wirkliches Ankommen hier in Deutschland. „Ich bin fremd gewesen – und Ihr habt mich aufgenommen“, so einfach lässt sich das zusammenfassen. Gott sei Dank!


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Regelmäßig veröffentlichen wir im EFO-Magazin Gastbeiträge von Frankfurter und Offenbacher Pfarrerinnen und Pfarrern oder anderen interessanten Persönlichkeiten.