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Leben ist mehr als Deutschlernen und Arbeit suchen

Deutschlernen und die Arbeitssuche haben für die meisten Geflüchteten erst einmal Priorität. Doch abseits dieser neuen Herausforderungen brauchen sie auch Fluchten aus dem Alltag. Die evangelische Familienbildung am Bügel hat ihnen dafür Pinsel und Farbe gegeben.

Für den Iraner Ramin ist die Natur sein Lieblingsort. Mit Leidenschaft malt er sie. Seine Frau Khatereh sitzt gerne in der Werkstatt und schneidert. Die Familie wohnt in Frankfurt. Foto: Doris Stickler
Für den Iraner Ramin ist die Natur sein Lieblingsort. Mit Leidenschaft malt er sie. Seine Frau Khatereh sitzt gerne in der Werkstatt und schneidert. Die Familie wohnt in Frankfurt. Foto: Doris Stickler

Welches künstlerische Talent in ihm schlummert, war Ramin gar nicht klar. Als Kind hatte er zwar gern und viel gezeichnet, und auch in seinem Beruf als Modedesigner ist der Stift ein unentbehrliches Handwerkszeug. Aber zu Pinsel und Ölfarbe hatte er noch nie gegriffen. Erst bei einem Integrationskurs für Geflüchtete und Migrantinnen im Evangelischen Familienzentrum Regenbogen am Bügel wurde er dazu animiert.

„Lieblingsorte und Lieblingsmenschen“ war der Titel des Malprojektes. Zehn Frauen und Männer setzten sich zuerst in Gesprächen, dann auch mit Wasser- und Acrylfarben, Bunt- und Bleistiften mit dem Thema auseinander. Die künstlerischen Resultate wurden dann mit einer Ausstellung auch der Öffentlichkeit präsentiert.

Dabei fielen Ramins Werke nicht nur durch ihre farbenprächtige Gestaltung und geschickten Kompositionen ins Auge. Der Vogel auf dem Ast, der aus dem Wasser springende Fisch oder das Blumenbouquet sind derart wirklichkeitsgetreu wiedergegeben, dass man hinter den Arbeiten einen Profi vermuten würde. Auch das Selbstbildnis des 44-jährigen Iraners, wo er mit mit seiner Frau und dem fünfjährigen Sohn durch blühende Felder wandelt, ist eindrucksvoll.

Trotz der neu entdeckten Begabung ist für Ramin jedoch zurzeit das Deutschlernen und die Arbeitsuche wichtiger. Im Familienzentrum bekommt er Hilfe beim Bewerbungsschreiben und kann Vorstellungsgespräche üben.

Leiterin Panagiota Michalaki möchte in dem mit Menschen aus allen Ländern bevölkerten Stadtteil ein breit gefächertes Programm anbieten. Es reicht von Hausaufgabenhilfe über Sozial-, Erziehungs- und Gesundheitsberatung, einem Frauentreff, Informationen über deutsche Rechte, Pflichten und Gepflogenheiten bis zu Integrationskursen und Bewerbungstrainings. Vier Mal in der Woche gibt es ein Sprachcafé, zu dem auch Menschen kommen, die schon länger hier wohnen und ihr Deutsch verbessern möchten.

In der ungezwungenen Atmosphäre seien schon etliche Freundschaften entstanden. Ramins Frau Khatereh zum Beispiel hat im Nähkurs Kontakte zu anderen Frauen knüpft. Als Schneidermeisterin ist sie hier zweimal in der Woche ganz in ihrem Metier.

Dass sie der Maschine wunderbare Kreationen aus Stoff zu entlocken vermag, kommt auch dem Familienzentrum wieder zugute. So nähte die 39-Jährige kunstvolle Läufer, deren Verkaufserlöse in die Einrichtung flossen. Auch bei den Nähparties in Kooperation mit dem städtischen Kinder- und Familienzentrum Am Bügel ist ihre Sachkenntnis gefragt.

Hätte Khatereh ihren Lieblingsort gemalt, wäre es zweifellos die Nähwerkstatt gewesen. Vielleicht nimmt sie ja beim nächsten Mal ebenfalls den Pinsel in die Hand. Wie die Mitarbeiterin des Familienzentrums Shakeh Minasian verrät, war die Resonanz nämlich so groß, dass das Malprojekt in 2018 noch einmal stattfinden soll. 


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Doris Stickler 59 Artikel

Doris Stickler ist freie Journalistin in Frankfurt.