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Neue Ausstellung lässt zerstörte Synagogen virtuell auferstehen

An der Friedberger Anlage im Frankfurter Ostend stand bis 1938 eine große Synagoge. Nach deren Zerstörung ließen die Nazis dort einen Hochbunker errichten. Digitale Technik ermöglicht es nun, diese und zahlreiche zerstörte Synagogen virtuell zu rekonstruieren.

Digitale Rekonstruktion einer von den Nazis zerstörten Synagoge. | Foto: Rolf Oeser
Digitale Rekonstruktion einer von den Nazis zerstörten Synagoge. | Foto: Rolf Oeser

Die Friedberger Anlage im Frankfurter Ostend war einst von einem prachtvollen Sakralbau gesäumt: Die 1907 erbaute Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft mit architektonischen Elementen der Romanik und des Orientalismus bot über 1.600 Menschen Raum. Es war eine der größten Synagogen deutschlandweit. Bei den Novemberpogromen 1938 fiel sie dem Vernichtungswahn der Nationalsozialisten auf besonders perfide Weise zum Opfer: Die Polizei bezichtigte Juden, die Brände selbst gelegt zu haben, und die Gemeinde musste das zerstörte Gebäude wegen Einsturzgefahr auf eigene Kosten abreißen. Vier Jahre später mussten französische Zwangsarbeiter auf dem Gelände einen fünfgeschossigen Schutzbunker für „deutsche Volksgenossen“ errichten.

Diesen Bunker verwandelt die „Initiative 9. November“ seit über 30 Jahren in einen Ort der Erinnerung, der Debatte, des Lernens und der Begegnung. Nach der Sanierung der zweiten Etage wurde dort voriges Jahr ein lang geplantes Projekt realisiert: die Ausstellung „Synagogen in Deutschland – eine virtuelle Rekonstruktion“. Sie ist dauerhaft im Bunker beheimatet führt den kulturellen wie städtebaulichen Verlust durch die Zerstörung der Synagogen auf sehr eindringliche Weise vor Augen.

Wie stellt man etwas aus, das es nicht mehr gibt? Marc Grellert, der Leiter des Forschungsbereichs Digitale Rekonstruktion der Technischen Universität Darmstadt, fand auf diese Frage eine Antwort: 25 von den Nazis zerstörte Synagogen hat er mittels digitaler Technik wieder zu sichtbarer Existenz verholfen. Weitere sollen folgen. In einer diashowartigen Abfolge werde Computer-Rekonstruktionen groß an die Wand projiziert. Sie nehmen die Betrachter:innen auf Rundgänge in die originalgetreu nachgebildeten Bauwerke mit, innen ebenso wie außen. Die Gebäude liberaler wie orthodoxer Gemeinden spiegeln die liturgische Vielfalt und architektonischen Stilrichtungen des 19. und 20. Jahrhunderts wider.

Der ehemaligen Synagoge in der Friedberger Anlage verleiht sogar eine Virtuell-Reality-Brille frappierende Gegenwartsnähe. Setzt man sie auf, verschmelzen Realität und Imagination. Plötzlich findet man sich in einer Bankreihe wieder und ist fast versucht, die Hände auf das Holz zu legen, sieht das Sonnenlicht durch die Fenster fallen, steht dicht vor dem Toraschrein oder sitzt auf der Empore mit Blick in den riesigen Synagogenraum.

Zusätzlich zu den Projektionen fassen Stelltafeln das Charakteristische der jeweiligen Gemeinde und das Schicksal ihrer Mitglieder zusammen. Auch Bücher über die verschiedenen Synagogen und die Vertreibung und Ermordung der Jüdinnen und Juden liegen aus. Interaktive Bildschirmpräsentationen machen schließlich auch mit dem Prozess der Rekonstruktion vertraut. Auf Pinnwänden ist die vielschichtige und aufwändige Arbeit umrissen, die Gellert zusammen mit vielen Studierende über Jahre hinweg geleistet hat.

Allein in der Pogromnacht wurde nach Wissen des Digitalexperten etwa die Hälfte der deutschlandweit rund 3.000 Synagogen beschädigt beziehungsweise zerstört. Die Idee der virtuellen Rekonstruktion kam Gellert nach einem Brandanschlag, den Rechtsradikale 1994 auf die Synagoge in Lübeck verübten. Damals war der heute 58-Jährige noch Student. Nachdem in einem Uni-Seminar zunächst die drei Frankfurter Synagogen – am Börneplatz, an der Friedberger Anlage sowie die Hauptsynagoge in der ehemaligen Judengasse – rekonstruiert worden waren, legten die Beteiligten 2000 das Konzept für eine Ausstellung vor.

In Israel, Kanada und den USA war sie schon zu sehen, nun ist sie dauerhaft in Frankfurt verortet. Neben dem zentralen Kern „Rekonstruktion“ umfasst sie noch weitere Bereiche. Eingeleitet mit der Geschichte jüdischer Sakralarchitektur vom Tempel in Jerusalem bis zu den Bauten im 20. Jahrhundert, folgt der Bereich „Wahrnehmung“, wo dunkle Stelen aus Plexiglas die von 1933 bis 1938 erlassenen Verordnungen und Gesetze gegen die jüdische Bevölkerung vergegenwärtigen. Im anschließenden Bereich „Eskalation“ sind mehr als 1.000 Städte aufgelistet, in denen Synagogen in Brand gesetzt und verwüstet wurden – begleitet von Originalaufnahmen des Geschehens.

Im Kernbereich „Rekonstruktion“ werden die digitalen Bilder und animierten Kamerafahrten von Filmdokumentationen ergänzt. Hier kommen unter anderem Zeitzeug:innen und Repräsentant:innen jüdischer Gemeinden sowie am Projekt beteiligte Studierende und Lehrende der TU Darmstadt zu Wort. Schließlich werden auch die nach 1945 neu errichteten Synagogen sowie Szenen aus dem heutigen jüdischen Leben gezeigt.

Die Ausstellung „Synagogen in Deutschland – Eine virtuelle Rekonstruktion“ wird vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, dem Kulturamt Frankfurt, der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, der Stiftung Citoyen sowie vielen privaten Spendern gefördert. Sie ist im Hochbunker, Friedberger Anlage 5-6, noch bis Ende November mittwochs von 17 bis 19 Uhr und sonntags von 11 bis 14 Uhr geöffnet. Für Gruppen sind Führungen nach Vereinbarung möglich. Weitere Informationen unter https://initiative-neunter-november.de/.


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Doris Stickler 65 Artikel

Doris Stickler ist freie Journalistin in Frankfurt.

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