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„Waisen-Karussell“: Neues Denkmal in der City erinnert an die Nazi-Kindertransporte

„Auf Wiedersehen, Mutter“, „Auf Wiedersehen, Vater“, „Auf bald, mein Kind“. Diese hoffnungsvollen Abschiedsworte sind auf einem neuen Denkmal zu lesen, das an der Kreuzung Gallusanlage/Kaiserstraße in der Frankfurter City an die Kindertransporte der Nazis erinnert.

Das Denkmal "Waisen-Karussell" wurde von der israelischen Künstlerin Yael Bartana gestaltet (4.v.l.). Bei der Einweihung waren auch Oberbürgermeister Peter Feldmann (links) und Kulturdezernentin Ina Hartwig (3.v.l.) dabei. | Foto: Doris Stickler
Das Denkmal "Waisen-Karussell" wurde von der israelischen Künstlerin Yael Bartana gestaltet (4.v.l.). Bei der Einweihung waren auch Oberbürgermeister Peter Feldmann (links) und Kulturdezernentin Ina Hartwig (3.v.l.) dabei. | Foto: Doris Stickler

Erfüllt haben sich die Wünsche in den wenigsten Fällen. Die meisten der vom Nazi-Regime in Sicherheit gebrachten Kinder sollten ihre Eltern nie wieder sehen, denn diese wurden in den Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet. „Waisen-Karussell“ nennt Yael Bartana deshalb auch ihr Werk, das ein kaum beachtetes Kapitel der NS-Zeit ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt.

Das gelingt der israelischen Künstlerin mit der Replik eines Kinderkarussells aus den 1930er Jahren. An der Kreuzung Gallusanlage/Kaiserstraße fällt das Spielgerät unweigerlich ins Auge. Es ist funktionsfähig und verlockt zum Benutzen. Wenn man das Karussell dreht, leistet es allerdings Widerstand. Mit der Barriere verweist Bartana auf die grausame Zwangslage der Familien. Es muss die Eltern unsägliche Überwindung gekostet haben, ihre Töchter und Söhne einem ungewissen Schicksal anzuvertrauen. Ein paar Schritte entfernt, hält eine Bodenplatte die verschiedenen Facetten der Kindertransporte fest.

Wie die international renommierte Künstlerin bei der Einweihung erklärte, dachte sie bei der Konzeption aber auch an die Gegenwart. Unzählige Kinder und Erwachsene müssten heute aus ihren Heimatländern fliehen, um zu überleben. Kulturdezernentin Ina Hartwig begrüßte diese Mehrschichtigkeit. Gerade in einer multiethnischen Stadt wie Frankfurt „eröffnet das Denkmal einen Einstieg in die komplexe historische Thematik und regt zur weiteren Auseinandersetzung an“.

Die Politikerin ist überzeugt, dass das Waisen-Karussell „im Sinne einer modernen Erinnerungskultur seine Wirkung entfalten“ wird. Dazu trage auch der „ideale Standort“ bei. Dass sich die Familien bereits rund 500 Meter vor dem Bahnhof trennen mussten, mache das „zynische Kalkül der Nazis“ deutlich. Um emotionale Szenen am Bahnsteig zu verhindern, hätten die Kinder das letzte Stück alleine gehen müssen.

Dies sei wie auch bei den Deportationen aus der Großmarkthalle, dem KZ Adlerwerke oder den Zerstörungen der Synagogen „unter den Augen der Bevölkerung geschehen, die hinterher von nichts gewusst haben wollte“. „In Zeiten, in denen sich wieder zunehmend Stimmen dieses Narrativs bedienen – inzwischen auch im Bundestag – mahnt das Denkmal die gemeinsame Verantwortung für gesellschaftliche Entwicklungen an“, hob Ina Hartwig hervor.

Dass nach London, Berlin, Wien, Danzig, Rotterdam und Hamburg nun auch Frankfurt der beispiellosen Hilfsaktion ein Denkmal setzte, war mehr als überfällig. Am hiesigen Hauptbahnhof startete schließlich die Reise für Kinder aus dem ganzen südwestdeutschen Raum – mindestens 600 wohnten in Frankfurt. Insgesamt waren es etwa 20.000 Kinder und Jugendliche, die zwischen den Novemberpogromen 1938 und dem Kriegsbeginn im September 1939 von Deutschland, Österreich, der damaligen Tschechoslowakei und Polen ins sichere Ausland gebracht worden sind.

Die meisten nahm Großbritannien auf, wo auch Renata Harris Zuflucht fand. Mit gerade mal zehn Jahren ihrer Kindheit, Familie und Freunde beraubt, kam sie im August 1939 nach London. Anfangs glaubte sie noch an die Worte ihrer Mutter, die beim Abschied in Frankfurt versicherte: „Wir sehen uns in ein paar Wochen wieder.“ Adelheid Adler schaffte es aber nicht mehr, aus Deutschland zu fliehen. Sie wurde ins Vernichtungslager Sobibor deportiert und ermordet.

Renatas Vater hatte sich bereits im April nach England retten können, Kontakt hatten die beiden jedoch selten. Durch die Haft im KZ Buchenwald, dem Verlust der Heimat, der sozialen Deklassierung und den vergeblichen Bemühungen, seine Frau nachzuholen, war Alfred Adler traumatisiert und ein gebrochener Mann. Mit Kriegsbeginn wurde er zudem als „Enemy Alien“ – als feindlicher Ausländer – auf der Isle of Man interniert.

Dank der Kindertransporte ist Renata Harris den Fängen der Nazis entkommen, doch lasten die Erfahrungen jener Zeit noch immer auf ihr. Nach langen Jahren des Schweigens und Verdrängens kehrte sie 2012 erstmals nach Frankfurt zurück. Danach ist sie im Rahmen der städtischen Besuchsprogramme für gerettete Kinder wiederholt in ihre Geburtsstadt gereist und hat in Schulklassen von ihrem Schicksal erzählt.

Bei einem der Aufenthalte stieß Renata Harris die bleibende Erinnerung an die „Kindertransport-Kinder“ und ihre Familien an. Mit dem Appell „Stellt doch wie in anderen Städten, auch in Frankfurt endlich ein Denkmal auf“, rannte sie bei Angelika Rieber offene Türen ein. Die Vorsitzende des Vereins „Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt“ brachte dann das Denkmalprojekt auf den Weg, das unter Federführung des Kulturamts realisiert worden ist.

Hatte Renata Harris bei ihrem letzten Besuch in Frankfurt 2018 ausdrücklich angemahnt „Ich möchte die Einweihung noch miterleben“, ist ihr Herzenswunsch nun in Erfüllung gegangen. Aufgrund eingeschränkter Mobilität konnte die 92-Jährige leider nicht persönlich zugegen sein. Sie sei aber überglücklich, dass ihr Aufruf sichtbare Früchte getragen hat, weiß ihr Sohn Oliver Neth, der an ihrer statt bei der Einweihung zugegen war.

Ein Großteil der Kosten des Waisen-Karussells hat das Stadtplanungsamt getragen. Neben dem Ortsbeirat 1 und privaten Spenderinnen und Spendern haben die Cronstett- und Hynspergische evangelische Stiftung zu Frankfurt, die Dr. Marschner Stiftung, die EKHN Stiftung, die Ernst Max von Grunelius-Stiftung, die Hessische Kulturstiftung, die Nassauische Sparkasse und die Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt das Projekt finanziell unterstützt.


Weitere Informationen zum Thema

Im „Deutschen Exilarchiv 1933-1945“ der Deutschen Nationalbibliothek ist noch bis 15. Mai 2022 die Ausstellung „Kinderemigration aus Frankfurt“ zu sehen. Anhand sechs exemplarischer Biografien wird das Thema Kindertransporte in seinen ganzen Dimensionen vor Augen geführt. Die Ausstellung richtet unter anderem den Blick auf Traumatisierungen und Schuldgefühlen bei Kindern und Eltern, die Situation der Kinder in den Aufnahmeländern, die lokalen Frankfurter Gegebenheiten, die bürokratischen Aspekte sowie die Helferinnen und Helfer. Detaillierte Informationen, auch zum umfangreichen Begleitprogramm, unter diesem Link. Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt, Adickesallee 1, Tel.: 069 1525-1900, Montag bis Freitag 9–21.30 Uhr, Samstag 10–17.30 Uhr, Eintritt frei.

Ende Oktober soll der von Sylvia Asmus und Jessica Beebone herausgegebene Katalog „Kinderemigration aus Frankfurt am Main. Geschichten der Rettung, des Verlusts und der Erinnerung“ erscheinen. Das Buch geht auch auf das Denkmal ein. Wallstein Verlag, 264 Seiten, 24,90 Euro.

Mitglieder des Vereins „Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt“, die seit Beginn der Besuchsprogramme in den 1980er Jahren mit mehr als einhundert „Kindertransport-Kindern Interviews führten, veröffentlichten 2018 die Lebensgeschichten von 20 Personen in dem Buch: „Rettet wenigstens die Kinder. Kindertransporte aus Frankfurt am Main – Lebenswege von geretteten Kindern“. Herausgegeben von Angelika Rieber und Till Lieberz-Groß, 304 Seiten, Fachhochschulverlag Frankfurt, 25 Euro.


Autorin

Doris Stickler 62 Artikel

Doris Stickler ist freie Journalistin in Frankfurt.

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