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Wohnwagenplatz an der Bonameser Straße: „Wir sind hier eingewurzelt“

Der Wohnwagenstandplatz im Norden von Eschersheim ist ein vergessenes Stück Stadtgeschichte. Heute leben hier noch 80 Menschen, in den 1960er Jahren waren es über tausend. Nach dem Willen der Stadt soll das Wohngebiet nach und nach aufgelöst werden.

Dieter Gärtner lebt seit über sechzig Jahren auf dem Wohnwagenstandplatz an der Bonameser Straße. Und möchte nirgendwo anders hin. Foto: Rolf Oeser
Dieter Gärtner lebt seit über sechzig Jahren auf dem Wohnwagenstandplatz an der Bonameser Straße. Und möchte nirgendwo anders hin. Foto: Rolf Oeser

Wenn man sich dem Haus von Dieter Gärtner nähert, ist der erste Eindruck – spießig. Die ordentlich auf dem Zaun angeordneten Blumentöpfe, der dekorative Nippes, die lauschige Gartenlaube: Der 74-Jährige ist sichtlich stolz auf all das, was er sich aufgebaut hat. Für sich, seine Kinder und Enkel. Seit über sechzig Jahren lebt er hier. Und will nirgendwo anders hin.

Hier, das ist der Wohnwagenstandplatz an der Bonameser Landstraße, im Norden von Eschersheim. Kein Bus hält hier, nicht einmal einen ordentlichen Fußweg gibt es. Denn eigentlich soll hier niemand wohnen. Schon seit den sechziger Jahren versucht die Stadt Frankfurt, die Leute weg zu kriegen. Aber irgendwie sind die stur. Sie wollen nicht in „Normalwohnungen“ leben, wie es im Sozialamtsjargon heißt, sondern lieber hier draußen. In ihren selbst gebauten Häuschen aus Holz oder Stein oder, was heute seltener der Fall ist, im Wohnwagen.

„Früher war das hier ein Ghetto“

Das war nicht immer so. „Wir wurden hier zwangsangesiedelt“, erinnert sich Dieter Gärtner. „Das war ein Ghetto.“ Er war 14 Jahre alt, als er 1953 mit seiner Mutter und fünf Geschwistern hier ankam, unfreiwillig. Die Stadt Frankfurt wollte damals alle „Wohnwagenbewohner“ aus dem Stadtgebiet heraushaben und wies ihnen diesen Standort im Nirgendwo an. 220 Menschen, die in 80 Wohnwagen lebten, wurden hier zusammengepfercht.

Hier, wo es damals nichts gab außer zwei Wasserstellen. Keinen Baum, keinen Strom, keine Kanalisation. Es sollte ja nur vorübergehend sein. Eigentlich hätten sich die „ordentlichen“ Frankfurter Bürger nämlich gewünscht, dass diese „Zigeuner“, wie man diese Menschen damals noch unbekümmert nannte, möglichst ganz aus der Stadt verschwinden.

Allerdings, sie verschwanden nicht, sie richteten sich ein. Und bald kamen noch viele, viele andere dazu. Etwa Menschen, die durch die Zerstörung Frankfurts im Krieg obdachlos geworden waren. Bis 1959 wuchs der Platz auf offiziell 850 Menschen an; Dieter Gärtner sagt, es seien weit mehr als tausend gewesen. „Sie hatten es noch viel schwerer als wir“, erzählt er. „Wir hatten ja unseren Wohnwagen. Sie mussten sich Verschläge aus Transportkisten bauen.“ Es war ein Slum.

„Zigeuner“ sollten keine Nachkommen haben

Viele der Menschen, die hier strandeten, waren im Nationalsozialismus verfolgt worden, sie schleppten Traumata mit sich herum. Gärtners Mutter hatte den Vater ihrer Kinder wegen der Rassegesetze nicht heiraten können – er war Sinti. 1938 wurde er „aus politischen Gründen einem Konzentrationslager zugeführt“, so steht es auf einer offiziellen Bescheinigung, mit der Rosanda Gärtner 1945, damals 33 Jahre alt, als Opfer des Faschismus anerkannt wurde. Sie und ihre Kinder entkamen dem KZ nur, weil eine Fürsorgerin ihnen einen Lebenswandel „in tadelloser Ordnung und Sauberkeit“ bescheinigte. Auch dieses Schreiben hat Gärtner aufbewahrt. Seine älteren Brüder, erzählt er, seien von den Nazis sterilisiert worden. „Zigeuner“ sollten ja keine Nachkommen haben.

Aber nun hatten sie am Rand von Frankfurt einen Platz für sich. Gärtners Vater war Schausteller gewesen, er selbst und seine Brüder wurden Schrotthändler und Automechaniker. Bis heute sind das die Haupteinnahmequellen der Menschen auf dem Wohnwagenplatz. Zwischen den Baracken und Wohncontaintern stehen LKWs und Jahrmarktsbuden, auch Karusselle sind hier gelagert. Viele Familien verdienen Geld mit beidem: Jahrmarkt, wenn Saison ist, dazwischen Entrümpelungen.

Seit den 1970er Jahren unternimmt die Stadt Frankfurt Anstrengungen, das Wohngebiet aufzulösen. Tatsächlich sind auch viele freiwillig in „Normalwohnungen“ umgesiedelt. Aber viele möchten eben auch bleiben.

Auch wer als Schausteller viel unterwegs ist, schätzt es, einen festen Standort zu haben. Inzwischen haben hier alle Häuser Toilette, Strom und fließendes Wasser. Foto: Rolf Oeser

Heute leben noch 80 Menschen an der Bonameser Straße. Es sieht hier auch längst nicht mehr aus wie in einem Slum. „Inzwischen haben alle eine eigene Toilette sowie einen Wasser- und Stromanschluss“, sagt Sonja Keil vom Diakonischen Werk, die hier für die Gemeinwesenarbeit zuständig ist. Die Stelle wird zum Großteil von der Stadt Frankfurt finanziert. Von Beginn an engagierte sich die evangelische Kirche auf dem Wohnwagenstandplatz, schon in den 1950er Jahren arbeitete hier ein Sozialdiakon.

Viele hohe Bäume spenden Schatten, sie wurden von den Bewohnerinnen und Bewohnern vor Jahrzehnten selbst gepflanzt. Selbst haben sie auch für Kanalisation und Strom gesorgt – illegal könnte man sagen, oder auch aus Notwehr, denn wie soll man ohne Strom und Kanalisation leben? Die Stadt hat diese Eigeninitiativen im Nachhinein meist irgendwie akzeptiert und legalisiert.

„Ich möchte nie in einer normalen Wohnung wohnen“

„Es ist ein Fehler zu glauben, dass Menschen, die zum Beispiel als Schausteller viel unterwegs sind, nicht sesshaft sein wollen“, sagt Sonja Keil, „sie schätzen es, wenn sie einen festen Standort haben.“ Und in welchem „Normalwohngebiet“ kann man schon einen LKW vor der Tür parken oder ein Karussell warten?

„Ich möchte nie in einer normalen Wohnung wohnen“, sagt auch Gärtners Tochter Sabine. „Hier ist man draußen, frei, kann tun und lassen, was man will.“ Die 35-Jährige arbeitet als Hauswirtschafterin und versorgt ansonsten ihren Vater, der erblindet und hilfsbedürftig ist. „Mein Papa hat sich um mich gekümmert, als ich klein war, und jetzt ist es natürlich andersrum.“

Ihr Bruder Dieter pendelt zwischen einer Wohnung und dem Platz hin und her. „Ich wollte nicht weg, aber meine Frau und mein Kind dürfen hier nicht herziehen“, sagt der 38-Jährige, „was bleibt mir also übrig?“ Die Stadt Frankfurt achtet strikt darauf, dass niemand mehr neu dazu kommt. Man hofft, dass sich das Thema so von selbst erledigt, wenn der letzte Bewohner, die letzte Bewohnerin mit Nutzungsvertrag gestorben ist. „Viele sind hier weggezogen und haben dann gemerkt, dass es ihnen in normalen Wohnungen nicht gefällt“, sagt Dieter Gärtner Junior. „Aber sie können nicht wieder zurück.“

Neue Zuzüge werden rigoros verhindert

Sobald jemand stirbt, wird die Behausung abgerissen und die Parzelle umzäunt oder mit riesigen Böllern unzugänglich gemacht. Wer Familienangehörige von außerhalb dauerhaft hier wohnen lässt, dem droht eine fristlose Kündigung. Auch, ob Sabine Gärtner das Haus ihres Vaters später einmal übernehmen kann, ist ungewiss.

Andererseits schien das Aus für den Platz schon öfter beschlossene Sache. Doch die Bewohnerinnen und Bewohner haben immer dafür gekämpft, auf ihre Art leben zu dürfen. „Wir haben die schlechten Zeiten hier überstanden, und jetzt, wo es schöner geworden ist, sollen wir das aufgeben?“ fragt Dieter Gärtner. „Man ist doch eingewurzelt hier! Ich wünsche mir, dass man einfach in Ruhe gelassen wird. Etwas Besseres gäbe es gar nicht.“

Zum Weiterlesen: Wohnwagenstandplatz wird Teil der Bibliothek der Alten.


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Antje Schrupp 118 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com