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"Die Menschen wünschen sich gleiche Rechte und vorurteilsfreie Begegnungen"

Über den Umgang mit der Wohngemeinschaft Bonameser Straße, im Norden von Eschersheim, gibt es einen Konflikt zwischen der SPD-Fraktion im Ortsbeirat 9 und dem Magistrat der Stadt Frankfurt. Die SPD hat einen Runden Tisch zur Zukunft des Platzes vorgeschlagen, der Magistrat hat das abgelehnt. Wir fragten Sonja Keil nach ihrer Einschätzung, die seit acht Jahren im Auftrag des Diakonischen Werkes auf dem Gelände arbeitet und auch wissenschaftlich zu dieser besonderen Lebenswelt geforscht hat.

Mobilität als Lebensweise: Seit den 1950er Jahren leben Menschen auf einem Gelände in Eschersheim. | Foto: Rolf Oeser
Mobilität als Lebensweise: Seit den 1950er Jahren leben Menschen auf einem Gelände in Eschersheim. | Foto: Rolf Oeser

Frau Keil, die SPD-Fraktion im Ortsbeirat 9 hat vorgeschlagen, einen Runden Tisch zur Zukunft des Wohngebietes an der Bonameser Straße einzurichten, der Magistrat ist aber dagegen. Was sind die Hintergründe dieses Konfliktes?

Sonja Keil: Dieses Wohngebiet hat eine besondere Prägung. Seit dem Jahr 1953 wohnen dort Menschen, die vorher mit ihren Wohnwagen auf angestammten Plätzen im Stadtgebiet gestanden hatten. Das sie verbindende Element ist „Mobilität zum Zweck der Berufsausübung“, wie man in der Soziologie sagt. Es sind also zum Beispiel Artisten, Schaustellerinnen oder Altstoffhändler. Für die meisten von ihnen ist Frankfurt schon seit Generationen die Heimat. Auf dem Gelände in Eschersheim, dem ehemaligen „Wohnwagenstandplatz“ (WSP), leben Familien teilweise schon in der dritten oder vierten Generation. Sie erhielten damals allerdings Nutzungsverträge mit eingeschränkten Rechten, die es zum Beispiel ihren Kindern nicht gestatten, in den Vertrag einzutreten. Die SPD setzt sich nun dafür ein, dass diese Menschen ihr Zuhause nicht verlassen müssen, und dass ihre Lebensform von der Mehrheitsgesellschaft mehr akzeptiert wird.

Im Dezember hat sich zu dem Thema eine Gruppe von Wissenschaftler*innen und Verbandsvertretern zu Wort gemeldet, darunter Adam Strauß vom Verband Deutscher Sinti und Roma und Meron Mendel, der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank. In einem Offenen Brief ziehen sie eine Verbindung zwischen dem Umgang der Stadt Frankfurt mit den Bewohner*innen des Platzes und der nationalsozialistischen Verfolgung bestimmter Menschengruppen. Das klingt hart. Ist dieser Vorwurf gerechtfertigt?

Sonja Keil. | Foto: Rolf Oeser
Sonja Keil. | Foto: Rolf Oeser

Die „Fahrenden“, wie sich die Bewohner*innen zum größten Teil selbst nennen, wurden im Nationalsozialismus verfolgt. Fast alle Familien, die heute auf dem Platz leben, haben Angehörige, die in die Konzentrationslager deportiert wurden. Einzelne Familienmitglieder waren auch von Zwangssterilisation betroffen. Die nationalsozialistischen „Rasseforscher“ Robert Ritter und Eva Justin haben in ihre Klassifizierungen auch Gruppen rassistisch eingeordnet, die aus damaliger Sicht nach „Zigeunerart“ im Wohnwagen reisten. Auf dieser Grundlage wurden diese Menschen dann in der Rüstungsindustrie eingesetzt, für medizinische Experimente missbraucht, und die meisten kamen in Auschwitz zu Tode. Ritter und Justin sind 1947 und 1948 in den Dienst des Gesundheitsamtes der Stadt Frankfurt eingetreten. Ritter war ein halbes Jahr später bereits Beamter im Rang eines städtischen Obermedizinalrates, und Justin wurde im Frühjahr 1948 als Kriminalpsychologin beschäftigt. 1964 war Eva Justin auch auf dem Wohnwagenstandplatz tätig. Ihre rassistischen Einstellungen waren natürlich nicht einfach weg. Robert Ritter und seine Mitarbeiter haben bei ihrer Arbeit problematische historische Situationseinschätzungen und rassenbiologisch geprägte Ideologien vermischt. Diese diskriminierenden Stereotype bestehen leider bis heute. Zum Beispiel wird den Bewohner*innen unterstellt, dass sie aufgrund ihrer Lebensweise in einem dauernden Konflikt mit der Mehrheitsgesellschaft stünden und selbst daran schuld wären, dass ihre soziale Integration nicht möglich ist.

Wie viele Menschen leben denn zurzeit auf dem Platz und was ist ihre Lebensrealität, was wünschen sie sich?

Es leben dort noch etwa 80 Menschen. Sie wünschen sich eine gesicherte Zukunftsperspektive sowie einen fairen Umgang von Seiten der Mehrheitsgesellschaft und deren Vertreter*innen. Leider erleben sie oft, dass diese Bedürfnisse nicht berücksichtigt werden. Aufgrund ihrer besonderen Wohnform benötigen sie Dinge, die andere nicht brauchen, zum Beispiel müssen sie einen Öltank aufstellen, um ihren Wohnraum mit selbst zu beschaffenden Brennstoffen zu beheizen. Das damit einhergehende Beantragen von Genehmigungen stößt oft auf Unverständnis bei den Behörden. In diesem Zusammenhang passiert es dann leicht, dass eigentlich einfache administrative Vorgänge eskalieren und langwierige juristische Auseinandersetzungen nach sich ziehen. In der Folge entwickelt sich oft ein Misstrauensverhältnis auf beiden Seiten. Ein Bewohner hat mal gesagt: „Die Menschen möchten unsere Dienstleistungen, aber nicht unsere Art zu leben“. Und da ist was dran. Die Angehörigen dieser Minderheit wünschen sich einfach ein größeres Verständnis für ihre besondere Wohn- und Lebenssituation und vorurteilsfreie Begegnungen.

Der Magistrat beruft sich darauf, dass die Stadtverordnetenversammlung schon vor langer Zeit beschlossen hätte, dass der Standplatz nur eine Übergangslösung sein soll.

Ja, diese Formulierung in der Stellungnahme ist sehr interessant. Nach meiner Kenntnis gibt es keinen Beschluss und kein Dokument, das diese Aussage belegt. Ich habe die Dokumente eingesehen, auf die sich die Stellungnahme bezieht, aber sie zeichnen ein gegenteiliges Bild. Die Vertreter der Stadt engagierten sich damals für die Menschen, bildeten einen runden Tisch und brachten Verbesserungen auf den Weg. Im Beschluss von 1975 wird der Magistrat beauftragt, eine Arbeitsgruppe zur Erarbeitung von Verbesserungsvorschlägen für die Situation vor Ort zu bilden. 1983 wurde die Übergabe an die gemeinnützige Gesellschaft für Wohnheime und Arbeiterwohnungen, die Wohnheim GmbH, geregelt. Deshalb finde ich es gut, dass sich jetzt einige Organisationen, Vertreterinnen von politische Parteien und Wissenschaftler dafür engagieren, die Situation aus der grauen Zone heraus zu holen und die Interessen der betroffenen Menschen zu wahren. Es ist wichtig, die Frankfurter Bevölkerung für diese Geschichte zu sensibilisieren.

Was wäre aus Ihrer Sicht eine gute Lösung in der jetzigen Situation?

Als ersten Schritt ist es sicher sinnvoll, einen Dialog in Gang zu setzen, um ein größeres Bewusstsein für diesen Teil der Frankfurter Geschichte zu schaffen. Aus meiner Sicht wäre es dann auch notwendig, sich von der aktuellen Praxis, die auf eine Vertreibung dieser Menschen abzielt, zu verabschieden. Stattdessen sollten wir, wie in der Zeit vor 1933, akzeptieren, dass es Lebensformen gibt, die anders sind als die der Mehrheitsgesellschaft, und dafür legale Rahmenbedingungen schaffen. Der europäische Vergleich zeigt, dass das möglich ist. In Frankreich zum Beispiel ist das Baurecht nicht so eng gefasst und sehr viele Kommunen stellen Plätze für solche Wohnformen zur Verfügung. Frankfurt ist eine wichtige, multikulturelle Stadt. Dieser Verantwortung sollte sich der Magistrat stellen und eine menschenwürdige Entwicklung anstreben. Die Mobilität nimmt in unserer Gesellschaft ja insgesamt an Bedeutung zu. Menschen, die aufgrund ihrer Lebensform längst eine hohe Kompetenz im Umgang mit Flexibilität entwickelt haben, könnten uns hier im gesellschaftlichen Austausch zu neuen Erkenntnissen verhelfen.

Weiterlesen:

Frankfurter Rundschau: Streit um die Zukunft der Wohngemeinschaft Bonameser Straße
Wir sind ganz normale Menschen, wir leben nur etwas anders
Wohnwagenplatz Bonameser Straße: "Wir sind hier eingewurzelt"
Heidi Fletterer bringt Zirkuserlebnisse zu Frankfurter Kindern

Anschauen:

Filmportrait - Nachbarn #25: WG Bonameser Straße


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Antje Schrupp 131 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com

4 Kommentare

16. Januar 2020 16:22 Andreas Dickerboom

Den Ausführungen von Sonja Keil kann ich voll und ganz zuzustimmen. Wir haben als Stadtgesellschaft eine besondere Verantwortung gegenüber dieser Gruppe von Menschen. Der Oberbürgermeister der Stadt betont bei jeder Gelegenheit, wie multikulturell Frankfurt mit 170 Nationen ist. Umso unverständlicher, dass der Magistrat nun eine solche Stellungnahme abgegeben hat, die, wie Frau Keil dargelegt hat, auch noch auf Falschangaben beruht. Anfang Dezember hatte ich als Regionalvertreter des Vereins Gegen Vergessen - Für Demokratie dem zuständigen Bau-Dezernenten Schneider eine entsprechende Stellungnahme geschickt. Auch fünf Wochen danach erfolgte aus seinem Dezernat keine Reaktion darauf. Den oben erwähnten offenen Brief habe ich selbstverständlich auch unterschrieben. Die Stadt muss das Dialogangebot von Bewohnern und Ortsbeirat endlich annehmen.

19. Januar 2020 17:50 Joachim Haus

Ich kann Frau Keil nur zustimmen. Meine Gedanken zur Situation: Clowndarstellungen, Artistik und gebrannte Mandeln - Ja ! Anerkennung einer besonderen Lebensform - Nein ! So habe ich den Magistrat verstanden: Die Menschen in der Wohngemeinschaft Bonameser Straße (WG-Bon) haben keinen Anspruch auf eine bevorzugte Behandlung. Ein runder Tisch zum Umgang mit dem Gelände ( nicht ertwa mit den Menschen) ist nicht zielführend. Der Beschluss des Magistrats vom 25.11.83 ist auf eine mittel- bis langfristige Schließung ausgerichtet. Ein Wohnrecht soll nur noch für die ursprünglichen Bewohner gewährt werden, nicht für die folgenden Generationen. Meine Gedanken: Die Erben der von den Nationalsozialisten verfolgten Menschen in der WG-Bon haben einen Anspruch auf Wiedergutmachung. Während Roma und Sinti als vom Völkermord betroffenen, wenigstens teilweise Entschädigung für KZ-Haft, erlittene Körperschäden, Ausbildungs und Berufsschäden zugesprochen wurde, ging der Großteil der Menschen in der WG-Bon leer aus. Durch eine dauerhaft in die Zukunft gerichtete Lösung bietet sich hier die Chance Wiedergutmachung zu leisten und den Bewohnern gegenüber Wertschätzung zu zeigen. Ich halte es für unwürdig, dass eine demokratische Institution den Dialog in Form eines runden Tisches verweigert und dies mit schwer nachvollziehbaren Aussagen begründet. In der Begründung zur "Übergabe an die Gesellschaft für Wohnheime und Arbeiterwohnungen" vom 5.9.1983 schreibt OB Dr. Wallmann: "Unter Einbeziehung bestehender Aktivitäten der Bewohner des Standplatzes soll in Schritten die Sanierung des Platzes betrieben werden. Als erste Maßnahmen werden neue Ent- und Versorgungssysteme angestrebt. Die erforderlichen Finanzierungshilfen in Höhe von 800.000,- DM werden von der Stadt Frankfurt gestellt." Im gesamten Zusammenhang ist weder von mittel- bis kurzfristiger Schließung noch von Restnutzung die Rede. Forderung:Der Dialog in Form eine runden Tisches muß erfolgen! Meine Empfehlung an alle Beteiligten ist, bei ihrem nächsten Besuch eines Jahrmarktes, Zirkusses oder dem Genuß von Zuckerwatte oder gebrannten Mandeln kurz darüber nachzudenken, ob hier nicht Menschen aus dem Umfeld der WG-Bon beteiligt waren. Joachim Haus

20. Januar 2020 14:27 Noti und Barry Pasch

Während meiner langjährigen, pädagogischen Tätigkeit an der Johann Hinrich Wichern-Schule in Frankfurt-Eschersheim war ich Bezugsperson der Schüler vom "Platz", die diese Schule besuchten. Durch meine regelmäßigen Besuche und Kontakte zu den Eltern gewann ich sehr schnell deren Vertrauen und bekam so Einsicht in die "andere" Lebensweise, die auf dem "Platz" herrscht. Es war meine interessanteste Zeit während meiner fast 40 jährigen pädagogischen Tätigkeit. Wir stimmen den Ausführungen von Sonja Keil voll und ganz zu. Sehr viele Angehörige aus fremden Kulturen kommen in unser Land und werden von der Gesellschaft akzeptiert. Darum ist es uns unverständlich, daß Leute, die schon seit vielen Generationen auf diese Art und Weise ihr Dasein fristen müssen, diskriminiert werden. Es wäre schade darum, wenn ein ganzes Stück von der sogenannten "Fahrenden Kultur" verschwinden sollte. DIES wäre ja wohl keine "kulturelle Bereicherung "!!! Noti und Barry Pasch

13. Februar 2020 14:39 Ergh

Es ist zu hoffen, dass die Verantwortlichen der Stadt Frankfurt sich besinnen und im Gespräch mit den Bewohnern eine Lösung finden, die den Erhalt des Platzes und damit der Gemeinschaft sichert. Aus meiner Sicht gehen weder Störungen oder gar Gefahren von der Gemeinschaft aus. Was also bezweckt die Stadt mit ihrer harten Haltung? Ist der Platz nicht mehr „gut genug“ in der Nähe der Bebauung des Hilgenfelds? Eine durchaus arrogante und beschämende Haltung, besonders wenn man bedenkt, dass die CDU dem christlichen Gedanken nahestehen sollte und die SPD das soziale Gewissen sein könnte …

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