Gott & Glauben

Ärgernis und Torheit oder: Wie kann Gott einen gewaltsamen Tod sterben?

Schon Paulus schreibt, dass das christliche Symbol des Kreuzes „für Juden ein Ärgernis, für Griechen eine Torheit“ ist. Auch heute schütteln viele den Kopf über Karfreitag: Warum sollte Gott einen gewaltsamen, schändlichen Tod gestorben sein?

Pfarrerin Ilona Klemens wird Generalsekretärin des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Foto: Tamara Jung-König
Pfarrerin Ilona Klemens wird Generalsekretärin des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Foto: Tamara Jung-König

Die Kritik am christlichen Kreuzessymbol spielt im interreligiösen Dialog eine Rolle, nicht nur, aber insbesondere in christlich-jüdischen Zusammenhängen. Es gibt Juden und Jüdinnen, die sich nur ungern in einem Kirchenraum aufhalten, wo ein Kreuz hängt. Es ist für sie verbunden mit der antijudaistischen Geschichte der Kirchen. Denn in der Vergangenheit ist es besonders an Karfreitagen immer wieder zu Verfolgungen und Pogromen gekommen, schließlich hat die christliche Theologie lange den Juden die Schuld am Kreuzestod Jesu gegeben.

Eine Kehrtwende weg vom kirchlichen Antijudaismus hat eigentlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg stattgefunden. Deshalb kann ich die jüdische Skepsis im Blick auf das Kreuz gut nachvollziehen. Bei gemeinsamen Veranstaltungen muss man mitunter Kompromisse finden, zum Beispiel einen religiös neutralen Raum suchen.

Von Muslimen habe ich persönlich es so direkt noch nicht erlebt, dass sie ein Problem damit hätten. Für sie ist eher der christliche Inkarnationsglaube anstößig, also die Vorstellung, dass Gott sich an einen Menschen gebunden und sich in ihm offenbart hat. Laut Koran ist nicht Jesus, sondern jemand anderes am Kreuz gestorben, Jesus selbst wurde von Gott entrückt. Wie der Kreuzestod und die Inkarnation zu verstehen sind, war ja auch im frühen Christentum durchaus umstritten. Es gibt die These, dass der Koran solche Traditionen aufgenommen hat.

Es kommt manchmal vor, dass Muslime bei der Anmietung von Gemeinderäumen verlangen, das Kreuz zu verdecken. Aber da bin ich der Meinung: Wer damit ein Problem hat, muss eben woanders mieten. Kirchliche Räume sind nicht neutral, sondern es sind Räume von christlichen Gemeinden, und da gehört eben ein Kreuz dazu. Es sollte jedoch im direkten Gespräch geklärt werden, wo die Schwierigkeiten auf beiden Seiten liegen.

Das Kreuz ist ein Anstoß für den Dialog, weil es eben etwas Anstößiges hat, und das von Anfang an. Wenn Paulus im Ersten Korintherbrief schreibt, das Kreuz sei für die einen ein Ärgernis, für die anderen eine Torheit, dann beschreibt das auch heute noch ziemlich gut, wie Menschen, die nicht christlich sind und für die das Kreuz deshalb auch nicht diese religiöse Bedeutung hat, auf dieses Symbol reagieren. Sie fragen: Wie kann ein Folterinstrument, ein Symbol eines gewaltsamen Todes, in Verbindung gebracht werden mit der Vorstellung, dass damit das Heil und die Verwandlung der Welt verknüpft ist?

Nach christlicher Überzeugung begibt Gott sich in die Verwundbarkeit des Lebens, bis zu dem Punkt, dass er nicht nur stirbt, sondern dass er sogar einen gewaltsamen Tod stirbt. Ein schlimmeres Schicksal kann man sich ja gar nicht vorstellen. Für mich ist das ein Zeichen von Gottes Selbsthingabe: Gott ist da, wo Menschen unschuldig leiden, wo ihnen Leid durch andere Menschen widerfährt.

Ich schätze genau das an unserer Vorstellung von Gott: Es ist nicht ein triumphal daher kommender Gott, der alles, was dieses Leben schwierig macht, einfach hinwegfegt.

Muslimische Freundinnen haben mich gefragt: Wie könnt ihr nur an einen Gott glauben, der sich so schwach gibt? Nach muslimischer Vorstellung würde Gott auch niemals einen Propheten so behandeln, ihn so schändlich sterben lassen. Als Christin glaube ich aber, dass in dieser mutmaßlichen Schwäche etwas Machtvolles liegt, dass Gott daraus neues Leben, Kraft, Zuversicht, Hoffnung entstehen lassen will. Denn wir glauben und vertrauen darauf, dass alles Leid ein Ende haben wird. Und das sollte auch durch unser Reden und Handeln deutlich werden.

Das muss im Dialog zwar erst einmal vermittelt werden, ich glaube aber, dass das möglich ist und den Dialog bereichert.


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Ilona Klemens 1 Artikel

Ilona Klemens war lange Pfarrerin für interreligiösen Dialog in Frankfurt. Seit Sommer 2016 ist sie Pfarrerin an der Studierendengemeinde Mainz.

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