Gott & Glauben

Kein Blut, kein Schweiß, kein Schmerz: Was auf "Geburtsdarstellungen" fehlt

Es gibt unzählige Bilder von Maria und dem Jesusbübchen. Manchmal nennt man sie „Geburtsdarstellungen“. Aber von einer Geburt ist da im Allgemeinen nichts zu sehen. Meistens sitzt die Mutter aufrecht da und ist anständig angezogen. Kein Blut, kein Schweiß, kein Schmerz, keine Hebamme.

Foto: Magic Madzlk/Flickr.com (cc by)
Foto: Magic Madzlk/Flickr.com (cc by)

Auf einem Bild von Andrea Mantegna, einem italienischen Maler des 15. Jahrhunderts, ist nicht nur Maria, sondern auch der kleine Junge solide eingepackt. Er schläft. Und seine Mutter hält ihn schützend im Arm und scheint etwas in ihrem Herzen zu bewegen. Solche Bilder sind beliebt und verbreitet: Viele Menschen stellen sich Maria so schön und friedlich vor wie auf diesem Gemälde.

Auch in der Renaissance, zu Lebzeiten Mantegnas, gab es jedoch schon Darstellungen des klassischen Mutter-und-Sohn-Paares, in denen Nacktheit eine Rolle spielte. Zum Beispiel die von Jean Fouquet. Da ist überdeutlich, wer welches Geschlecht hat und damit auch, wer was tun soll: Die Mutter nährt, daher die bloße Brust, die fast so groß ist wie der Kopf des Sohnes. Das Kind dagegen ist zweifelsfrei männlich. Gut gesättigt scheint es, an der Frau vorbei, in eine Zukunft zu blicken, die mit ihr wenig zu tun hat.

So stellte man sich Jahrhunderte lang den Lauf der Welt vor: Wohlgenährte Helden, Propheten, Krieger, Priester, Gelehrte und Professoren erheben sich, sobald sie selbständig geworden sind, aus dem Mutterboden ihrer behüteten Kindheit. Ihre Aufgabe ist es, die Welt zu erobern und zu gestalten, weitgehend ohne die Frauen, die derweil zuhause die Helden der nächsten Generation großziehen.

Der Begriff „Materie“ leitet sich vom griechischen und lateinischen Wort „Mater“ ab, das „Mutter“ bedeutet. Sind Mütter also bloße Materie, aus der sich der männliche Geist nährt? In der griechischen Antike stellte man es sich jedenfalls so vor. Und die griechische Antike ist für unsere westliche Zivilisation bekanntlich sehr prägend geworden.

Auf den meisten Mariendarstellungen erscheint das, was Philosophen gern zum „stummen Mutterboden“ interpretieren, allerdings als stark und schön. In diesen Bildern leben sie weiter, Mariens Vormütter: die antiken Göttinnen Isis, Ashera, Aphrodite, Demeter und wie sie alle hießen. Im abstrakten Denken mag es eine Möglichkeit sein, „die Frau“ auf ihre Gebär- und Nährfunktion zu beschränken. In der Bildkunst und in der Wirklichkeit gelingt das selten, denn Frauen sind nun einmal kein „Mutterboden“, sondern reale, vielseitige, voneinander verschiedene und eigensinnige Menschen.

Die Theologie bleibt ambivalent: Frauen sollen in der Gemeinde schweigen, befand der Apostel Paulus im ersten Korintherbrief (Kapitel 14, Vers 34). Aber schon bald danach krönte die Kirche Maria zur Himmelskönigin.

Doch warum sehen wir auf den „Geburtsdarstellungen“ eigentlich keine Geburt? Weil das der gute Geschmack nicht zulässt? Oder weil es den Malern wie den Theologen peinlich ist, dass auch der Gottmensch Jesus Christus, wie wir alle, als blutiger, schleimiger, schreiender, gänzlich abhängiger Säugling aus einem weiblichen Körper, dem Körper einer mit Geist begabten Frau, heraus in die Welt gerutscht ist?

Vielleicht denkt man ihn sich lieber als „Geschöpf“, das direkt aus der Hand Gottes – von oben herab sozusagen – zur Welt gekommen ist. Sauber geformt, nach einer göttlichen Idee. Oder noch besser: wie Athene, die nach der antiken griechischen Mythologie in voller Rüstung aus dem Kopf des Vaters gestiegen ist.

Einmal im Jahr, an Weihnachten, feiern Christinnen und Christen aber die Geburtlichkeit Gottes. Und sie bekennen sie immer wieder im Gottesdienst: „Geboren von der Jungfrau Maria.“ Zu selten wird darüber nachgedacht, was dieses Bekenntnis für das christliche Gottesbild eigentlich bedeutet. Theologen sprechen nämlich selten von der Geburt. Sie nennen das Herkommen Jesu Christi lieber etwas hochgestochen „Inkarnation“ oder auch „Menschwerdung“. In theologischen Nachschlagewerken finden sich seitenlange Abhandlungen über die Bedeutung des Todes, aber meist kein Wort – oder nur Belangloses oder gar Fehlerhaftes – über das Geborensein. Dabei enthält das Denken der Geburtlichkeit ungeahnte neue Möglichkeiten, die heute erst in Ansätzen erkennbar sind.

War es wohl der Zorn über das Verschweigen der Mütter und der Geburt, der den Surrealisten Max Ernst im Jahr 1926 dazu bewogen hat, eine Maria zu malen, die ihrem Sohn den Hintern versohlt? So vehement, dass dabei der Heiligenschein zu Boden geht?

In manchen Kirchen stehen Kreuze im Altarraum, an denen ein nackter, nur mit einem Lendentuch bekleideter Christus hängt. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt, aus der Wunde an seiner Seite und aus den Löchern in Händen und Füßen fließt Blut. Wer diesen Mann betrachtet, wird sicher Mitleid mit ihm haben. Schön und erschreckend sieht er aus. Und die Botschaft ist: Der Tod ist nicht das Ende. Jesus wird auferstehen in Glanz und Pracht, und seine Schmerzen werden nicht mehr sein.

Wann werden die Christen und Christinnen im Gottesdienst auch eine ebenso realistische Geburtsdarstellung mit Blut und Schweiß und Schmerz und Hebamme betrachten können und dabei wissen: So fing es an, mit Gott und mit mir? Wann werden sie das wirkliche Geborensein als den Anfang meditieren können, von dem wir alle herkommen, bezogen und frei, ein Leben lang abhängig und dennoch fähig, die Welt zu gestalten?

Das ist nämlich die christliche Hoffnung: Dass Frauen und Männer gemeinsam auf eine offene Zukunft hin leben, aus der Gott, der Geborene, uns entgegen kommt. Nicht nur an Weihnachten.


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Ina Praetorius 1 Artikel

Dr. Ina Praetorius ist Theologin und Autorin und lebt in der Schweiz.