Gott & Glauben

Darf man an Karfreitag Fleisch essen?

Teuren Lachs und Seeteufel zu schlemmen ist laut den formalen katholischen Speisegeboten am den Karfreitag erlaubt. Ein einfaches Stück Fleischwurst dagegen gilt als tabu. Geht’s noch?

Fisch ist nach den katholischen Speisegeboten am Karfreitag erlaubt, Fleisch aber nicht. | Foto: Hoan Vo (unsplash.com)
Fisch ist nach den katholischen Speisegeboten am Karfreitag erlaubt, Fleisch aber nicht. | Foto: Hoan Vo (unsplash.com)

Katholikinnen und Katholiken zwischen 18 und 60 Jahren sollen sich am Karfreitag, dem Tag des Todes Jesu, mit einer Mahlzeit und höchstens zwei kleinen Stärkungen begnügen. Auf Fleisch sollen sie dabei verzichten, Fisch ist aber erlaubt. Das mag erstmal unlogisch erscheinen, ist es aber nicht: Dass man am Karfreitag Fisch im Gegensatz zum sonst üblichen Fleisch ist, macht sinnenhaft klar, wie anders und unerwartet sich Gott zeigt: Das schmerzhafte Sterben Jesu am Kreuz wird als ein rettendes und heilvolles Handeln zugunsten der ganzen Welt gewertet.

„Fisch“ ist außerdem seit den Zeiten des Urchristentums das Zeichen für ein Bekenntnis zu Jesus Christus, dem Sohn Gottes und Heiland. Eine durch und durch geistliche Speise also. Auch in vielen protestantischen Haushalten gibt es deshalb an Karfreitag Fisch statt Fleisch. Überhaupt hat sich in Kantinen und Restaurants generell die Sitte gehalten, freitags Fisch anzubieten, eine durchaus sinnliche Erinnerung an den Karfreitag, so wie ja auch der traditionelle Braten den Sonntag als Fest der Auferstehung aus dem weniger opulenten Wocheneinerlei heraushebt.

Man muss Speisevorschriften nicht als verbindlich nehmen. Der Protestantismus hat sich davon ausdrücklich distanziert, weil sie leicht hohl und zum Selbstzweck werden. Außerdem können sie das trügerische Selbstbild nähren, man wäre ein besonders gottwohlgefälliger Mensch, bloß weil man dieses oder jenes nicht isst.

Aber als geistliche Übung unterstützen Speisegebote die persönliche Glaubenspraxis schon. Das Fasten am Karfreitag ist Ausdruck einer religiösen Stimmungslage: Das Karfreitagsgeschehen trifft mich tief im Inneren, ich nehme Anteil, werde der eigenen Verstrickung in das Böse gewahr, zeige Respekt vor der Selbsthingabe Jesu. Wenn man den Karfreitag als Gedenktag ernst nimmt, tritt das Bedürfnis nach Lebensgenuss und Vergnügen von selbst in den Hintergrund.

Am Ostersonntag, dem Tag der Auferstehung, darf ich das Leben wieder in vollen Zügen genießen. Der Tag von Trauer und Reue hat sich in einen „Good Friday” verwandelt, und nach diesem Wendepunkt erfahre ich wieder den Reichtum eines Lebens, das sich der Gnade Gottes verdankt. Offen praktiziert ist das Fasten gegenüber meiner Umwelt ein Bekenntnis zum Christentum. Untereinander ist es ein Akt der Solidarität und der Zusammengehörigkeit. Es ist ein heiliger Zug des Christentums, nicht durch Macht, sondern durch Verzicht Zeichen zu setzen.

Man sollte allerdings vielleicht noch einmal überdenken, was als Fastenspeise akzeptabel ist. Aus ökologischer Sicht könnte man einwenden, dass sowohl der Konsum von Fleischkonsum wie der von Fisch ohnehin bedenklich ist. Immerhin hat die religiöse Fastenpraxis weltweit bereits sehr essbare und nahrhafte Alternativrezepte hervorgebracht.

Ich persönlich wäre dafür, den Charakter des Karfreitags – Einer (und wirklich nur Einer) stirbt für die Vielen – dadurch herauszustellen, dass an diesem Tag erstens keinerlei Wirbeltier auf den Tisch kommt, und dass zweitens weltweit das staatlich legitimierte Töten von Menschen ausgesetzt wird. Solches Fasten wäre immerhin ein Anfang für ein bitter nötiges Umdenken.


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Wilfried Steller 39 Artikel

Wilfried Steller ist Theologischer Redakteur von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach" und Pfarrer in Frankfurt-Fechenheim.

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