Gott & Glauben

Fliegende Spaghetti-Monster: Der Charme des Atheismus

Für immer mehr Menschen ist der Glaube an Gott so absurd wie der an ein fliegendes Spaghetti-Monster. Sie kommen auch ohne ein transzendentes oder übernatürliches Wesen aus.

Das „fliegende Spaghettimonster“ wurde zur Symbolfigur für viele, die den Glauben an Gott unlogisch finden. Foto: Wikimedia Commons / Nadine cc-by-sa-3.0
Das „fliegende Spaghettimonster“ wurde zur Symbolfigur für viele, die den Glauben an Gott unlogisch finden. Foto: Wikimedia Commons / Nadine cc-by-sa-3.0

Das fliegende Spaghetti-Monster ist so eine Art Logo geworden für Menschen, die den Glauben an einen Gott, an ein transzendentes, übernatürliches Wesen, für absurd und bizarr halten. Die 2005 in den USA gegründete Bewegung der „Nudelgläubigen“ will mit ihrer Religionsparodie deutlich machen, dass Glauben prinzipiell etwas Irrationales und Verrücktes sei.

Aber auch wenn nur eine kleine Minderheit sich offen über religiösen Glauben lustig macht, so findet der Grundgedanke doch immer breitere Zustimmung: dass es sich eigentlich nicht mit einem rationalen, vernünftigen Weltbild vereinbaren lässt, an Gott zu glauben. „Ich bin religionsfrei“, heißt es zum Beispiel, „meine Moral, meine Ethik und mein Wertebild brauchen keine überirdischen Übermalungen.“ (Alle Zitate stammen aus den Kommentaren zu einem Blogpost der Autorin im Internet und können dort im Kontext nachgelesen werden.)

Valide Zahlen zum Atheismus gibt es nicht

Valide Zahlen über die Verbreitung des Atheismus – vom Griechischen „a-theos“, „ohne Gott“ – gibt es nicht, was auch daran liegt, dass damit keine einheitliche Gruppe bezeichnet wird. In explizit atheistischen oder freireligiösen Vereinen organisiert sind deutschlandweit nur knapp 40.000 Menschen, was eine verschwindend kleine Zahl ist im Vergleich zu den „religiös Organisierten“: Gut 50 Millionen Deutsche gehören laut „Religionswissenschaftlichem Medien- und Informationsdienst e.V.“ einer christlichen Gemeinschaft an, gut 5 Millionen einer anderen Religion, meistens dem Islam. Von den übrigen 25 Millionen ist schlicht nicht bekannt, was sie glauben. Einer Studie der Universität von Chicago zufolge sagten 2008 gut 10 Prozent der Westdeutschen, dass sie nicht an Gott glauben (und 52 Prozent der Ostdeutschen). Allerdings gaben derselben Studie zufolge auch nur 32 Prozent der Westdeutschen an, dass sie an Gott glauben. Und was ist mit den anderen 58 Prozent?

Vermutlich sind sie „Agnostikerinnen“, also Menschen, die davon ausgehen, dass man von der Existenz Gottes nichts Definitives wissen kann. Diese Haltung ist jedoch nicht nur außerhalb der Kirchen verbreitet; auch viele Christinnen und Christen würden diesem Satz vermutlich zustimmen. Die Frage, an der sich Religiosität festmacht, ist nicht so sehr, ob man „glaubt“, dass Gott existiert, sondern ob man auf Gottes Gegenwart und Hilfe „vertraut“.

„Ich hatte nie spirituelle Bedürfnisse“

Doch warum man das tun sollte, ist eben für immer mehr Menschen nicht plausibel. „Irgendwann bin ich tief in mich gegangen und habe mir eingestanden, dass mich die religiöse Mythologie zwar fasziniert, aber ich nicht wirklich an die Wahrheit derselben glaube. Die Bibel ist für mich heute nur noch ein Buch mit interessanten Geschichten“, schreibt einer, und eine andere: „Ich hatte nie spirituelle Bedürfnisse – ich glaube, das ist der Knackpunkt, warum ich nicht glaube.“

Im Glauben an Gott sehen die meisten Atheisten nur eine menschliche Projektion oder den Versuch, die Ungewissheit der Welt mit einem erfundenen Sinn zu füllen – ein Bedürfnis, das sie selbst aber nicht haben: „Es macht mir keine Angst, Dinge, die ich nicht begreifen kann, auch so zu benennen: unbegreiflich. Phantastisches ist phantastisch und kein göttliches Wunder. Wir können nie alles wissen, nie alles verstehen. Warum sollte ich einen Gott brauchen, um das Ultimative, das Unbeschreibbare zu beschreiben?“

Jüngere lehnen den Gottesglauben deutlicher ab

Eindeutig ist jedenfalls, dass der Glaube an Gott von jüngeren Menschen sehr viel deutlicher abgelehnt wird als von älteren: Während sich in Westdeutschland bei den über 68-Jährigen immerhin 36,4 Prozent sicher sind, dass Gott existiert, sind es bei den unter 28-Jährigen nur noch 17,8 Prozent.

Wie aber kommt es, dass immer mehr Menschen „Atheisten werden“? Falsche Frage, meinen die Betreffenden. „Ich halte Atheismus für den Normalzustand, der bei den Menschen durch frühkindliche Indoktrination verändert wird“ schreibt einer, und eine andere ergänzt: „Ich bin nicht irgendwie zum Atheismus gekommen, es war genau anders herum: Die Religion hat mich nie erreicht. Ich bin zwar konfirmiert worden, aber ich war innerlich immer unbeteiligt.“

Aus Sicht eines Atheisten braucht es keine Begründung dafür, nicht an Gott zu glauben, sondern es ist genau anders herum: „Weder halte ich es für nötig, seine Existenz zu postulieren, um irgendwas zu erklären (die Existenz der Welt oder so), noch gibt mir der Glaube spirituell-emotional etwas. Und meine Werte kann ich auch ohne Gott haben.“

Viele wachsen schon in atheistischen Familien auf

Viele junge Menschen finden die religiösen Erklärungsmuster von Eltern, Pfarrerinnen oder Lehrern nicht überzeugend. Aber solche „Kommunikationsprobleme“ sind längst nicht der einzige Grund dafür, dass der Gottesglaube an Bedeutung verliert. Auch im Westen nimmt die Zahl derjenigen zu, die bereits in Familien aufgewachsen sind, wo Religion keine Rolle gespielt hat: „Bei uns stand die Bibel neben Grimms Märchen und den Sagen aus dem Harz.“

Auch wenn der organisierte Atheismus zuweilen aggressiv religionsfeindlich auftritt, ist das doch keineswegs typisch. Die meisten, die selbst nicht an Gott glauben, respektieren den Glauben anderer. Sie halten sich selbst auch nicht für die besseren Menschen: „Ich bin nicht so naiv, zu glauben, dass die Welt besser aussehen würde, wenn alle Menschen Atheisten wären. Religionen sind wie auch der Atheismus immer Auslegungssache, also das, was die Menschen daraus machen.“ Problematisch finden sie es nur, wenn Religionen mit staatlichen Privilegien ausgestattet werden: „Ich akzeptiere nicht, wenn etwas nur oder in erster Linie aus einer Religion heraus begründet wird, vor allem dann, wenn es direkte oder indirekte Konsequenzen für mich oder andere Nicht-Gläubige hat.“ Dass soziale Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft von ihren Angestellten zum Beispiel ein bestimmtes Lebensmodell verlangen – was insbesondere bei der katholischen Kirche der Fall ist – stößt auf immer weniger Akzeptanz.

Moral hat mit Glauben nichts zu tun

Ebenso verärgert reagieren viele auf die Behauptung, religiöse Menschen würden moralischer oder ethischer handeln als andere. Stattdessen wird zurückgefragt, ob nicht gerade der Glaube an Gott bloß dazu dienen könnte, das Engagement für eine gute Welt zugunsten eines nebulösen „Jenseits“ gering zu schätzen? „Ich neige weniger dazu, mich mit Ungerechtigkeiten abzufinden, weil ich nicht glaube, dass Gott das irgendwann in der Ewigkeit zurechtrücken wird“, schreibt eine, und ein anderer: „Tatsächlich entbindet Glaube viele davon, sich mit ethischen Fragen ernsthaft auseinander zu setzen. Religion gibt dogmatisch vor, was richtig und was falsch sei.“

Als „Gegenglaube“ verstehen hingegen nur die wenigsten ihre Einstellung: „Atheismus“, so bringt es eine auf den Punkt, „ist ebenso wenig eine Weltanschauung, wie man einen ausgeschalteten Fernseher als zusätzliches TV-Programmangebot bezeichnen kann.“

55 Prozent „Sonstige“

Die Zusammensetzung der Weltanschauungen in Frankfurt hat sich im letzten Jahrhundert drastisch verändert. Waren um 1900 noch weit über 90 Prozent der Bevölkerung Mitglied in einer christlichen Kirche (61 Prozent evangelisch, 30,5 Prozent katholisch), so sind es heute nur noch knapp 45 Prozent (21,1 Prozent evangelisch, 23,4 Prozent katholisch).

Die Gruppe der „Sonstigen“ hingegen ist von 8,5 auf 55 Prozent geklettert. Sie umfasst drei völlig verschiedene Glaubensgruppen: Menschen, die gar keiner Religion angehören, Angehörige anderer Religionen sowie Angehörige anderer christlicher Kirchen. Wie sich diese drei Gruppen aufteilen, kann nur geschätzt werden. Die „Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland“ (die zum Humanistischen Verband gehört) kommt zu dem Ergebnis, dass in Frankfurt 30 Prozent der Bevölkerung gar keiner Religion angehören, 12 Prozent dem Islam, 8,5 Prozent einer orthodoxen Kirche und 2,3 Prozent einer anderen Religion.

Die formale Religionszugehörigkeit muss aber gar nicht mit der tatsächlichen Einstellung zum Glauben übereinstimmen. So ergab die Studie „Was glauben die Hessen?“ von 2011, dass auch etliche Kirchenmitglieder nicht an Gott glauben, während viele Konfessionslose überzeugt sind, dass es Engel oder Wunder gibt.


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Antje Schrupp 151 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com