Gott & Glauben

„Der Islam kennt keine Mitgliederstruktur“

In einer Interviewreihe stellt „Evangelisches Frankfurt“ die Mitglieder des Rates der Religionen vor. Selçuk Dogruer vertritt dort die türkische „DITIB“, den größten muslimischen Dachverband in Deutschland.

Selçuk Dogruer in der Moschee in der Münchener Straße. Der 28 Jahre alte Islamwissenschaftler arbeitet beim Hessischen Landesverband der „DITIB“ und ist dort Beauftragter für interreligiöse und interkulturelle Zusammenarbeit. Foto: Rolf Oeser
Selçuk Dogruer in der Moschee in der Münchener Straße. Der 28 Jahre alte Islamwissenschaftler arbeitet beim Hessischen Landesverband der „DITIB“ und ist dort Beauftragter für interreligiöse und interkulturelle Zusammenarbeit. Foto: Rolf Oeser

Was ist die DITIB?

Das ist die „Türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion“, gegründet 1984 in Köln. Damals haben sich türkischstämmige Muslime zusammengefunden und einen Dachverband gegründet, mittlerweile gehören bundesweit etwa 900 Gemeinden dazu. Die DITIB hat ein Abkommen mit der Religionsbehörde der Türkei, wonach Imame auf Kosten der Religionsbehörde nach Deutschland entsandt werden.

Ist es sinnvoll, türkische Imame nach Deutschland zu holen?

Das war von Anfang an als eine Übergangsphase gedacht. Inzwischen wurde an vier Zentren in Deutschland die „islamische Theologie“ etabliert, um Imame und Religionslehrer auszubilden, die in Deutschland sozialisiert sind. Allerdings hat das Abkommen mit der Türkei viel zur gesunden Integration beigetragen, da DITIB-Imame qualifizierte Theologen sind und die fundierte Vermittlung der Religion gefördert haben.

Wie viel Prozent der Muslime in Deutschland repräsentiert denn die DITIB?

Das ist eine häufig gestellte und, wenn man so will, typisch deutsche Frage. Im Islam gibt es keine Mitgliederstruktur, sondern Moscheen, die Gottesdienste für alle Muslime anbieten. In der Frankfurter Zentral-Moschee haben wir zum Beispiel gut 100 Mitglieder, aber zum Freitagsgebet kommen rund 1500 Menschen, nicht nur Türken, sondern auch Araber, Pakistaner, Afghanen, Bosniaken und deutsche Konvertiten. Es ist im Grunde umgekehrt wie in der Kirche, wo es viel mehr Mitglieder gibt als Gottesdienstteilnehmer. Weil man aber in Deutschland Mitgliederzahlen angeben muss, um beispielsweise als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden, führen wir gegenwärtig ein Muslimregister, eine Internetplattform, auf der Muslime registriert werden.

Wie finanzieren Sie dann Ihre Moscheegemeinden?

Wir haben immer eine Spendenbox aufgestellt, und an Freitagen werden hin und wieder Spenden gesammelt. Es ist natürlich etwas anderes, auf Spenden angewiesen zu sein, als regelmäßige Steuereinnahmen oder Fördergelder zu haben, aber die meisten Gemeinden kommen mit ihren bescheidenen Mitteln über die Runden.

Passen denn überhaupt 1500 Menschen in diese Moschee?

An Feiertagen kommen sogar noch mehr, dann stellt man sich eben enger zusammen, auch draußen werden dann Teppiche ausgelegt. Wir haben ja zwei Ebenen, ein Stockwerk höher gibt es noch einmal einen identischen Raum für die Frauen. Der Imam wird per Mikrofon dorthin übertragen, leider haben wir keine Videoübertragung. Allerdings können die Männer ab der zweiten Reihe den Imam beim Gebet auch nicht mehr sehen.

Finden Sie diese Geschlechtertrennung noch zeitgemäß?

Zu Zeiten des Propheten haben Frauen und Männer im selben Raum gebetet. Frauen und Männer beteten in getrennten Reihen. Mit der Zeit haben sich schließlich unterschiedliche Moscheekulturen entwickelt. Man kann natürlich darüber streiten, ob und was genau zeitgemäß ist, aber letzten Endes hat sich das historisch so entfaltet, vielleicht auch, um eine gewisse Konzentration zu gewährleisten. Das ist aber nur beim Gebet so strikt geregelt. Bei anderweitigen Veranstaltungen, Vorträgen oder Seminaren, ist es grundsätzlich gemischt. Dass die Niederwerfung beim Gebet vor demselben Geschlecht vollzogen wird, scheint auch zum Wohl der Frau und des Mannes zu sein. Das ist keine Diskriminierung der Frau, sondern eine islamische Praxis, die man so, wie sie ist, akzeptieren sollte. Sobald ein diskriminierender Akzent festzustellen wäre, wäre dies selbstverständlich zu verurteilen.

Gibt es bei Ihnen denn auch Imaminnen beziehungsweise Frauen, die lehren?

Wir haben in unseren Gemeinden auch hauptamtliche Theologinnen, die ebenfalls auf Kosten der Religionsbehörde entsandt werden. Sie fungieren in der Regel nicht als Imaminnen, als Vorbeterinnen in der Gebetsnische, sondern als Seelsorgerinnen, in der Sozialarbeit und als Ansprechpartnerinnen für die Frauen. Aischa, die Frau des Propheten, hat übrigens die zweitmeisten Hadithe, also die Prophetenlehre, überliefert. Der Prophet Muhammed empfiehlt Frauen wie Männern, nach Wissen zu streben. Auch heute gibt es an den Universitäten, an denen islamische Theologie studiert wird, Professorinnen. Wissen ist, unabhängig vom Geschlecht, von jedem zu erlernen.

Wie sind Sie persönlich zur DITIB gekommen?

Ich komme ursprünglich aus Friedrichshafen am Bodensee. Ich war auf einem Technischen Gymnasium, also zunächst eher naturwissenschaftlich orientiert, aber wir hatten einen Imam, der mich sehr inspiriert hat. Deshalb habe ich dann fünf Jahre islamische Theologie in Damaskus studiert und im Anschluss Islamwissenschaften in Rotterdam. Dann habe ich mich bei der DITIB-Hessen beworben. Die DITIB-Landesverbände haben sich vor etwa zwei Jahren gegründet, weil vieles in Deutschland eben auf Länderebene geregelt wird. Vor allem die Bildung, und wir engagieren uns ja für die Einführung von islamischem Religionsunterricht.

Sind Ihre Eltern auch religiös?

Ja, religiös schon, aber nicht in dem Sinne, dass sie sich mit der Theologie auseinandersetzen. Sie sind vielmehr gläubige und fromme Menschen, die mit den religiösen Werten und der Kultur Anatoliens sozialisiert wurden und uns Kinder diesem Wertgeflecht entsprechend erzogen haben.

Was zeichnet die DITIB aus im Unterschied zu anderen muslimischen Strömungen?

Es gibt ja im Islam zwei Grundströmungen, die sunnitische und die schiitische. Und in der sunnitischen gibt es wiederum verschiedene Rechtsschulen. In der Türkei ist es zum Beispiel hanafitisch geprägt, in Marokko eher malekitisch und so weiter. Die DITIB richtet sich nicht strikt nach bestimmten Rechtsschulen, aber sie ist schon sunnitisch geprägt. Wir haben aber in manchen Gemeinden auch Vorstandsmitglieder, die alevitisch sind.

Was ist das inhaltlich Besondere am Sunnismus?

Als Ali, also der Neffe des Propheten, nicht der Nachfolger des Propheten wurde, sondern Abu Bakr, gab es Irritationen unter bestimmten Sympathisanten von Ali. An diesem Punkt haben sich die Schiiten geistlich von der Mehrheit der so genannten Sunniten abgekoppelt. Es war zunächst eher eine politische Differenz, aber mit der Zeit haben sich daraus verschiedene Theologieauffassungen entwickelt. Sunniten glauben daran, dass alle Menschen gleich sind, dass vor Gott alle Unterschiede annulliert sind. Schiiten hingegen glauben, dass das Geschlecht des Propheten einen besonderen Stellenwert hat, und verehren das Geschlecht Alis mit großem Enthusiasmus.

Spielt das im religiösen Alltag denn eine Rolle?

Ja. Bei den Schiiten werden zum Beispiel Gelehrte, die aus diesem Geschlecht stammen, bevorzugt, und ihre Gutachten gelten als besonders relevant.

Wie sehen Sie die Situation des Islam in Deutschland heute?

Momentan organisieren sich Muslime immer professioneller und gründen Institutionen, in denen sie ihre Religion reflektieren. Man kann von den Muslimen nicht verlangen, dass sie ihre Religion ablegen müssen, um sich mit Deutschland zu identifizieren. Wenn muslimische Jugendliche immer hören, dass der Islam gar nicht zu Deutschland gehört, führt das dazu, dass sie nach Alternatividentitäten suchen und sich manchmal auch auf radikalen Seiten wiederfinden.

Kann der Rat der Religionen dabei helfen?

Ja, Dialog bildet die Basis, um Vertrauen zu schaffen. Ich war zum Beispiel mal in einem Einschulungsgottesdienst in einer Kirche und sollte da ein paar Stellen aus dem Koran rezitieren. Viele Menschen waren sehr angespannt, was da jetzt auf sie zukommt. Am Ende waren sie erleichtert, dass das, was ich gelesen habe, doch nicht so fremd war. Solche Basisarbeit ist wichtig, damit wir voneinander lernen und miteinander reden anstatt übereinander.


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Antje Schrupp 118 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com