Gott & Glauben

„Die afghanisch-hinduistische Kultur bewahren“

In einer Interviewreihe stellt „Evangelisches Frankfurt“ die Mitglieder des Rates der Religionen vor. Jaganat Gardezi vom Afghan Hindu Kulturverein ist einer von zwei Vertretern des Hinduismus.

Jaganat Gardezi. Foto: Rolf Oeser
Jaganat Gardezi. Foto: Rolf Oeser

Afghanistan bringen wohl die meisten Menschern mit dem Islam in Zusammenhang. Gibt es dort denn viele Hindus?

Ursprünglich war Afghanistan ein hinduistisches und buddhistisches Land, bevor es islamisiert wurde. Die großen Buddhastatuen, die die Taliban zerstört haben, waren sichtbare Zeichen dafür. Bis in jüngste Zeit lebten Hindus in Afghanistan, in guten Zeiten, also vor der sowjetischen Besatzung, waren wir bis zu 250.000. Es gab Tempel in allen großen Städten. Momentan leben nur noch wenige hundert Hindus und Sikhs in Afghanistan, die meisten sind geflohen.

Gibt es Unterschiede zwischen dem indischen und dem afghanischen Hinduismus?

Nein, was in Indien geglaubt wird, wird auch in Afghanistan geglaubt, wenn auch auf etwas andere Art und Weise. Der Islam hatte in Afghanistan einen gewissen Einfluss, was die Sprache oder die Art des Betens betrifft.

Wie würden Sie in kurzen Worten für Außenstehende das Wesentliche am Hinduismus erklären?

In jeder Religion geht es um den Glauben an Gott. Aber im Hinduismus gibt es Vermittler zwischen den Menschen und Gott. Die wichtigsten sind Krishna und Rama, aber auch Shiva. Man glaubt an sie und betet durch sie zu Gott. Der Hinduismus ist die älteste Weltreligion, der Hauptstandort ist Indien, und von da aus hat sich die Religion ausgebreitet.

Seit wann gibt es Ihre Gemeinde in Frankfurt?

Der Afghan-Hindu Kulturverein ist offiziell 1996 gegründet worden, damals mit weniger als 50 Mitgliedern. Inzwischen gehören 400 Familien zu uns. Das Einzugsgebiet ist nicht nur Frankfurt, viele kommen auch aus Limburg, Marburg, sogar aus Stuttgart. Es sind hauptsächlich Flüchtlinge, aber fast die Hälfte lebt schon so lange in Deutschland, dass viele inzwischen einen deutschen Pass haben. Wir bieten auch Deutschkurse an, die staatlich gefördert werden, und bemühen uns sehr um die Integration unserer Mitglieder. Leider interessiert sich die deutsche Politik nicht sehr für unser Leben und unsere Kultur. Das Elend der Hindus in Afghanistan ist kein Thema. Ein wichtiges Ziel unseres Vereins ist es deshalb auch, die afghan-hinduistische Kultur in Deutschland zu pflegen und an unsere Kinder weiterzugeben. Wir bieten zum Beispiel einen Hindi-Sprachkurs an.

Haben Sie denn in Afghanistan Hindi gesprochen?

Ja, die amtliche Sprache dort ist Persisch und Paschtu, wir haben aber zuhause Hindi gesprochen. Hier in Deutschland verabschieden sich die Kinder meistens von der Sprache, auch zuhause sprechen sie überwiegend deutsch.

Wie ist der Verein organisiert?

Jede Familie bezahlt 15 Euro pro Monat, aber dazu kommen viele Spenden. Der Tempel ist täglich von 10 bis 18 Uhr, sonntags den ganzen Tag geöffnet. Da haben wir einen Gottesdienst, der mit einem gemeinsamen Essen endet. Da kommen auch viele indische Hindus, die die Gelegenheit wahrnehmen. Besonders die IT-Leute, die hier arbeiten.

Wie läuft so ein Gottesdienst ab?

Ab 11 Uhr kommen die Leute an, bis 13 Uhr sind alle da, sie kommen ja teilweise von weit her. Es beginnt dann mit einem Text, der für Rama gesungen wird, die Musik machen einige der Frauen. Manchmal haben wir Gurus oder andere Gäste aus Indien hier, die einen Vortrag halten. Beim Hauptgottesdienst stehen wir alle und singen vier festgelegte Lieder, am Ende wird gebetet. Das dauert insgesamt bis 17 Uhr, danach gibt es das Essen. Es wird gemeinsam gekocht, und zwar ohne Fleisch und auch ohne Zwiebeln und Knoblauch. Danach wird Tee getrunken, die Leute unterhalten sich, sprechen über Probleme, tauschen Neuigkeiten aus. Minimum sind 50 Leute da, Maximum bis zu 300. Bei den großen Festen kommen 500 bis 600 Menschen, vor allem am Sonntag in der Fastenzeit. Wir fasten zwei Mal im Jahr sieben Tage lang.

Gibt es feste Vorschriften für Frauen und Männer, etwa in der Sitzordnung?

Es ist schon so, dass die Frauen sich zueinander setzen und die Männer auch, aber es gibt dafür keine festen Regeln. Manche sagen, dass der Hinduismus eine sehr weibliche Religion ist, weil die Frauen immer an erster Stelle genannt werden. Man sagt etwa Sitarama, Sita ist der Name der Frau, Rama der des Mannes. Frauen haben einen hohen Wert, obwohl es in Indien natürlich auch soziale Traditionen gibt wie die Witwenverbrennung. Aber das sind eher gesellschaftliche Entwicklungen, das steht nicht in der Bagavadgita oder in einer religiösen Regel. Unser Tempelname ist übrigens Asamai Mandir, Asamai heißt in Sanskrit „Mutter der Hoffnung“. Repräsentiert wird das durch eine weibliche Statue, die Durga heißt, manche nennen sie auch Shakti, die Kraft.

Haben Sie einen Priester?

Ja, es gibt einen Priester, der ist fest angestellt. Er kümmert sich um den Tempel, und man kann mit ihm über Probleme sprechen, er betet für die Leute. Manchmal hält er auch eine Predigt im Gottesdienst, aber nur, wenn es nötig ist, das ist kein fester Bestandteil. Wichtig sind auch die Trauerfeiern hier im Tempel, dabei wird dann die Bagavadgita gelesen, das ist unser heiliges Buch.

Wie sind Sie persönlich religiös geworden?

Durch meine Eltern. Ich bin 1984 nach Deutschland gekommen. Bei uns in Afghanistan war die Religion sowieso ein Teil des Lebens, sogar in unserem Ausweis steht als Nationalität nicht „Afghanisch“, sondern „Hindu“. Als Minderheit waren wir im Alltagsleben ja immer gefährdet. In der Bagavadgita steht, Gott ist der Schutz für die Schutzlosen, Hilfe für die Hilflosen und ein Freund der Freundlosen. Das hat für uns natürlich eine große Bedeutung gehabt.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit im Rat der Religionen?

Wir sind von Anfang an aktives Mitglied gewesen. Aber es ist für uns auch eine neue Erfahrung. Momentan kann ich nicht sagen, wie es sich entwickeln wird. Die Zusammenarbeit mit den Muslimen im Rat ist gut. Aber viele unserer Mitglieder haben leider Angst vor dem Islam, vor allem diejenigen, die die Taliban selbst erlebt haben. Wir arbeiten daran, die Ängste abzubauen, aber das ist nicht so einfach. Unsere jüngeren Mitglieder, die zweite Generation, die haben keine Berührungsängste mehr.

Welche Aufgaben sehen Sie für den Rat der Relionen?

Eines unserer Probleme sind Beerdigungen. Es ist schwer, Termine zu bekommen, und wir können unsere Trauerfeiern nicht in der Halle am Friedhof abhalten, weil die vorgesehene Zeit von 15 bis 30 Minuten viel zu kurz ist.
Mir ist sogar schon passiert, dass eine Friedhofsangestellte kam und sagte, wir sollten nicht so viel weinen, weil nebenan eine andere Trauerfeier wäre. Wie soll ich das den Angehörigen vermitteln, dass sie bei einer Trauerfeier nicht weinen dürfen? Das wären Themen, die der Rat der Religionen vielleicht aufgreifen kann.


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Antje Schrupp 118 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com