Gott & Glauben

Ein Fest, das nicht nur die fette Ernte feiert – Erntedank im Krisenjahr 2022

Anfang Oktober ist Erntedankfest – aber wofür soll man in diesem krisengebeutelten Jahr denn überhaupt dankbar sein?

Lars Heinemann  |  Foto: Rolf Oeser
Lars Heinemann | Foto: Rolf Oeser

Es wird Herbst. Im Kirchenjahr bedeutet das Erntedank. Das uralte Fest, mit dem Gott für die Ernte des Jahres gedankt wurde. Oder für uns heute ein Fest, mit dem wir das Leben vor Gott bringen können. Also der Frage nachgehen: Was hat mich im letzten Jahr bewegt? Wo fühle ich mich glücklich und reich beschenkt? Erntedank heißt, sich der kleinen und großen guten Dinge des Lebens bewusst zu werden.

Aber dieses Jahr? Pandemie, Krieg, Inflation. Dieses Jahr ist doch gefühlt nichts als Krise. Wofür soll man da danken?

So verständlich dieser Impuls ist, er greift zu kurz. Denn er verkürzt das Bild von Gott einseitig auf den „lieben Gott“. Natürlich findet sich in der Bibel auch das Versprechen, dass die Dinge gut werden. „Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ (Hesekiel, Kapitel 36, Vers 26) Das kann in Krisen neuen Mut geben. Wo man das erlebt, macht es dankbar. Aber es bedeutet nicht das Ende aller Krisen.

Es ist nicht so, dass Gott auf der einen Seite steht und die Welt mit allem, was anstrengt und schmerzt, auf der anderen. Sondern das „neue Herz“ und der „neue Geist“ haben mitten in den Krisen ihren Ort. Gerade wo alles heillos erscheint, ist Gott zu finden. So haben Krisen eine eigene Tiefe und Wahrheit. Diese Provokation steckt in einem Gottesbild, das nicht verkürzt ist.

Es wird also nicht einfach alles gut, auch dieses Jahr nicht. Dem müssen wir ins Auge blicken. Aber an Erntedank geht es eben nicht nur um das Schöne und Gute, um Dankbarkeit für das, was gelungen ist. Sondern es geht um das Ganze des Lebens – mit allen Brüchigkeiten, die dazugehören. Erntedank feiert nicht die fette Ernte, sondern dass überhaupt geerntet wird. Dass gelebt und geliebt, aber auch gelitten, sogar gestorben wird. Wie es zum Leben in dieser Welt dazugehört.

In diesem Jahr ist das Fest vielleicht leiser und nachdenklicher als in Zeiten, in denen alles glatt läuft. Aber wo wir die Krisen nicht wegdrücken, ist Erntedank ein ehrliches Fest, gewissermaßen: welt- und gottgesättigt.


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Lars Heinemann 1 Artikel

Lars Heinemann ist Pfarrer in der Gemeinde Frankfurt-Bornheim und Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins. | Foto: Rolf Oeser