Gott & Glauben

Intensivstufe der Spiritualität: Warum Mystik auch etwas für Evangelische ist

Mystische Erfahrungen werden oft als gefühlsduselige Spinnerei oder esoterische Wellness abgestempelt. Wenn überhaupt ist Mystik etwas für Katholiken, Evangelische haben damit nichts am Hut. Falsch! sagt der Dresdener Theologe Peter Zimmerling. In Frankfurt hat er sein Buch „Evangelische Mystik“ vorgestellt.

Der Dresdner Theologe Peter Zimmerling (rechts) erklärte im Gespräch mit Johannes Lorenz von der Akademie Rabanus Maurus, warum Mystik ein wichtiger Bestandteil des Glaubens ist - sofern sie theologisch reflektiert wird. | Foto:  Rolf Oeser
Der Dresdner Theologe Peter Zimmerling (rechts) erklärte im Gespräch mit Johannes Lorenz von der Akademie Rabanus Maurus, warum Mystik ein wichtiger Bestandteil des Glaubens ist - sofern sie theologisch reflektiert wird. | Foto: Rolf Oeser

Für sein Buch „Evangelische Mystik“ hat der Dresdener Universitätsprediger und Theologe Peter Zimmerling eine lange Traditionslinie von mystisch inspirierten Persönlichkeiten untersucht. Im „Haus am Dom“ stellte er im Gespräch mit Johannes Lorenz, Studienleiter an der Rabanus-Maurus Akademie, seine Thesen vor.

Was, so die erste Frage, ist denn überhaupt Mysik?

Es gehe darum, mit „glutvollem Herzen“ die Unmittelbarkeit zu Gott zu suchen, sagt Zimmerling. Faszinierend an den Schriften von Theresa von Avila zum Beispiel - einer katholischen Kloster-Reformerin aus dem 16. Jahrhundert - sei die Verbindung von lebendigem Glauben mit einem hohen Reflexionsgrad. Auf Glaubenserfahrungen, die das Leben veränderten, sei er auch bei dem Pietisten Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700-1760) gestoßen.

Mystik ist laut Zimmerling „eine Intensivstufe der Spiritualität“, dabei aber nicht zu lösen von den jeweiligen religiösen Wurzeln. Das heißt, es geht nicht einfach nur um entrückte Erlebnisse, sondern die unmittelbaren Gotteserfahrungen müssen auch theologisch durchdacht werden. Deshalb seien evangelische und katholische, jüdische und buddhistische Mystik nicht dasselbe, weil sie auf jeweils unterschiedlichen Gottesbildern und Theologien gründen.

Ohne ein „glutvolles Herz“, ohne eine tief innerlich gefühlte Nähe zu Gott ist Mystik aber nicht zu haben. Auch Martin Luther habe mit seiner Suche nach Kontemplation (wie er es in seinem Büchlein zur Gebetspraxis beschrieben hat) nach Unmittelbarkeit zu Gott gestrebt. Dass Luther gleichzeitig vor „Schwarmgeistern“ warnte, sei kein Widerspruch. Tatsächlich ist für den Protestantismus die Bibel, das Evangelium, Maßstab und Leitschnur, woran sich auch mystische Erfahrungen messen lassen müssen.

Am Beispiel von Dag Hammarskjöld wurde deutlich, dass Mystik kein vormodernes Phänomen ist. Der 1961 tödlich verunglückte Generalsekretär der UNO habe in seinem posthum veröffentlichten geistlichen Tagebuch „Zeichen am Weg“ Impulse für neue Zugänge zur Mystik hinterlassen.

Heute könne innere Einkehr „ein Gegenprogramm zur Erregungsgesellschaft“ bieten, sagte Zimmerling. Für viele Menschen sei die Beschäftigung mit dem Glauben eine Chance, „zu sich selbst durchzudringen“. Zimmerling, der auch Seelsorger ist, ist davon überzeugt, dass jeder Mensch „mystisches Potential“ in sich trägt. Das habe er aus vielen Gesprächen mit Menschen gelernt, die sich als „Nicht-Kirchgänger“ beschreiben, aber dennoch von einem starken religiösen Erlebnis berichteten.


Autorin

Anne Rose Dostalek ist freie Journalistin und lebt in Frankfurt am Main.

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