Gott & Glauben

„Gott kann nicht ohne den Menschen sein“

Der Schweizer Theologe Karl Barth war scharfsinnig, unkonventionell, bisweilen auch bewusst provozierend. Und zeitlebens bereit, eigene Standpunkte in Frage zu stellen.

Seine theologischen Einsichten vertrat Karl Bart mit einer Konsequenz, die nur Ausnahmegestalten zu eigen ist. Auch wenn er selbst sich stets dagegen wehrte, als „einer der größten Theologen des 20. Jahrhunderts“ tituliert zu werden, so war er doch genau das, sagt Christiane Tietz. Die Professorin für Systematische Theologie an der Universität Zürich hat vor zwei Jahren eine umfassende Biografie über Barth veröffentlicht. Ihr Vortrag war Auftakt für eine Vortragsreihe über den streitbaren Theologen in der Sachsenhäuser Dreikönigsgemeinde.

„Barths Kommentare zum Römerbrief sind 1919 wie eine Bombe eingeschlagen“, so Tietz. Drei Jahre später habe er eine überarbeitete Version vorgelegt, in der er die Position der damals vorherrschenden Liberalen Theologie radikal attackierte. Sein Hauptpunkt: Barth war der Meinung, dass Menschen unmöglich Gott begreifen können, denn: „Gott ist Gott und ganz anders als alles Menschliche, auch als alle menschliche Religion und Kultur.“

Diese Erkenntnis, mit der er die Dialektische Theologie begründete, formulierte Karl Barth als einfacher Dorfpfarrer im Schweizer Safenwil. Doch mit seinem Römerbergkommentar sorgte Barth für derart Furore, dass ihn die Universität Göttingen 1921 zum Professor für reformierte Theologie berief – auch ohne Doktortitel.

Die Zeit in Safenwil stellte zweifellos die Weichen seines Denkens. Von Haus aus war Barth der Sohn eines pietistischen Theologieprofessors, doch im Dorfpfarramt habe ihn „zum ersten Mal die wirkliche Problematik des wirklichen Lebens berührt“, wie er schrieb. Hier lernte er das Elend der Arbeiter und Arbeiterinnen in den Textilfabriken kennen, schloss sich den religiösen Sozialisten an und stritt sich öffentlich mit einem Unternehmersohn. „Der Kampf zwischen den beiden war Thema im ganzen Dorf und die Kirche sonntags voll“, so Christiane Tietz.

Als Jugendlicher war Barth weniger von der Theologie als vielmehr von Militärgeschichte fasziniert. Mit seinen Geschwistern stellte er mit Inbrunst Schlachten nach. Auch für Literatur interessierte er sich, für den Religionsunterricht hingegen hatte er nur Spott übrige. Die Wende kam während der Konfirmationszeit. Hier sei in Barth ein „dunkler Drang nach besserem Verstehen“ gekeimt, den er in der Theologie zu befriedigen hoffte, so Tietz.

Den Weg zum besseren Verstehen habe Barth in der „permanenten Spannung zwischen den Gegensätzen Gott und Mensch“ gesehen – von ihm als „Gratwanderung, bei der man nie verharren darf“ bezeichnet.

Nach der Station in Göttingen wurde Barth Professor in Bonn und habe dort ab 1930 die Arbeit an seinem neuntausend Seiten umfassenden Hauptwerk „Kirchliche Dogmatik“ fortgesetzt. Dabei rückte er die Menschlichkeit Gottes in den Vordergrund, so Tietz. Barth sei sich nun gewiss gewesen: „Gott kann nicht ohne den Menschen sein. Es gibt eine Gottlosigkeit des Menschen, aber keine Menschlosigkeit Gottes.“

Die Bonner Jahre sollten sich für Barth auch kirchenpolitisch und politisch als entscheidend entpuppen. Schon im Ersten Weltkrieg hatte er den Hurrapatriotismus vieler Theologen in Deutschland mit heftiger Abscheu kommentiert. Nach der Machtergreifung Hitlers avancierte er schnell zu den führenden Gestalten des evangelischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus und wurde Mitbegründer der Bekennenden Kirche.

Dass ihn das Regime 1934 vom Dienst suspendierte und wenig später zwangsweise in den Ruhestand versetzte, hielt Barth freilich nicht vom Weitermachen ab. Unter anderem postulierte er, dass bestimmte Umstände Widerstand gegen die politische Macht nicht nur erlauben, sondern göttlich fordern. Dem Dekan der evangelisch-theologischen Fakultät in Prag, Josef Hromádka, legte er den bewaffneten Aufstand nahe. Für das in der Presse veröffentlichte Schreiben erntete Barth auch von den meisten Mitgliedern der Bekennenden Kirche harsche Kritik. Ebenso für seine Weigerung, den Hitlergruß zu zeigen und den von Beamten geforderten Eid zu leisten. Man warf ihm vor, die Kirche an die Politik verraten zu haben.

Nach Einschätzung von Christiane Tietz scherten Barth derlei Anfechtungen nicht. Zum einen habe er Theologie nie als Privatsache begriffen, sondern ihr eine wesentliche gesellschaftliche Funktion zugeschrieben: „Den Staat an seine Aufgabe zu erinnern, für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit zu sorgen.“ Zum anderen ging es ihm um wirkliche Erkenntnis, um derentwillen er sich einem Leben im Widerspruch verschrieb. Das tat er nicht zuletzt auch als Privatperson. Im Rahmen ihrer Recherchen erhielt Christiane Tietz Zugang zu Briefen, die bestätigten, dass Barth eine Liebesbeziehung zu seiner Assistentin Charlotte von Kirschbaum unterhielt, was allerdings auch schon lange vermutet wurde. Kirschbaum teilte mit Barth und dessen Ehefrau Nelly von 1929 bis 1966 auch die Wohnung.

„Alle haben unter der Situation gelitten, die Notgemeinschaft zu dritt war für alle eine Qual“, schließt die Christiane Tietz aus den Schreiben. Als Charlotte von Kirschbaum aufgrund einer Demenz schließlich das Haus verlassen musste, hätten sich die Eheleute zwar wieder angenähert. Viel Zeit sei ihnen dann jedoch nicht mehr vergönnt gewesen. Karl Barth schlug sich da längst mit einem schwerkranken „Bruder Leib“ herum und verstarb im Dezember 1968.

Weiterlesen: 100 Jahre Römerbriefkommentar


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Doris Stickler 77 Artikel

Doris Stickler ist freie Journalistin in Frankfurt.

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