Gott & Glauben

Gott ist kein alter weißer Mann. Oder jedenfalls nicht nur.

Hat Gott ein Geschlecht? Nein, würden die meisten Theologinnen und Theologen behaupten. Wenn man „Gott“ aber mal in die Bildersuche von Google eingibt, kommt etwas anderes raus: Gott ist offenbar ein alter weißer Mann. Doch dieses problematische „Image“ kommt langsam ins Wanken. Im Januar hat ein international besetztes wissenschaftliches Symposium an der Frankfurter Goethe-Universität die „weibliche Seite Gottes“ erforscht.

Überall auf der Welt gibt es auch weibliche Repräsentationen des Göttlichen. Hier die indische Göttin Durga. | Foto: Soumik Dey/Unsplash
Überall auf der Welt gibt es auch weibliche Repräsentationen des Göttlichen. Hier die indische Göttin Durga. | Foto: Soumik Dey/Unsplash

„Weibliche Gottesbilder waren in der Antike weitverbreitet“, sagte die Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt, Mirjam Wenzel, in ihrem Eröffnungsvortrag. Sie war eine der Organisatorinnen des Symposiums, bei dem Archäologen, Judaistinnen, Theologen, Islamwissenschaftlerinnen und Kunstgeschichtler ihre Erkenntnisse dem Fachpublikum vortrugen. Dass unter anderem das Jüdische Museum zu dem Thema eingeladen hat, ist kein Zufall. Denn es plant im Herbst eine Ausstellung zum Thema.

Und tatsächlich betrifft die Auseinandersetzung mit der Geschlechtlichkeit Gottes insbesondere die monotheistischen Religionen. Dort, wo vor 3000 Jahren die Israeliten siedelten und quasi den Monotheismus erfanden, spielten Göttinnen wir Astarte, Aschera oder Isis eine große Rolle. Überhaupt hatten die meisten Völker einen vielköpfigen Götterhimmel, in denen männliche, weibliche und andere Gottheiten präsent waren.

Doch mit der Entstehung der Idee von dem einen Gott – dem Monotheismus – trat eine Wende ein. „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ war das erste Gebot, das Moses dem jüdischen Volk auf dem Berg Sinai mitgab. Auch die aus dem Judentum hervorgegangenen andere beiden monotheistischen Religionen Christentum und Islam haben das Bekenntnis zu dem einen Gott im Zentrum ihres Glaubens. Und dieser eine Gott wurde von Anfang an männlich gedacht, oder etwa nicht?

Wenn man sich die Quellen näher anschaut, dann ist das nicht unbedingt richtig. Oder jedenfalls nicht so eindeutig. In der Hebräischen Bibel (dem Alten Testament des Christentums) sind zahlreiche weibliche Gottesbilder anzutreffen. Zum Beispiel die „Weisheit“, die in den Sprüchen Salomons und anderswo fast wie eine Person neben Gott tritt. In christlichen Traditionen, zum Beispiel im Johannesevangelium, hat es den Anschein, als würde Jesus in die Fußstapfen der „Frau Weisheit“ treten und ihre Eigenschaften erben, jedenfalls wird er dort in ganz ähnlichen Worten umschrieben.

Eine andere jüdische Figur ist die Shekhinah, ein Begriff, der die göttliche Präsenz auf Erden umschreibt. Es ist eine Figur mit deutlich weiblicher Konnotation. Im Christentum war es dann später Maria, die quasi wie eine Gottheit auftritt und im Zuge der Kolonialisation in vielen Teilen der Welt auch tatsächlich an die Stelle vorchristlicher weiblicher Gottheiten getreten ist.

Zum Beispiel in Mexiko City, wo die berühmte Wallfahrtskirche der Maria von Guadalupe nicht aus Zufall genau an der Stelle errichtet wurde, wo vorher ein Tempel der aztekischen Fruchtbarkeitsgöttin Tonantzin stand. Auf einen atemberaubenden Ritt durch die Vermischung verschiedener weiblicher Gottheiten rund um die Welt nahm die Soziologin und Anthropologin Nurit Stadler von der Universität Jerusalem das Publikum in ihrer Keynote mit – von italienischen Legenden über Fruchtbarkeitsrituale in Indien bis zu kubanischen Straßenprozessionen in Florida.

Tatsächlich scheint es, allem Monotheismus zum Trotz, eine Sehnsucht der Menschen nach weiblichen Repräsentationen des Göttlichen zu geben. Das jedenfalls ist die These von Moshe Idel, dem zweiten Keynote-Speaker der Konferenz. Diese Sehnsucht würde jedenfalls die derzeit wieder aktueller werdende Beliebtheit der Shekinah in der Kunst und in der Popkultur erklären. Zu wünschen wäre nur, dass sich diese Anleihen auch ein bisschen mit dem beschäftigen, was in der rabbinischen Tradition bereits über die Shekinah geschrieben wurde, wünscht sich Idel, der ebenfalls an der Jerusalemer Universität lehrt und seit vielen Jahrzehnten über das Weibliche in der Kabbala forscht.

Dass selbst Christus, der ja nun eindeutig ein Mann war, zuweilen weibliche Züge annehmen kann, machte die Hamburger Theologieprofessorin Silke Petersen deutlich. So wird etwa im Matthäusevangelium gesagt, er sammele die Kinder von Jerusalem wie eine Henne ihre Küken. In manchen Traditionen, etwa der Herrnhuter Brüdergemeine, wurde Christi Seitenwunde wie eine Vulva dargestellt. Weiblichkeit, so Petersen, sei "ein inhärenter Bestandteil von Christus".

Auch der Islam, die jüngste der monotheistischen Religionen, belegt das Göttliche mit weiblichen Attributen, wenn etwa dasjenige Adjektiv, das im Koran am allerhäufigsten für Gott gebraucht wird, die Barmherzigkeit ist. Das entsprechende arabische Wort, Ar-Rahman, hat denselben Wortstamm wie Gebärmutter, wie Dina El-Omari von der Universität Münster erklärte. Die Beziehung der Menschen mit Gott wird parallelisiert mit der Beziehung von Kindern zu ihrer Mutter.

Es ist also jedenfalls ein breites Feld, das das Jüdische Museum beackert, wenn es im Oktober 2020 die Ausstellung „Die Weibliche Seite Gottes“ eröffnet. Wobei es dabei nicht nur antike Exponate zu sehen geben wird, sondern auch künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Thema, wie die Kuratorin Felicitas Heimann-Jelinek erläuterte. Was sie von den geplanten Exponaten erzählte, ist in der Tat spannend: Eine Künstlerin etwa stellt ein Korsett aus, das für sie mit der Tora vergleichbar ist – beides gibt Halt, grenzt aber auch ein. Ebenfalls zu sehen sein wird die Figur der Göttin Ashera, die Judith Chicago in den 1970er für ihre berühmte Dinner Party gestaltet hat.

Aber das Jüdische Museum Frankfurt ist nicht das einzige, das an dem Thema dran ist. Der Archäologe Martin Peilstöcker verriet in seinem Vortrag über Gottheits-Figurinen aus dem Neolithikum, dass das Bibelhaus Erlebnismuseum in Sachsenhausen derzeit auch eine Ausstellung vorbereitet, die sich unter Gender-Aspekten mit dem Göttlichen beschäftigt. Geplanter Titel: „God f/m/d“. Auch darauf darf man gespannt sein.


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Antje Schrupp 132 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com

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